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Industriekonjunktur in Nordrhein-Westfalen: Erhebliche Unterschiede

Die Stimmung der Industrie in NRW bleibt gedrückt – doch die regionalen Unterschiede sind erheblich. Ein Überblick über Lage und Aussichten.

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von Maximilian Lange 06.01.2026
(© ­­­nmann77 − stock.adobe.com)

Die nordrhein-westfälische Industrie steht unter Druck. Das zeigen die aktuellen Konjunkturumfragen der Industrie- und Handelskammern im Land eindrucksvoll. Doch während manche Regionen besonders stark unter Druck stehen, herrscht andernorts zumindest noch Stagnation – und vereinzelt zeigen sich sogar vorsichtige Hoffnungsschimmer. Ein genauer Blick auf die Zahlen offenbart: NRW ist industriell kein homogener Block, sondern ein Flickenteppich unterschiedlicher Entwicklungen.

 

NRW insgesamt: Industrie im Abwärtssog

Beginnen wir mit dem Gesamtbild. Die IHK NRW hat im Herbst 2025 rund 4.500 Unternehmen befragt und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Der Lageindikator für die Industrie liegt bei minus 23 Punkten – deutlich schlechter als die Gesamtwirtschaft mit minus 5 Punkten. 38 Prozent der Industrieunternehmen bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als schlecht, nur 15 Prozent als gut. Noch dramatischer: Seit Ende der Corona-Pandemie hat der Lageindikator der Industrie in drei Jahren 59 Punkte verloren.

Die Hauptrisiken sind klar benannt: unsicheres Außenhandelsumfeld mit drohenden Zöllen, hohe Energie- und Arbeitskosten sowie schwache Inlandsnachfrage. Hinzu kommt eine wirtschaftspolitische Unsicherheit, die Investitions- und Einstellungsentscheidungen lähmt. Der Investitionsindikator liegt bei minus 19 Punkten, der Beschäftigungsindikator bei minus 21 Punkten. Doch diese Durchschnittswerte verschleiern die teils erheblichen regionalen Unterschiede. Wo genau steht die Industrie in den einzelnen Landesteilen?

 

Südwestfalen: Besonders starker Gegenwind

Zu den am stärksten belasteten Regionen gehört Südwestfalen – die Region rund um Siegen, Hagen und Arnsberg. Der Konjunkturklimaindex liegt hier bei nur 87 Punkten, deutlich unter dem neutralen Wert von 100. Der Lagesaldo beträgt minus 17 Punkte, die Erwartungen liegen bei minus 8 Punkten.

Besonders besorgniserregend: Über 40 Prozent der Industrieunternehmen in Südwestfalen bewerten ihre Lage als schlecht. Nur knapp ein Fünftel sieht Besserung in Sicht. Bei den Exporten zeigt sich ein ähnlich düsteres Bild: Nur 17 Prozent der exportorientierten Betriebe erwarten steigende Ausfuhren, während 29 Prozent mit Rückgängen rechnen. Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Nur 17 Prozent der Betriebe planen höhere Investitionen, 38 Prozent hingegen Kürzungen. Beim Personal sieht es nicht besser aus: 32 Prozent erwarten eine sinkende Mitarbeiterzahl, nur 8 Prozent planen Personalaufbau. Fast die Hälfte der Unternehmen beurteilt ihre finanzielle Situation als problematisch, jedes sechste berichtet von Liquiditätsengpässen.

Die SIHK zu Hagen fasst die Situation zusammen: „Die schwache Inlandsnachfrage wird von 66 Prozent der Unternehmen als größtes Risiko genannt, dicht gefolgt von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und steigenden Arbeitskosten mit je 61 Prozent.“

 

Düsseldorf und Mittlerer Niederrhein: Dauerkrise statt Trendwende

Auch am Niederrhein bleibt die Lage angespannt. Die IHKs Düsseldorf und Mittlerer Niederrhein sprechen in ihrer gemeinsamen Herbstumfrage von einer „Dauerkrise statt Trendwende“. Der Geschäftslageindikator liegt bei minus 12 Punkten – ein Fünfjahrestief. Die Geschäftserwartungen haben sich auf minus 8,3 Punkte verschlechtert, nach minus 2,7 Punkten im Vorjahr. Ein Blick in die Teilregionen zeigt unterschiedliche Ausprägungen, aber durchweg belastete Situationen: In Krefeld bewerten 16 Prozent ihre Lage als gut, knapp 23 Prozent als schlecht. In Mönchengladbach sind es 26 Prozent gute und knapp 29 Prozent schlechte Urteile. Der Rhein-Kreis Neuss liegt bei 22 Prozent guten und 32 Prozent schlechten Bewertungen, der Kreis Viersen bei 29 Prozent gut und 32 Prozent schlecht. Besonders problematisch: Rund ein Drittel der Unternehmen bewertet die aktuelle Lage kritisch, und 80 Prozent dieser Gruppe erwarten keine Besserung in den kommenden Monaten. Die IHK Mittlerer Niederrhein nennt als größte Risikofaktoren „die schwache Inlandsnachfrage mit 57,6 Prozent, hohe Arbeitskosten mit 49,5 Prozent und Energiepreise mit 42,6 Prozent“.

 

Ostwestfalen-Lippe: Deutlich unter Druck

In Ostwestfalen-Lippe zeigt sich ein differenziertes Bild. Die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld meldet für die Gesamtwirtschaft noch einen leicht positiven Lagesaldo von plus 5 Punkten – knapp ein Drittel der Unternehmen bewertet ihre Lage als gut, rund ein Sechstel als schlecht. Doch in der Industrie sieht es anders aus: Hier liegt der Lagesaldo deutlich im negativen Bereich, die Erwartungen bleiben pessimistisch.

Die Investitionsbereitschaft ist gering: Rund ein Drittel der Industrieunternehmen will weniger investieren, nur eine kleine Minderheit mehr. Beim Personal zeigt sich ein ähnliches Bild: Etwa ein Viertel plant Abbau, nur gut zehn Prozent stellen neue Mitarbeitende ein. Besonders die Exporterwartungen sind düster: 41 Prozent der Industriebetriebe rechnen mit rückläufiger Auslandsnachfrage, nur 13 Prozent mit Zuwächsen.

Im Bezirk der IHK Lippe zu Detmold fällt das Bild noch etwas schlechter aus. 44 Prozent der Industrieunternehmen bewerten ihre Lage als schlecht, nur etwa ein Achtel als gut. Beim Auftragsbestand geben 43 Prozent an, dass dieser innerhalb eines Jahres zurückgegangen ist, nur 18 Prozent melden Zuwächse. Rund ein Viertel der Betriebe plant Personalabbau, knapp ein Fünftel will zusätzliche Mitarbeiter einstellen.

Als Hauptrisiken nennen die Unternehmen in OWL wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen mit 63 Prozent, schwache Inlandsnachfrage mit 61 Prozent, Fachkräftemangel mit 47 Prozent und Energiepreise mit 43 Prozent.

 

Region Aachen: Längste Negativphase seit 30 Jahren

Die Region Aachen erlebt die längste Negativphase seit Beginn der digitalen Erhebung 1995. Zum elften Mal in Folge überwiegen die pessimistischen Erwartungen. Insgesamt bewerten 26 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 23 Prozent als schlecht – ein Saldo von plus 3 Punkten, der weiter sinkt. Nur 19 Prozent erwarten bessere Geschäfte, 24 Prozent eine Verschlechterung.

In der Industrie bleibt die Lage überwiegend schwach: 20 Prozent melden gute, 28 Prozent schlechte Geschäfte. Doch hier gibt es einen Hoffnungsschimmer: Erstmals seit Herbst 2022 sind die Erwartungen der Industrie leicht positiv. 26 Prozent rechnen mit einer Verbesserung, 20 Prozent mit einer Verschlechterung.

Interessant sind auch hier die regionalen Unterschiede: Die Stadt Aachen meldet 34 Prozent gute und 16 Prozent schlechte Lagen – ein Lagesaldo von plus 18 Punkten. Die Erwartungen sind allerdings wieder im Minus mit einem Saldo von minus 8. Der Kreis Düren kommt auf plus 7 Punkte bei der Lage und einen Erwartungssaldo von null. Der Kreis Euskirchen hingegen liegt bei minus 8 Punkten, der Kreis Heinsberg bei plus 3 Punkten Lage und minus 6 Punkten Erwartung.

 

Nord-Westfalen: Stillstand auf niedrigem Niveau

Das Münsterland und die Emscher-Lippe-Region – zusammengefasst im Bezirk der IHK Nord Westfalen – befinden sich in einem „konjunkturellen Stillstand“, wie die Kammer feststellt. Der Klimaindikator liegt seit drei Jahren bei knapp 100 Punkten und damit auf einem niedrigen Stagnationsniveau. Die Lage bleibt ernst, Industrie und Handel beurteilen ihre Situation unterdurchschnittlich, während Dienstleistungen über dem Mittel liegen. Jeder zweite Industriebetrieb sieht seinen Auslandsabsatz gefährdet. 28 Prozent der Exporteure rechnen mit weiteren Rückgängen in den kommenden Monaten. Bei der Beschäftigung will die Mehrheit die Personalstärke stabil halten, aber jedes vierte Unternehmen plant weniger Beschäftigte. Die IHK Nord Westfalen betont: „Insbesondere die Industrie und die Emscher-Lippe-Region rechnen mit weiteren Stellenabbaumaßnahmen.“

 

Ruhrgebiet: Stabilität im Negativen

Im Ruhrgebiet zeigt sich ein etwas stabileres Bild als in vielen anderen Regionen, wenngleich auf niedrigem Niveau. Laut dem 115. Ruhrlagebericht vom Herbst 2025 bewerten 25 Prozent der Industriebetriebe die Geschäftslage als gut – ein leichter Anstieg gegenüber 22 Prozent im Vorjahr. 46 Prozent sehen eine stabile Situation, weniger als ein Drittel beurteilt die Lage als schlecht.

Bei den Erwartungen rechnen 62 Prozent der Industrieunternehmen mit stabilen Verhältnissen – rund 10 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Der Anteil negativer Geschäftserwartungen sinkt um etwa 7 Punkte auf 24 Prozent. Die Auftragseingänge bleiben allerdings überwiegend konstant oder rückläufig.

Als größtes Risiko nennen 64 Prozent der Unternehmen wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen – in der Industrie sind es sogar 66 Prozent. Die Inlandsnachfrage wird von 62 Prozent als Problem gesehen, der Fachkräftemangel von knapp 50 Prozent, Energie- und Rohstoffpreise von 44 Prozent.

 

Köln: Exportpessimismus dominiert

Die Region Köln fällt durch besonders schwache Exporterwartungen auf. 38 Prozent der Industrieunternehmen erwarten in den kommenden zwölf Monaten einen Rückgang der Exporte, 55 Prozent gehen von konstanten Ausfuhren aus. Nur etwa jedes siebte Unternehmen – rund 14 Prozent – rechnet mit einem Anstieg. Der Exportindikator liegt deutlich im negativen Bereich und hat sich gegenüber der Vorumfrage nochmals verschlechtert.

 

Was bedeutet das für Unternehmer?

Die regionalen Unterschiede in der Industriestimmung sind erheblich – und sie zeigen, dass pauschale Urteile über „die NRW-Industrie“ zu kurz greifen. Während in Südwestfalen und am Mittleren Niederrhein viele Betriebe besonders stark unter Druck stehen, herrscht im Ruhrgebiet und in Nord-Westfalen zumindest eine gewisse Stabilität auf niedrigem Niveau. In Aachen gibt es sogar erste vorsichtig positive Signale aus der Industrie.

Für Sie als Unternehmer bedeutet das: Ihre Strategie sollte sich nicht nur an den Landesdurchschnitten orientieren, sondern an den spezifischen Gegebenheiten Ihrer Region und Ihrer Branche. Wer exportorientiert ist, spürt den Gegenwind besonders stark – hier sollten Sie Diversifizierungsstrategien prüfen und alternative Märkte erschließen. Wer stark auf Inlandsnachfrage angewiesen ist, muss kreative Wege finden, um Kunden trotz deren Zurückhaltung zu überzeugen.

Die hohen Energie- und Arbeitskosten bleiben ein strukturelles Problem, das politische Lösungen erfordert. Doch darauf zu warten, wäre fatal. Effizienzsteigerungen, Prozessoptimierungen und der Einsatz neuer Technologien können helfen, Kosten zu senken und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Der Fachkräftemangel lässt sich durch attraktive Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsangebote und eine kluge Personalpolitik zumindest abmildern.

Die Unsicherheit bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zwingt zu flexiblen Planungsszenarien. Wer heute noch investiert, sollte auf schnelle Amortisation achten und verschiedene Entwicklungen durchspielen. Die Bereitschaft, auch in schwierigen Zeiten zu investieren, kann allerdings ein Wettbewerbsvorteil sein – wenn die Konkurrenz sich zurückzieht, entstehen Marktchancen.

Die Daten zeigen auch: Es gibt keinen Grund für Panik, aber sehr wohl für entschlossenes Handeln. Die Industrie in NRW steht vor einer Bewährungsprobe, aber sie ist nicht am Ende. Regionen wie das Ruhrgebiet haben in ihrer Geschichte schon ganz andere Krisen überstanden. Die Frage ist nicht, ob die Industrie überlebt, sondern wie sie sich anpasst – und welche Unternehmen die Transformation erfolgreich meistern.

Die regionalen Unterschiede bieten übrigens auch Chancen: Wer in einer stark belasteten Region sitzt, kann von Netzwerkeffekten in stabileren Nachbarregionen profitieren. Kooperationen über Regionsgrenzen hinweg, gemeinsame Einkaufsgemeinschaften oder die Erschließung neuer Kundenkreise in anderen Landesteilen können neue Perspektiven eröffnen.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Die Industrie in NRW ist so vielfältig wie das Land selbst. Pauschale Rezepte greifen nicht. Erfolg wird haben, wer seine eigene Situation realistisch einschätzt, die Potenziale seiner Region nutzt und die Schwächen durch kluges unternehmerisches Handeln kompensiert. Die Zahlen der IHKs liefern dafür eine wertvolle Orientierung – sie zeigen, wo Sie stehen und wo Ihre Region steht. Was Sie daraus machen, liegt in Ihrer Hand.

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