Auf den ersten Blick ist es schwer zu begreifen: Nordrhein-Westfalens Unternehmen bauen Stellen ab, gleichzeitig klagen sie über massiven Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen? Die Antwort ist komplex – und für Unternehmer existenziell wichtig.
Die Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild. Im November 2025 sank die Arbeitslosigkeit in NRW auf 765.710 Personen, die Arbeitslosenquote liegt bei 7,6 Prozent. Gleichzeitig meldeten Unternehmen nur 23.896 neue offene Stellen – „vergleichsweise gering“, wie die Bundesagentur für Arbeit feststellt. Über das gesamte Jahr 2025 wurden bisher etwas mehr als 256.000 Stellen gemeldet – deutlich weniger als in früheren Job-Boomjahren.
Dennoch: Eine aktuelle Sonderauswertung der Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern Mittlerer Niederrhein und Düsseldorf im Herbst 2025 zeigt ein anderes Bild. Rund 750 Unternehmen mit mehr als 60.000 Beschäftigten haben sich über die Herausforderung geäußert, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu rekrutieren. Mit 44 Prozent schätzt ein großer Teil der Betriebe den Fachkräftemangel als wesentliches Geschäftsrisiko ein.
„Der Fachkräftemangel ist nicht nur eine kurzfristige Herausforderung aufgrund der konjunkturellen Lage, sondern ein dauerhaftes strukturelles Problem“, betont Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein. Zwar ist die Relevanz des Fachkräftemangels gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, doch liegt sie weiterhin deutlich über den Werten des vergangenen Jahrzehnts. „Klar ist: Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Der Rückgang der Relevanz spiegelt vor allem wider, dass Unternehmen in der derzeitigen Wirtschaftskrise weniger Personal einstellen“, erläutert Steinmetz. „Das strukturelle Problem bleibt bestehen. Es ist eher bemerkenswert, dass der Fachkräftemangel angesichts der vielen Probleme der deutschen Wirtschaft weiterhin von so vielen Unternehmen als wesentliches Risiko angesehen wird.“ Wie kann beides gleichzeitig wahr sein?
Der Arbeitsmarkt spaltet sich
Die Lösung des Paradoxons liegt in der Spaltung des Arbeitsmarkts. Während bestimmte Branchen massiv Stellen abbauen, fehlen in anderen Bereichen dringend qualifizierte Fachkräfte. Diese Spaltung verläuft entlang dreier Linien: nach Branche, nach Qualifikation und nach Region.
Besonders dramatisch zeigt sich die Entwicklung in der Industrie. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: Viele Industrieunternehmen planen für 2025 Stellenabbau. Die Automobilindustrie ist besonders betroffen. Analysen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY zeigen einen massiven Arbeitsplatzabbau in der Branche – bundesweit verlor die Autoindustrie im Jahresvergleich etwa 51.500 Stellen, was einem Rückgang von 6,7 Prozent entspricht.
Parallel dazu herrscht in anderen Bereichen akuter Personalmangel. Besonders dramatisch ist die Situation im Baugewerbe: Fast zwei Drittel der Bauunternehmen haben große Schwierigkeiten bei der Personalsuche. Im Dienstleistungssektor und Einzelhandel liegen die Werte mit 48 beziehungsweise 46 Prozent ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt. Trotz zurückhaltender Personalpläne infolge der konjunkturellen Unsicherheiten können fast 40 Prozent der Betriebe ihre offenen Stellen längerfristig nicht besetzen. „Längerfristig unbesetzte Stellen schwächen die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität unserer Unternehmen spürbar“, so Steinmetz.
Der IHK-Fachkräftemonitor prognostiziert für NRW einen dramatischen Anstieg: Von aktuell rund 290.000 unbesetzten Stellen auf voraussichtlich bis zu 610.000 im Jahr 2035. „Bis 2035 werden rund 2,5 Millionen Erwerbstätige in Rente gehen“, warnt Wolfgang Trefzger, Geschäftsführer Bildung & Fachkräfte bei IHK NRW.
Die Qualifikationsfalle
Der zweite Schlüssel zum Verständnis liegt in der Art der benötigten Qualifikationen. Unternehmen entlassen vielfach Personal in Bereichen, in denen sie strukturell keine Zukunft mehr sehen – etwa in der Verbrennertechnologie der Automobilindustrie. Gleichzeitig suchen sie händeringend nach Fachkräften mit anderen Qualifikationen: Mechatroniker, Spezialisten für Energietechnik, IT-Fachkräfte für Digitalisierung und Elektrifizierung.
„Besonders betroffen sind gewerblich-technische Berufe wie Mechatronik, Energie- und Vermessungstechnik sowie kaufmännische und dienstleistungsnahe Tätigkeiten“, heißt es im IHK-Fachkräftemonitor. Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation zeigt: In Handwerksberufen herrscht flächendeckend Fachkräftemangel. Auch in Energietechnik, Mechatronik und Automatisierungstechnik zeigen sich in nahezu ganz NRW Engpässe.
Die IHK-Umfrage verdeutlicht, dass vor allem Fachkräfte mit beruflicher Aufstiegsqualifikation wie Fachwirte oder Meister schwer zu finden sind. „Dies unterstreicht die Bedeutung der beruflichen Weiterbildung und der dualen Ausbildung, um den Fachkräftebedarf nachhaltiger zu decken“, erklärt Steinmetz.
Ein Arbeitsloser aus der Automobilindustrie, der 20 Jahre Erfahrung mit Dieselmotoren hat, hilft einem Handwerksbetrieb nicht weiter, der einen Elektriker sucht. Die Qualifikationen passen nicht zusammen – und Umschulungen brauchen Zeit und Geld.
Das regionale Gefälle
Die dritte Dimension des Paradoxons ist geografisch. Der Arbeitsmarkt in NRW entwickelt sich regional sehr unterschiedlich. Während in einigen Metropolregionen die Nachfrage nach Fachkräften hoch bleibt, sind andere Regionen stärker vom Strukturwandel und Arbeitsplatzabbau betroffen. Untersuchungen zeigen: Besonders in ländlich geprägten Regionen wie Ostwestfalen-Lippe lassen sich für viele Berufsgruppen deutliche Fachkräfteengpässe ausmachen.
Teure Konsequenzen
Die Folgen des Fachkräftemangels sind weitreichend: 65 Prozent der Betriebe erwarten steigende Arbeitskosten, 59 Prozent eine Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft. Im Baugewerbe melden dies sogar rund 80 Prozent der Betriebe. Knapp ein Drittel der befragten Unternehmen fürchtet Einschränkungen im Angebotsportfolio und Auftragsverluste.
„Wenn einzelne Unternehmen ihre Nachfrage aufgrund von Personalmangel nicht bedienen können, leidet auch die Wirtschaft insgesamt“, sagt Steinmetz. „Wir brauchen deshalb auch auf politischer Ebene wirksame Strategien.“ Immerhin 9 Prozent der Betriebe geben an, dass eine Verlagerung ins Ausland als Folge des Fachkräftemangels in Frage kommt. In der Industrie sind es sogar fast 16 Prozent. „Das macht uns natürlich große Sorgen, das würde über die Wertschöpfungsketten die gesamte Wirtschaft und unseren Standort schwer belasten“, so der IHK-Hauptgeschäftsführer.
Chancen für Unternehmer
Die paradoxe Situation bietet auch Chancen. Wer jetzt die richtigen Fachkräfte hat oder findet, verschafft sich einen massiven Wettbewerbsvorteil. Die Frage ist: Wie gelingt das?
Aus Sicht der befragten Unternehmen würden unter anderem auch finanzielle Anreize helfen, um beispielsweise ältere Beschäftigte über das Renteneintrittsalter hinaus im Erwerbsleben zu halten. „Steuerliche Vorteile und flexibel gestaltete Arbeitsmodelle können dazu beitragen, wertvolles Fachwissen länger zu sichern“, erläutert Steinmetz. Die Mehrheit der Unternehmen sieht hier dringenden Handlungsbedarf.
Drei strategische Ansätze sind jetzt entscheidend:
Erstens: Weiterbildung intensivieren. „Die duale Ausbildung bleibt ein Kernelement unserer Stärke, doch sie muss modernisiert, digital unterstützt und auf Zukunftskompetenzen ausgerichtet werden“, so Steinmetz. Wer heute in die Qualifizierung seiner Belegschaft investiert, sichert sich morgen die Fachkräfte, die am Markt nicht mehr zu finden sind.
Zweitens: Attraktivität als Arbeitgeber steigern. In Zeiten, in denen qualifizierte Fachkräfte sich ihre Arbeitgeber aussuchen können, müssen Unternehmen mit mehr als nur Gehalt punkten: flexible Arbeitsmodelle, Weiterbildungsmöglichkeiten, Wertschätzung und eine moderne Unternehmenskultur werden zum Wettbewerbsfaktor.
Drittens: Demografische Potenziale heben. Ältere Beschäftigte länger im Unternehmen halten, Frauen stärker in technische Berufe integrieren, ausländische Fachkräfte gezielt anwerben – all das sind Wege, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Der lange Weg
„Der Fachkräftemangel erfordert langfristiges und gemeinsames Handeln von Wirtschaft, Politik sowie allen Institutionen, die sich mit Arbeit und Bildung befassen“, hebt Steinmetz hervor. „Nur so können wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Region sichern und die großen Herausforderungen bewältigen.“ Aus Sicht der IHK entscheidet die Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Zukunftsfähigkeit ganzer Branchen. Weiterbildung, berufliche Orientierung, Integration und lebenslanges Lernen müssten konsequent unterstützt werden.
Das Paradox von Stellenabbau und Fachkräftemangel wird sich nicht von allein auflösen. Es zeigt vielmehr, dass die deutsche Wirtschaft mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel steckt. Unternehmen, die diesen Wandel aktiv gestalten – durch Investitionen in Qualifizierung, moderne Arbeitsbedingungen und strategisches Personalmanagement – werden gestärkt aus dieser Phase hervorgehen.
Wer hingegen wartet, bis sich die Lage von selbst entspannt, könnte lange warten. Die Botschaft ist klar: Der Fachkräftemangel ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern eine strukturelle Herausforderung, die langfristige Lösungen erfordert. Und die Zeit drängt.
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