Unternehmenspraxis (06/2019)

(Foto: ©riedjal – stock.adobe.com)
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PERSONAL & KARRIERE
Hohe Personalnachfrage stützt den Arbeitsmarkt
Im zweiten Quartal 2019 gab es bundesweit rund 1,39 Millionen offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Gegenüber dem ersten Quartal stieg die Zahl der offenen Stellen um rund 9.000, gegenüber dem zweiten Quartal 2018 um 175.000. Das geht aus der aktuellen Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Der steigende Bestand an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gehe einher mit einer weiterhin hohen Personalnachfrage. Die Dringlichkeit habe jedoch etwas nachgelassen: Der Anteil der erst später zu besetzenden Stellen sei gegenüber dem Vorquartal um 2,1 Prozentpunkte auf nun 25,7 Prozent angewachsen. Im Verarbeitenden Gewerbe fiel die Zahl der offenen Stellen leicht auf 151.000. Gegenüber dem Vorquartal sind das rund 12.000 und im Vergleich zum Vorjahresquartal 3.000 Stellen weniger. Auch bei den unternehmensnahen Dienstleistungen ist eine leichte Abwärtsbewegung zu beobachten. Im zweiten Quartal 2019 waren mit knapp 367.000 offenen Stellen 15.000 weniger zu besetzen als im Vorquartal, jedoch etwa 34.000 mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal. In anderen Branchen setzt sich die starke Personalnachfrage fort. So bewegt sich die Zahl der offenen Stellen im Baugewerbe mit 143.000 Stellen auf Rekordniveau. Bei den sonstigen Dienstleistungen ist mit rund 367.000 offenen Stellen der zweithöchste Wert seit 1992 zu verzeichnen. www.iab.de/stellenerhebung/daten.

KONJUNKTUR
Industrieschwäche strahlt auf gesamte deutsche Wirtschaft aus
Das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist im Juli weiter spürbar gesunken, auf nunmehr nur noch 90 Punkte – den tiefsten Stand seit gut sechseinhalb Jahren. Für das laufende dritte Quartal sei demnach ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent zu erwarten. Das Konjunkturbarometer spiegele damit wider, dass sich die Flaute in der Industrie zusehends festsetzt und mittlerweile auf die gesamte deutsche Wirtschaft ausstrahle. Die Auftragslage verschlechtere sich, die Verbraucher würden skeptischer und selbst der bislang so robuste Arbeitsmarkt verliere an Fahrt, was keine guten Aussichten für das laufende Quartal seien. Das endlose Gezerre um den Brexit und insbesondere die von den USA ausgehenden Handelskonflikte, deren Fortgang kaum berechenbar sei, belasteten die Investitionen weltweit und damit insbesondere die auf diese Gütergruppe ausgerichtete deutsche Wirtschaft. Die Risiken für die deutsche Industrie und zunehmend auch für die Beschäftigungsentwicklung seien hoch. Die insgesamt gute Einkommensentwicklung dürfe jedoch die Dienstleister hierzulande stützen, vor allem die konsumorientierten wie etwa den Einzelhandel. Indes zeichne sich auch für das zweite Quartal derzeit kaum mehr als eine Stagnation ab.

Rezessionsrisiko ein weiteres Mal gestiegen

Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den nächsten drei Monaten eine Rezession erlebt, hat sich nach neusten Werten des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung weiter erhöht. Der Konjunkturindikator weist für den Zeitraum von August bis Ende Oktober ein Rezessionsrisiko von 43 Prozent auf. Im Juli waren es noch 36,6 Prozent. Das nach dem Ampelsystem arbeitende Frühwarnsystem zeigt damit zwar noch „gelb-rot“ – eine Situation erhöhter konjunktureller Unsicherheit jenseits von 30 Prozent Rezessionsrisiko. Der erneute Anstieg lasse sich vor allem zurückführen auf ein Zusammenspiel schlechterer Produktionszahlen für das Verarbeitende Gewerbe und einer weiteren Eintrübung der Stimmung, gemessen am ifo Geschäftsklimaindex. Die mittelfristig günstigen Finanzierungsbedingungen sowie eine Zunahme der Auftragseingänge für das Verarbeitende Gewerbe aus dem Ausland stabilisierten hingegen die Konjunkturaussichten. Bei den Auftragseingängen sei allerdings der aktuelle Wert für den Monat Juni durch Großaufträge aus dem außereuropäischen Ausland positiv verzerrt. Die Forscher hatten eigentlich mit einer raschen Erholung der Wirtschaft im zweiten Halbjahr gerechnet, stattdessen stehe Deutschlands Konjunktur derzeit auf der Kippe. Die deutsche Industrie schwächele bereits seit einem Jahr, vor allem wegen globaler Unsicherheiten. Bislang habe die Inlandskonjunktur – vor allem der starke Konsum und die Baunachfrage – die deutsche Wirtschaft vor einer Rezession bewahrt. Zuletzt aber war der Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe so stark, dass es immer fraglicher wird, ob eine Rezession noch vermieden werden könne.

Industrierohstoffe werden teurer

Im Juli stieg der HWWI-Rohstoffpreisindex des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) im Durchschnitt um 3,0 Prozent (in Euro: +3,7 Prozent) gegenüber dem Vormonat. Der Gesamtindex notiert somit im Juli auf einem Niveau von 112,8 Punkten (in Euro: 111,5 Punkten). Ein Anstieg um 5,8 Prozent (in Euro: +6,5 Prozent) konnte für den Index der Industrierohstoffe verzeichnet werden, während der Index der Energierohstoffe lediglich um 2,9 Prozent (in Euro: +3,6 Prozent) stieg. Der Index für Nahrungs- und Genussmittel fiel um 0,7 Prozent (in Euro: ±0,0 Prozent), nachdem er im Juni eine deutliche Steigerung erzielte. Der Index ohne Energie stieg im Juli um 3,3 Prozent (in Euro: +4,0 Prozent) gegenüber dem Vormonat und notiert bei 116,6 Punkten (in Euro: 115,4 Punkten).

MANAGEMENT
Unternehmen müssen mehr in Wissen investieren
Deutsche Unternehmen investieren nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Rahmen des Schwerpunkts „Produktivität für inklusives Wachstum“ der Bertelsmann Stiftung vergleichsweise wenig in Wissenskapital, was ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Sie müssten mehr in Forschung und Entwicklung (FuE) und viel mehr noch in andere immaterielle Güter wie Software, Organisation oder Weiterbildungen ihrer Belegschaft investieren. In der Studie wurde der Einsatz von Wissenskapital in der Industrie und im Dienstleistungsbereich in Deutschland, im Vereinigten Königreich, in Frankreich, den USA und drei kleineren EU-Ländern (Österreich, Finnland und den Niederlanden) verglichen. Offenbar haben es gerade die in den vergangenen Jahren so erfolgreichen deutschen Industrieunternehmen versäumt, ausreichend Erträge in neues Wissen zu investieren. Die Autoren verweisen zum Beispiel auf die Autoindustrie, die nur zögerlich in die Entwicklung neuer Antriebssysteme und Mobilitätskonzepte investiere. Sie haben untersucht, in welchem Zeitraum sich der Wissenskapitalstock in den jeweiligen Ländern erneuert. In Deutschland ist das nach drei bis vier Jahren der Fall, in den USA, im Vereinigten Königreich und in Frankreich nach ca. drei Jahren, in Finnland, Österreich und den Niederlanden dauert es sogar weniger als drei Jahre. Dort ist also der Wissenskapitalstock am modernsten. Bei allen untersuchten Indikatoren sehe es für die deutschen Unternehmen im Vergleich nicht besonders gut aus. Es brauche hierzulande eine Investitionsoffensive in Wissen, in der Industrie und bei Dienstleistern. In der Politik liege der Fokus derzeit vor allem auf FuE und noch zu wenig auf den anderen Komponenten wie Organisationslösungen oder Weiterbildungen.

RECHT & FINANZEN
Verdienstsicherung und Urlaubsabgeltung bei Heimarbeit
Ein Heimarbeiter kann nach Maßgabe des Heimarbeitsgesetzes (HAG) eine Sicherung seines Entgelts für die Dauer der Kündigungsfrist sowie Urlaubsabgeltung nach dem Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) verlangen. Der Kläger vor dem Bundesarbeitsgericht erbrachte für die Beklagte regelmäßig Leistungen als selbstständiger Bauingenieur/Programmierer in Heimarbeit. Nachdem die Beklagte beschlossen hatte, ihr Unternehmen aufzulösen und zu liquidieren, wies sie dem Kläger seit Dezember 2013 keine Projekte mehr zu. Das Heimarbeitsverhältnis endete durch Kündigung der Beklagten mit Ablauf des 30. April 2016. Für diesen Zeitraum hat der Kläger von der Beklagten verlangt, ihm Vergütung von 171.970,00 Euro brutto zu zahlen sowie 72 Werktage Urlaub in Höhe von 15.584,94 Euro brutto abzugelten. Neben dem Entgelt, das die Beklagte dem Kläger für die Dauer der fiktiven Kündigungsfrist, während der sie keine Heimarbeit ausgab, schuldete, kann der Kläger keine weitere Vergütung verlangen. Ein Anspruch unter den Gesichtspunkten des Annahmeverzugs oder Schadensersatzes besteht nicht. Es fehlt an einer besonderen Absprache der Parteien, dem Kläger Projekte in einem bestimmten Umfang zuzuweisen. Heimarbeiter haben grundsätzlich keinen Anspruch auf Ausgabe einer bestimmten Arbeitsmenge. Da sie aber regelmäßig auf Aufträge angewiesen sind, sehen die Bestimmungen des Heimarbeitsgesetzes zum Kündigungsschutz eine Entgeltsicherung vor. Kündigt der Auftraggeber das Heimarbeitsverhältnis, kann der Heimarbeiter gemäß § 29 Abs. 7 HAG für die Dauer der Kündigungsfrist Fortzahlung des Entgelts beanspruchen, das er im Durchschnitt der letzten 24 Monate vor der Kündigung durch Heimarbeit erzielt hat. § 29 Abs. 8 HAG sichert das Entgelt, wenn der Auftraggeber nicht kündigt, jedoch die Arbeitsmenge, die er mindestens ein Jahr regelmäßig an einen Heimarbeiter ausgegeben hat, um mindestens ein Viertel verringert. Die Entgeltsicherung nach § 29 Abs. 7 und Abs. 8 HAG steht dem Heimarbeiter jedoch nur alternativ zu. Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20. August 2019 - 9 AZR 41/19 - Vorinstanz: Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 15. November 2018 - 6 Sa 1225/17

DIGITALISIERUNG
Data Economy noch ganz am Anfang
Daten werden für Unternehmen immer wichtiger, um ihre Prozesse zu optimieren oder ihre Prognosen zu verfeinern. Doch die meisten Unternehmen nutzen die Potenziale noch nicht, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der IW Consult und des Fraunhofer ISST zeigt. Mit Daten lässt sich die Wertschöpfung eines Unternehmens steigern. Entsprechende Geschäftsmodelle, auch Data Economy genannt, stehen in Deutschland allerdings noch ganz am Anfang. Eine Befragung von 1.104 Unternehmen zeigt, dass 84 Prozent von ihnen noch analog arbeiten oder nur in Grundzügen IT-Systeme nutzen. Mit Data Economy haben sie kaum Berührungspunkte – und gehören zur Kategorie der Einsteiger. Immerhin 14 Prozent zählen zu den Fortgeschrittenen. Sie erfassen Daten, etwa über das Wettbewerbsumfeld, tauschen sie intern miteinander aus und haben bereits klare Regeln, wie mit den Daten umzugehen ist. Auch die ersten digitalen Geschäftsmodelle gehören zum Portfolio dieser Unternehmen. Lediglich zwei Prozent gelten als Pioniere, also als Unternehmen, die die Bedeutung von Daten erkannt haben und damit bereits Geld verdienen – ihr Geschäft fußt zu einem großen Teil auf der Data Economy. Neun von zehn Unternehmen sagen, dass ihre internen Prozesse in fünf Jahren datengetriebener sein werden als heute. Um die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern, sollten sich Unternehmen realistische Ziele setzen. Einsteiger sollten den Fokus vor allem auf das interne Datenmanagement richten. Dazu gehöre auch, Fachwissen und IT-Kompetenz aufzubauen, um die Bedeutung der Daten im eigenen Unternehmen zu verstehen.

Standards sparen Millionen

Datenstandards vereinfachen den Handel und die Kommunikation zwischen Unternehmen. Dadurch sparen sie im Schnitt 5,85 Millionen Euro im Jahr, vor allem im Einkauf und im Vertrieb, wie eine Studie der IW Consult zeigt. Um Produkte und Dienstleistungen einheitlich beschreiben zu können, gibt es seit rund 19 Jahren den sogenannten eCl@ss-Standard. Er bündelt alle relevanten Informationen in einer Klassifizierungsnummer, die andere Nutzer auslesen können. Mit dieser gemeinsamen Sprache können Unternehmen weltweit Daten austauschen und so Prozesse beschleunigen. Die Unternehmensbefragung ergab, dass vier von fünf Unternehmen das Tool nutzen, weil es bei Kunden und Lieferanten bereits Standard ist. Für interne Prozesse nutzen bereits rund 40 Prozent der Unternehmen eCl@ss. Sie können mit diesen einheitlichen Standards Kosten senken: Gibt es keine einheitlichen Standards, müssen Mitarbeiter mit viel Aufwand Produktstammdaten anlegen und pflegen, und das kostet viel Zeit und Geld. Ein Unternehmen mit rund 5.000 Mitarbeitern kann so fast sechs Millionen Euro pro Jahr einsparen, zeigt die Unternehmensbefragung. Rund jeder vierte Befragte konnte im Einkauf bereits Geld sparen – bei großen Unternehmen war es sogar jeder zweite. Im Vergleich zum Einkauf schneidet der Vertrieb etwas schwächer ab. Hier reduzierten rund 15 Prozent der befragten Unternehmen ihre Kosten mithilfe von eCl@ss. Bei kleineren Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern lohnt sich das Tool schon eher: Fast jeder Fünfte profitiert überdurchschnittlich stark. Und noch ist Luft nach oben: Ein Viertel der Unternehmen schätzt, dass weitere eCl@ss-Anwendungen noch mehr Geld sparen könnten. Stefan Mülders| redaktion@@regiomanager.de
Ausgabe 06/2019