Individuelle Lösungen

Der Karosserie- und Fahrzeugbau verspricht maßgeschneiderte Lösungen für Ihre Fahrzeugflotte.
(Foto: © AA+W  – stock.adobe.com)
(Foto: © AA+W – stock.adobe.com)
Die Serienfahrzeuge aller Autohersteller werden in zahllosen Technik- und Ausstattungsvarianten angeboten. Aber was ist, wenn man einen Caravan nach eigenen Ideen ausbauen möchte? Wo bekommt man die Innenausstattung des Firmentransporters als Werkstattwagen her? Natürlich kann sich jeder selber an einem solchen Projekt versuchen, aber nicht jeder hat die Begabung. Mittelständische Fachhandwerksbetriebe aus dem Karosserie- und Fahrzeugbau helfen in dem Fall weiter.

Branchenstruktur im Überblick

Es gibt rund 4.700 überwiegend mittelständische Karosserie- und Fahrzeugbaubetriebe mit ungefähr 43.000 Mitarbeitern in Deutschland. 82 Prozent der Firmen konzentrieren sich auf Instandsetzung und Lackierung. Kunden sind neben gewerblichen und privaten Kunden oft auch Versicherer, Flottenbetreiber und Leasinggesellschaften. Zusätzlich zur Instandsetzung nach Unfällen gehören u. a. Aufbereitung, Service, Tuning und Fahrzeugvermessungen zum Leistungsbereich dieser Unternehmen. Knapp 14 Prozent der Karosserie- und Fahrzeugbaufirmen in Deutschland sind herstellend und als Fertiger von Fahrzeugaufbauten tätig. Hier ist die Kundschaft überwiegend gewerblich. In diesem Bereich des Karosserie- und Fahrzeugbaus werden nicht nur individuelle Aufbauten, Sattelauflieger und Anhänger außen und innen ausgebaut, sondern auch in Serie gefertigte Fahrzeuge an Karosserie und Chassis dem Kundenbedürfnis angepasst. In einem weiteren Arbeitsbereich werden Serienfahrgestelle für die Industrie mit u. a. Ladebordwänden, Kränen und Kühlaggregaten ausgestattet. Die mit rund vier Prozent kleinste Gruppe der Karosserie- und Fahrzeugbauunternehmen sind Fachbetriebe für historische Fahrzeuge. Neben den Liebhabern von Old- und Youngtimern kommen Kunden hier auch aus dem gewerblichen Bereich und von Museen. Der Leistungsbereich der Wiederherstellung historischer und klassischer Fahrzeuge verlangt eine hohe handwerkliche Qualifikation, da oft Blech- und Holzteile in Handarbeit neu anzufertigen und zu verbauen sind. Viele Unternehmen aus diesem Bereich spezialisieren sich auf die Fahrzeuge eines bestimmten Herstellers oder Herkunftslandes. In allen Bereichen des mittelständischen Karosserie- und Fahrzeugbaus dominiert – neben einer großen Nähe zum Kunden – die Handarbeit. So ist hohe handwerkliche Qualifikation eine Voraussetzung für die Mitarbeiter. Da in kleiner Stückzahl und in Einzelstücken nur auf Anforderung des Kunden gefertigt wird, sind konjunkturelle Einflüsse eher gering. Inwieweit sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) für die Hersteller im Jahr 2020 einen weltweiten Absatzrückgang von 23 Prozent verursachen dürfte, auf die Branche der Karosserie- und Fahrzeugbauer niederschlagen werden, ist derzeit nicht abzuschätzen.

Kennzahlen der Branche

Die Kennzahlen der Karosserie- und Fahrzeugbaubranche sind für 2019 noch nicht verfügbar. Nach Angaben des Zentralverbandes Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) waren die Umsätze vor Ausbruch der Corona-Pandemie mit Schwankungen nach oben und nach unten grundsätzlich stabil. Dabei verhalten sich jedoch die drei Teilbereiche des Karosserie- und Fahrzeugbaus durchaus unterschiedlich. Die Fachbetriebe für historische Fahrzeuge zeichnen sich in ihrer Nische durch besondere Stabilität beim Umsatz aus. Hier wirkt sich die gestiegene Nachfrage nach Old- und Youngtimern als Geldanlage in Zeiten niedriger Zinsen positiv aus. 2020 werden die Unternehmensergebnisse besonders durch das Verhalten der Betreiber von Fahrzeugflotten und von Leasinggesellschaften unter Pandemiebedingungen geprägt sein. Wie in vielen Handwerken ist auch im Karosserie- und Fahrzeugbau bei zahlreichen Betrieben die Unternehmensnachfolge ein großes Thema. Der ZKF beobachtet hier einen Umbruch von Nachfolgern aus der Familie hin zu externen Nachfolgern, die finanzielle Mittel für Zukunftsinvestitionen in das Unternehmen einbringen können.

Entwicklung des Karosserie- und Fahrzeugbaus

Der Karosserie- und Fahrzeugbau der Gegenwart hat seinen Ursprung in den Handwerksberufen des Kutschwagenbauers und des Stellmachers. Die ersten Autohersteller produzierten nur das Chassis und den Motor des Fahrzeugs. Der Käufer ließ sich dann darauf eine individuelle, möglichst auffällige Karosserie nach seinen Wünschen fertigen. Diese war ein Statussymbol für den Karosseriebauer und den Fahrzeugbesitzer gleichermaßen. Einer der legendärsten Karosseriebauer ist wohl die italienische Pininfarina. Das Unternehmen, das sich heute als Industriedesigner versteht, entwarf ab den 1930er-Jahren für europäische und amerikanische Hersteller Karosserien, die in die Automobilgeschichte eingingen. Die ersten Automobilkarosserien waren wie im Kutschwagenbau auf Holzrahmen genagelte Holz- oder Lederverkleidungen. Der Holzrahmen blieb. Die Verkleidungen wurden bald aus Blech hergestellt. Der Zweite Weltkrieg wandelte den Karosseriebau von einem auf Individualität ausgerichteten Handwerk hin zur Massenproduktion. Die Entwicklung setzte sich nach 1945 fort. Automobile mussten kostengünstig hergestellt werden. Die Senkung der Produktionskosten, längere Haltbarkeit der Metalle, die zunehmende Stabilität selbsttragender Karosserien und die maschinelle Serienproduktion auch mit Robotern änderten den Karosserie- und Fahrzeugbau in den 1960ern grundlegend. Heute im 21. Jahrhundert bauen Karosseriebauer Sonder- und Spezialfahrzeuge wie Behördenfahrzeuge und Kranken- und Leichenwagen, manchmal sogar in Kleinserien. Viele dieser Fahrzeuge sind eher Um- und Ausbauten von Serienfahrzeugen der Hersteller als Neukonstruktionen.

Zukunft des Karosserie- und Fahrzeugbaus

Schon seit einigen Jahren werden große Teile der Karosserie nicht mehr aus Metall, sondern aus Kunststoffen oder Kohlefasern gefertigt. Das bringt neue Anforderungen an die handwerkliche Qualifikation mit sich. Die zunehmende Digitalisierung der Fahrzeuge mit einer engen Vernetzung von Fahrerassistenzsystemen und unterschiedlichen in die Karosserie integrierten Komponenten, Sensoren und Bauteilen verlangt umfassende Kenntnisse in den Bereichen Fahrzeugdiagnose und Kalibrierung der Komponenten. Ab Juli 2022 werden europaweit serienmäßig nur noch Fahrzeuge neu typengenehmigt, die mit rund 30 hochkomplexen Hightech-Fahrhilfen ausgestattet sind. All diese Systeme müssen auch von den markenunabhängigen Karosseriewerkstätten verbaut und kalibriert werden können. Das verlangt Investitionen in die Qualifikation der Mitarbeiter sowie in eine entsprechende Ausrüstung und zahlreiche oft herstellerspezifische Diagnose-Tools. Der grundlegende Wandel weg vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antriebsmethoden wird sich auch auf den Karosserie- und Fahrzeugbau auswirken. Derzeit steht der Elektro- und Hybridantrieb im Vordergrund. Inwieweit andere Antriebsmethoden an Bedeutung gewinnen werden, ist noch unklar. Der Karosserie- und Fahrzeugbau bleibt ein Handwerk in stetem Wandel und mit steigenden Anforderungen an die einzelnen Unternehmen und deren Mitarbeiter. Hier findet jeder die perfekte individuelle Lösung für sein Fahrzeug oder seine Flotte. Markus Spiecker | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 05/2020