Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die deutsche Wirtschaft steckt fest. Die DIHK-Konjunkturumfrage Herbst 2025 zeigt: Nur 25 Prozent der Betriebe bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut, ebenso viele sprechen von einer schlechten Lage – der Lagesaldo liegt damit bei null, berichtet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Noch düsterer fallen die Erwartungen aus: Nur 15 Prozent rechnen mit einer Verbesserung in den kommenden zwölf Monaten, jedes vierte Unternehmen befürchtet eine weitere Verschlechterung.
„Die Regierung hat die richtigen Themen erkannt, aber noch nicht die notwendige Schlagkraft entwickelt“, so DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov. „Nach drei Jahren ohne Wachstum brauchen wir mehr als Symbolpolitik.“
Energiepreise als Standortkiller
Für viele Industriebetriebe in NRW bleiben die Energiekosten der größte Belastungsfaktor. Besonders die Grundstoff- und energieintensive Industrie – etwa Chemie, Stahl oder Papier – steht unter Druck. Die Kostenentwicklung erschwert Investitionsentscheidungen, und der Mangel an verlässlichen Rahmenbedingungen verstärkt die Unsicherheit.
In einem gemeinsamen industriepolitischen Impuls von Land, Wirtschaft und Verbänden warnte Unternehmer NRW im März 2025 vor den Folgen dieser Belastungen. Verbandspräsident Arndt G. Kirchhoff betonte dabei: „Unsere Industrie braucht bezahlbare Energie, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen. Wenn wir diese Standortfaktoren nicht verbessern, gefährden wir Wertschöpfung und Arbeitsplätze.“
Was können Unternehmen selbst tun? Erstens, Energieeffizienzpotenziale konsequent ausschöpfen – viele Maßnahmen amortisieren sich schnell. Zweitens, Förderangebote nutzen, die sowohl für Effizienzmaßnahmen als auch für erneuerbare Energien bereitstehen. Drittens, sich über Branchenverbände stärker in die politische Debatte einbringen: Gemeinsame Forderungen haben deutlich mehr Wirkung als Einzelstimmen.
Bürokratie frisst Zeit und Geld
Genehmigungen dauern in Deutschland im EU-Vergleich extrem lange. Wer eine neue Halle bauen, eine Photovoltaikanlage errichten oder Produktionslinien erweitern will, wartet oft Monate auf behördliche Freigaben. Hinzu kommen neue Berichtspflichten: Lieferkettengesetz, ESG-Reporting, EU-Taxonomie – viele Mittelständler sind überfordert.
Eine vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM Bonn) herausgegebene Studie zu Bürokratiekosten im Maschinen- und Anlagenbau kommt zu dem Schluss, dass schwache Konjunktur und Fachkräftemangel die Unternehmen zwingen, Kosten zu senken – zusätzliche Berichtspflichten und Kontrollvorgaben verschärften diesen Druck. Die Kosten für bürokratische Aufwendungen betragen zwischen 1,3 % im größten Unternehmen und gut 6 % im kleinsten Unternehmen, so die Studie.
Für Unternehmer heißt das: Investieren Sie in professionelle Compliance-Strukturen, bevor Sie von Nachforderungen überrascht werden. Nutzen Sie externe Berater für ESG-Reporting und Lieferkettengesetz – das spart interne Ressourcen. Und setzen Sie auf Digitalisierung der eigenen Prozesse: Wer seine Daten strukturiert erfasst, kann Berichtspflichten deutlich schneller erfüllen.
Fachkräfte fehlen überall
Eine aktuelle Erhebung des IW im Herbst 2025 zeigt für den MINT-Bereich in Deutschland eine erhebliche Lücke: Laut dem MINT Herbstreport 2025 fehlen etwa 150.000 bis 163.600 Fachkräfte in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Diese Lücke trifft auch die Industrie – also den Bereich, der dringend auf Ingenieure, Techniker und Facharbeiter angewiesen ist.
Zugleich meldet das IW aber für 2026: 36 % aller Unternehmen wollen Personal abbauen, während nur 18 % Neueinstellungen planen. In der Industriebranche konkret wollen 41 % der befragten Firmen Stellen abbauen, nur rund jede siebte Industrie-Firma plant neue Jobs. Das klingt zunächst widersprüchlich – gleichzeitig klafft ein Fachkräftemangel, und Firmen bauen Jobs ab. Doch der Konflikt offenbart die strukturellen Probleme: Während in einigen Bereichen die Nachfrage wegbricht und Stellen entfallen, existieren parallel massive Engpässe bei dringend benötigten Fachkräften. Eine nachhaltige Lösung kann nur auf zwei Säulen beruhen: Ausbildung und Weiterbildung stärken sowie Arbeitsbedingungen und Arbeitgeberattraktivität verbessern.
Investitionsschwäche gefährdet die Zukunft
Deutsche Industriebetriebe investieren derzeit deutlich zurückhaltender als internationale Wettbewerber. Laut dem NRW.BANK.ifo-Geschäftsklima für Nordrhein-Westfalen ist das Geschäftsklima im Oktober 2025 erneut eingebrochen: Der Indikator liegt bei –9,7 Saldenpunkten. Besonders betroffen sind Branchen wie Metall und Chemie; dort berichten viele Firmen von sinkender Auslastung und schwacher Nachfrage. Parallel meldet das IW für das kommende Jahr 2026: 33 % aller Unternehmen planen, weniger zu investieren, nur 23 % wollen mehr investieren.
Wenn Investitionen in moderne Anlagen, Digitalisierung oder energie- und ressourceneffiziente Prozesse ausbleiben, drohen veraltete Produktionsstätten, ein Rückgang der Produktivität und langfristig ein Verlust der Wettbewerbsfähigkeit – gerade in Sektoren mit hohem Investitions- und Innovationsbedarf. Diese Investitionsschwäche untergräbt die Modernisierung der industriellen Basis und gefährdet langfristig Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und Standortqualität.
Gerade jetzt sollten Unternehmen konsequent in Automatisierung, Digitalisierung und Energieeffizienz investieren. Wer wartet, bis sich die Nachfrage stabilisiert, riskiert den Anschluss zu verlieren.
Digitalisierung als Chance nutzen
Ein Lichtblick kommt aus der Digitalwirtschaft. Der Branchenverband Bitkom bezeichnet sie 2025 als „Lichtblick in der Rezession“: Trotz schwierigem Umfeld erwartet der Verband ein Umsatzplus von 4,4 Prozent auf 235,8 Milliarden Euro und weiteres Beschäftigungswachstum.
Produzierende Unternehmen kommen um eine weitere Digitalisierung kaum herum: Wer jetzt in Cloud-Lösungen, Automatisierung, KI-gestützte Prozesse und digitale Geschäftsmodelle investiert, kann Kostennachteile ausgleichen und neue Märkte erschließen. Allerdings: Die EU-Regelwerke zum KI-Einsatz (AI Act) sorgen für Unsicherheit und Compliance-Kosten. Auch hier gilt: Frühzeitig informieren, beraten lassen und strukturiert vorgehen.
Was die Politik jetzt tun muss
Die Forderungen der Wirtschaft an die Politik sind klar. Der ZVEI fordert in seiner „Agenda für die Industrie von morgen“ explizit „niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie und eine leistungsfähige Verwaltung, um die Elektro- und Digitalindustrie langfristig am Standort Deutschland zu halten“.
Der BDI kritisiert im Innovationsindikator 2025, dass Deutschland im internationalen Innovationswettlauf auf der Stelle tritt, während Wettbewerber vorbeiziehen. Nur eine stringente Innovations- und Investitionspolitik könne den Standort zukunftsfähig halten – gefordert werden bessere Rahmenbedingungen vom Breitbandausbau bis zum Bürokratieabbau.
Handlungsempfehlungen für Unternehmer
Trotz aller Widrigkeiten: Unternehmer können und müssen jetzt handeln. Erstens: Energiekosten senken durch Effizienzmaßnahmen und eigene Stromerzeugung. Zweitens: Bürokratie bewältigen durch professionelle Strukturen und externe Unterstützung. Drittens: Fachkräfte sichern durch Ausbildung, attraktive Arbeitsbedingungen und gezielte Weiterbildung. Viertens: In Digitalisierung und Automatisierung investieren, um Produktivität zu steigern. Fünftens: Branchenverbände nutzen, um politischen Druck aufzubauen.
Die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos. Wer jetzt klug investiert, Kosten im Griff behält und seine Mitarbeiter mitnimmt, kann gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die deutsche Industrie hat schon viele Krisen überstanden – auch diese wird sie meistern.
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