KehraTec GmbH: „Jede Applikation hat ihren ganz eigenen Charme”

KehraTec-Chef Carsten Kehr gibt im Interview tiefe Einblicke in die Welt der Automatisierungstechnik
(Foto: Performance Medien)
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SWM: Als Sondermaschinenbauer steht KehraTec für den Begriff „Industrie 4.0“, also für die Digitalisierung von Maschinen und maschinell betriebenen Abläufen. Zwar ist Letzteres längst ein Schlagwort geworden, trotzdem können sich viele Entscheider unter diesem Begriff noch nicht viel vorstellen. Denn je nach Unternehmen und je nach Schwerpunkt der Produktion gibt es natürlich unterschiedliche Lösungen der intelligenten Vernetzung und Digitalisierung. Wo liegen die Schwerpunkte bei KehraTec?

Carsten Kehr: Unsere Aufgabe ist es, dem Kunden zuzuhören und ihn anschließend umfangreich zu beraten. Kunden, die in solchen Technologien noch nicht zu Hause sind, holen wir selbstverständlich entsprechend ab. Am Ende der Beratung sollte eine Lösung für den Kunden stehen, die auf seine Applikation technisch und betriebswirtschaftlich bestens abgestimmt ist. In dem Bereich Industrie 4.0 gibt es kein Schwarz oder Weiß, das hängt von sehr vielen Faktoren ab: Welche Infrastruktur in puncto Datenhandling liegt beim Kunden vor? Welche Prozessparameter können gewonnen werden und welche machen in der Vernetzung von möglichen Prozessen Sinn? Sind gegebenenfalls Insellösungen für einen Kunden ausreichend, welche später optional in verketteten Prozessen eingebunden werden können? Wie ist die Datensicherheit in den Prozessen am höchsten, um die Produktionsfähigkeit sicherzustellen? Letztendlich ist die KehraTec hier sehr flexibel und passt sich den Applikationen an, welche nicht nur durch die eigentlichen Anlagenfunktionalitäten, sondern gegebenenfalls auch durch die IT-Kopplung, unter Berücksichtigung der sicherheitstechnischen IT-Aspekte, geprägt werden. So gesehen ist der Kunde mit seiner Applikation der Schwerpunkt.

SWM: Um prozesskritische Abläufe im Bereich der Factory Automation in Echtzeit zu simulieren, setzen Sie die 3D-Realtime-Simulation ein. Die virtuelle Echtzeit-Darstellung wird oft auch von Wohnungsbauunternehmen zur Planungsbegleitung eingesetzt, weil sie hochrealistisch ist. Für welche Projekte/Branchen setzen Sie diese Technik überwiegend ein und warum ist sie gerade dort sinnvoll?

Carsten Kehr: Wie Sie schon richtigerweise in ihrer Frage formuliert haben, ist der Vorteil der 3D-Realtime-Simulation in der Factory Automation ein Planungstool, welches ergänzend zu der 3D-CAD-Entwicklung auch noch die Ablaufprozesse in Echtzeit darstellt. Dies gibt unseren Kunden und uns die notwendige Sicherheit, bei komplexen oder zeitkritischen Abläufen das richtige Konzept für die Kundenanforderung entwickelt zu haben und in diesem Zuge auch letztendlich den Output/die Performance der Anlage vor dem Bau sicherzustellen. Eine höhere Planungssicherheit kann man nicht bekommen. Es müssen aber auch nicht immer nur die Prozesse in technischen Grenzbereichen simuliert werden; da viele Kunden mit der Automatisierung Neuland betreten, ist diese Form der Visualisierung sehr hilfreich, dem Kunden die Konzepte und technischen Möglichkeiten näherzubringen.

SWM: Die 3D-Realtime-Simulation findet sicherlich auch Verwendung in einem weiteren Spezialgebiet von KehraTec, nämlich bei der Vermessung von Bahnschwellen. Was viele nicht wissen: Sie sind Weltmarktführer in dem Bereich. Wie hat sich das entwickelt?

Carsten Kehr: In der Tat stand auch hier am Anfang die Simulation, welche mit unseren Kameratechnikern und der engen Zusammenarbeit mit Professor Dr. Schwab und Dr. Grote (zu diesem Zeitpunkt an der FH Iserlohn) eine erfolgreiche Symbiose bildete. Als Basis diente hier die mehrjährige Erfahrung in der 2D-Kameratechnik, die dann im Bereich der Bahnschwellenapplikationen konsequent weiterentwickelt wurde. Wir sind heute in der Lage, unter Produktionsbedingung in der Betonindustrie optische Messungen im 1/100-Messbereich zu realisieren. Um Ihnen ein Gefühl für diese Applikationen zu geben, möchte ich die Dimensionen dieser Prüflinge nicht unerwähnt lassen: Wir reden hier von bis zu 6.000 Millimetern Länge und bis zu 600 Kilogramm schweren Bauteilen. Letztendlich partizipieren wir von dieser 3D-Technologie auch in vielen anderen Industriezweigen, wo wir auf Basis des 3D-Messens und der Oberflächenanalysen auch Folgeprozesse mit Steuern oder Bauteilen zuführen können.

„Wir haben die Infrastruktur komplett im Haus“

SWM: Ein Grund für den Erfolg Ihres Unternehmens ist Ihre Fertigungstiefe, die bei 95 Prozent liegt und Sie dadurch unabhängiger von Fremdleistungen externer Dienstleister macht. Wie schaffen Sie das? Und welche weiteren Vorteile ergeben sich daraus für den Kunden?

Carsten Kehr: Im Sondermaschinenbau sind wir täglich mit der Aufgabe betraut, neue Teile anzufertigen. Dies liegt in der Natur der Dinge beim „Prototypenbau“ und daher ist es von sehr großem Vorteil, wenn Regelkreise in der Fertigung sehr, sehr kurz sind. Müssen z.B. Teile in einem Bearbeitungszentrum angepasst werden, so dauert dieser Prozess bei uns nur wenige Minuten, da wir die Infrastruktur komplett im Haus haben und Arbeitsabläufe in der Optimierungsphase so auf ein möglichstes Minimum gestrafft werden, was uns zugleich eine hohe Termintreue bieten lässt. Dies ist mit Fremdfertigern so nicht möglich, da diese Prozesse im Verbund immer länger dauern. Letztendlich profitieren auch unsere Kunden in der Ersatzteilversorgung davon, da wir auch hier diese kurzen Reaktionszeiten in den Maschinenbelegungen generieren können.

SWM: Ihnen ist noch etwas gelungen, an dem viele andere Unternehmen noch basteln – Sie arbeiten mit Robotern, die Teile aus Kisten entnehmen können. Das ist normalerweise sehr rechenintensiv. Welche Projekte konnten Sie dadurch verwirklichen?

Carsten Kehr: Grundsätzlich sind wir in der Lage, komplexe 3D-Teile aus z.B. Gitterboxen, aus Trays, von Bändern usw. mit Robotern automatisch zu entnehmen oder aufzunehmen und Folgeprozessen lageorientiert zuzuführen. Sie sprechen die Rechenleistung an: Diese ist durch sehr viele hochfrequente Automatisierungsprozesse ein relevanter Faktor. Man kann ihn, leider, noch nicht immer mit noch mehr Rechenleistung gänzlich eliminieren, da es nicht nur die Hardware, sondern auch die Software ist, welche die Performance bestimmen. Hier hat es in der jüngsten Vergangenheit und auch in der Zusammenarbeit mit großen kooperierenden Kamerahäusern große Fortschritte gegeben, die uns noch mehr Möglichkeiten bietet. Applikationen haben wir in den Bereichen Laserbeschriftung von Bauteilen, Bestückung von Schleifmaschinen, Bestückungen und Verkettungen von Bearbeitungszentren, Entnahme aus Stahlgestellen, Entnahme von Gussteilen aus Gitterboxen und vielem mehr realisiert.

„Am Ende eines Projektes, wenn der Kunde die Anlage abnimmt und zufrieden die Produktion mit unserer Technologie aufnimmt, ja, dann kann man sagen, dass wir stolz sind.“

SWM: Da wir gerade über Projekte sprechen – Sie können vom Zahnarztbohrer bis zur Bahnschwelle alles verwirklichen. Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz und warum?

Carsten Kehr: Das ist eine sehr schwierige Frage und alles, bei aller Ehre, nicht alles. Sehen Sie, jede auch noch so einfach erscheinende Applikation hat immer, und da können Sie sicher sein, eine oder mehrere ganz spezielle Herausforderungen. Dies ist eine unumstößliche Erfahrung in nun 30 Jahren Maschinenbau. Ob es die automatische Lackung von Zahnarztbohrern mit Robotern auf plus/minus 0,05 Millimeter ist, 320-Kilogramm-Bahnschwellen mit Robotern zu händeln und dabei 3D zu vermessen, Pkw-Dichtungen in 6s-Takt zu montieren, Bin-Picking von Zapfventilen aus Gitterboxen, automatische Montage von Servomotorkomponenten, automatisches Bestücken von Bearbeitungszentren, das automatische Trennen von 40 Paletten PET-Leergut und Glasflaschen pro Stunde, Aluräder lasern, Aluräder farblich mit Robotern individuell gestalten oder Aluräder depalettieren, Bestückung von Spritzgussanlagen, Verkettung von Produktionslinien für die Spannklemmenfertigung und vieles mehr, jede Applikation hat ihren ganz eigenen Charme. Am Ende eines Projektes, wenn der Kunde die Anlage abnimmt und zufrieden die Produktion mit unserer Technologie aufnimmt, ja, dann kann man sagen, dass wir stolz sind.

SWM: Wie geht es für KehraTec weiter?

Carsten Kehr: Sie haben das Talent, sehr interessante Fragen zu stellen.

SWM: Ich werte das mal als Kompliment.

Carsten Kehr: Die Welt befindet sich in einem bis dato einmaligen Ausnahmezustand, den man nur sehr schwer einschätzen kann. Es gibt kein Masterplan in der Wirtschaft, nachdem man sich die Uhr stellen kann. Da wir ein Teil dieser außergewöhnlichen Situation sind und es einige Kundenbranchen sehr, sehr hart getroffen hat und diese Auswirkungen selbstverständlich auch zu uns vorgedrungen sind – sei es Lieferkettenunterbrechungen, Kundenzurückhaltung usw. –, können wir uns glücklich schätzen, dass unsere grundsätzliche und konsequent verfolgte Strategie, viele Branchen mit Hightech bedienen zu können, auszahlt, was im Umkehrschluss eine Motivation ist, diesen Weg weiter unbeirrt zu verfolgen. Wir haben Projekte von Stammkunden und auch schon einige Neukundenprojekte für 2021, was uns positiv in die Zukunft blicken und unser Expansionspläne weiterverfolgen lässt.

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Ausgabe 03/2020

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