Reiser & Partner : An Bochum mitgebaut:

Hundertjähriger Architekt prägt bis heute das Wirken seines Unternehmens
„Machen Sie einfach große Bilder, wir wollen gar nicht so viel Text hier“, sagt uns Architekt Dirk Godau im Vorgespräch zu diesem Artikel. Und damit bringt er schon die Philosophie des Bochumer Architekturbüros Reiser & Partner GmbH auf den Punkt. Die Bauwerke, geplant und erstellt mit Leidenschaft und Fachkunde, sollen eigentlich für sich sprechen. Dabei gibt es rundherum noch viel zu erzählen. Alle, die regelmäßig in Bochum unterwegs sind, kennen Gebäude, die Firmengründer Roman Reiser gebaut hat. Angefangen mit dem lange Zeit höchsten Haus der Stadt, dem Europahaus, über das Sudhaus der Fiege-Brauerei, das Bomin Haus, das Kloster Stiepel bis zum Studentenwohnheim Hegge Kolleg, um nur die Bekannteren zu nennen. Reiser hat Spuren hinterlassen. Wenn er demnächst seinen 100. Geburtstag feiert, kann er gleichzeitig sicher sein, dass sein Lebenswerk nicht nur in Stein, Beton und Mörtel manifestiert ist, sondern sogar noch weiterlebt. Das im Bund Deutscher Architekten aktive Büro trägt bis heute seinen Namen, obwohl es schon zum zweiten Mal ehemalige Mitarbeiter sind, die die Geschäftsführung übernommen haben. Ein Familienunternehmen im Geiste, so könnte man wohl sagen. Im 66. Jahr steht das Bochumer Büro und hat – auch in der „Nach-Reiser-Ära“ – viele Auszeichnungen erhalten. „Besonders haben wir uns über die Auszeichnung des BDA gefreut, die wir für die Sanierung und Erweiterung des Kulturzentrums in Herne bekamen“, so Dirk Godau, „das ist ein schönes Beispiel für echte Nachhaltigkeit am Bau. Nicht nur in Bezug auf die Bausubstanz eines Hauses, die man noch verwertet, soweit das möglich ist, sondern auch mit Blick auf die Ausstrahlung eines Gebäudes muss man individuelle Konzepte finden. Ein Haus soll doch seine Umgebung positiv beeinflussen und es soll gute Gefühle bei seinen Bewohnern oder Benutzern auslösen.“

Umfassende Nachhaltigkeit im Bau – technisch wie kulturell

Umbau mit Respekt vor dem Bestand bestimmt zeitgemäßes und nachhaltiges Bauen, wie es das Bochumer Büro praktiziert. Dirk Godau: „Das ist wohl intellektuell die größte Herausforderung, bei bestehenden Gebäuden weiterzudenken statt umzukrempeln. Das Kulturzentrum Herne beispielsweise hat inzwischen nicht mehr dieselben Abläufe wie früher. Heute muss auch der Zugang über eine andere Ebene erfolgen. Die städtebauliche Kante, die dieses Zentrum setzt, wollten wir in die heutige Zeit überführen. Das Erscheinungsbild sollte aktualisiert werden, Treppen sollten erhalten bleiben und auf Grundlage des Alten sollte etwas Neues entstehen.“ Besondere Anforderungen gab es auch an die Akustik. Die „Tage alter Musik“ finden dort regelmäßig statt, das Ereignis wird auch im WDR übertragen. Die Umbauten mussten auf den Punkt fertig werden, weil wieder Veranstaltungen anstanden, es waren schon Karten verkauft.

Drei Köpfe – drei Kernkompetenzen

Gerade bei großen Aufträgen wünschen sich die Bauherren oft nur einen Ansprechpartner, das können die Bochumer Architekten anbieten. Bei der Reiser & Partner GmbH hat sich nämlich jeder der drei Architekten auf seinen Neigungsschwerpunkt fokussiert. Zwar können alle alles, manches liegt dem einen aber mehr als dem anderen. Nachdem Dirk Godau entworfen und geplant hat, übernimmt Eckard Schäfer die Ausführung. Der Architekt mit zahlreichen Zusatzqualifikationen, unter anderem als zertifizierter Bauleiter, koordiniert vor Ort die verschiedenen Gewerke. Eckard Schäfer: „Objektüberwachung, Projektmanagement und das Ausschreiben von Leistungen ist sinnvollerweise in einer Hand. Damit am Ende auf der Baustelle eins ins andere greift, muss man immer den Überblick behalten. Dadurch können wir eben auch eine Vielzahl von Leistungen aus einer Hand anbieten: Generalplanung, Tragwerksplanung, technische Gebäudeausrüstung, Bodengutachten, Brandschutzsanierung und dergleichen mehr übernehmen wir mit unserem Team aus 16 festen Mitarbeitern und einem Stamm von Partnern.“ Ganz aktuell ist in der Branche auch Corona ein Thema. Wie kann man optimale Belüftung von Räumen sicherstellen? Muss man langfristig Überlegungen zum Bau in Pandemiezeiten anstellen? Fragen, die Architekten mit den verschiedenen Fachplanern abstimmen müssen. „Wir haben den Überblick, diese Detailfragen klären wir mit den Experten“, so Eckard Schäfer.

Bauen auch für die nächsten Generationen: Passivhäuser

Immer mehr Bauherren entscheiden sich mittlerweile für ein Passivhaus. Für diese Bauweise, energieeffizient, komfortabel, wirtschaftlich und umweltfreundlich, ist Ulrich Becker der Experte im Team: „Vorher etwas mehr Geld ausgeben, um dann auf lange Sicht massiv Energiekosten zu sparen, das ist gerade für Menschen interessant, die etwas an ihre Nachkommen weitergeben möchten“, erläutert er, „wir haben aber auch schon ein Schulgebäude als Passivhaus errichtet. Die öffentliche Hand profitiert davon.“ Energetische Sanierung ist ebenfalls ein wichtiges Feld. Als zertifizierter Passivhausbauer und staatlich anerkannter Sachverständiger für Schall- und Wärmeschutz bringt Ulrich Becker genau die Kompetenzen ein, die im Hinblick auf unsere Zukunft und den Umweltschutz immer gefragter sind.

Durchdacht und sehenswert zugleich: Vorzeigeprojekte

Bei konkurrierenden Architektenwettbewerben hat das Büro oft die Nase vorn. Gerade bekam man den Zuschlag für Planung und Bau einer Grundschule in Bochum. „Auch pädagogische Anforderungen mussten wir hier mit einbeziehen. Heute wird anders gelernt als früher. Es gibt Gruppenräume und Lernlandschaften. Die klassischen Gebäude der letzten Jahrzehnte erfüllen die aktuellen Bedürfnisse nicht mehr“, so Dirk Godau. Besonders stolz kann er auch auf eine andere Grundschule sein, für die sein Team den ersten Preis in einem Wettbewerb bekam. „Wir hatten eine Fassade aus verzinkten Metallflächen gebaut. Danach hagelte es von überall Anfragen nach der Art und Weise, wie wir das realisiert hatten“, berichtet Dirk Godau. Sehr ähnlich sieht diese Grundschule übrigens dem bekannten Haus mit Metallfassade im Düsseldorfer Medienhafen. Allerdings wurde die Schule schon einige Jahre früher gebaut… Vorbildcharakter wird in jedem Fall auch das aktuell in der Planung befindliche Hotel am Halterner See haben. Direkt am Wasser entsteht ein Inklusions-Hotel mit 80 Zimmern, Gastronomie und Tagungsbereichen. 2022 soll es fertig sein und damit eine weitere Spur, die das Architekturbüro in der Region hinterlassen hat.

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Ausgabe 04/2020