Branche zwischen Empathie und Professionalität

Die Pflege von Hilfsbedürftigen ist nicht mehr nur die Aufgabe liebevoller Angehöriger. Professionelle Pflegedienste sind ein wichtiges Marktsegment in der wachsenden Gesundheitswirtschaft geworden.
(Foto: © stock.adobe.com)
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Alte und hilfsbedürftige Menschen haben in den meisten Fällen den großen Wunsch, so lange wie irgend möglich in der eigenen Wohnung bleiben und dort gepflegt zu werden. Die gewohnte Gemütlichkeit der privaten Umgebung, die Erinnerungen an der Wand, die eigenen Möbel, mit denen persönliche Geschichten verbunden sind – dies alles ziehen sie in der Regel der Anonymität eines Krankenhauses oder der neuen Atmosphäre eines Pflegeheims vor. Das ist nur allzu menschlich. Und genauso natürlich ist es dann auch, dass die häusliche Pflege von Kranken und Senioren zumeist durch deren nächste Angehörige erfolgt – auch hier so lange wie irgend möglich und mit viel persönlichem Engagement, wenn der eigene Beruf diese zusätzliche Aufgabe zulässt. Unterstützt werden die pflegenden Angehörigen durch ein etabliertes System von Pflegeversicherungen, welche dazu beitragen sollen, die besonderen Belastungen in Pflegehaushalten aufzufangen. Vor dem Hintergrund der weiterhin alternden Gesellschaft und jetzt schon 2,6 Millionen pflegebedürftigen Menschen ist jedoch eine kontinuierliche Verschärfung des viel diskutierten „Pflegenotstandes“ zu erwarten. Dies trifft in besonderem Maße die pflegenden Angehörigen. Denn die Pflege erfolgt zu rund 65 Prozent in den heimischen vier Wänden!

Pflege ist überwiegend weiblich


Die Statistik verdeutlicht den kontinuierlichen Anstieg der pflegebedürftigen Personen sehr anschaulich, wobei Frauen mit mehr als 60 Prozent den deutlich größten Anteil haben. Aber nicht nur bei den Pflegebedürftigen herrscht ein überwiegender Frauenanteil, auch die Angehörigen, die oft neben der eigenen Berufstätigkeit ein Familienmitglied pflegen, sind in der Mehrzahl weiblich. Von 100 pflegenden Angehörigen sind 29 Töchter, 17 Schwiegertöchter, 16 Ehefrauen und sogar zwei Mütter im heimischen Einsatz. Die Zahl der männlichen Pfleger sowie sonstigen Verwandten, Freunde, Bekannten und Nachbarn liegt bei 36 Personen, also nur bei rund einem Drittel. Auf die besondere Situation dieser zumeist sehr engagierten, aber wenig professionalisierten Personengruppe privater Pflegekräfte weist der aktuelle „AOK-Pflege-Report 2016" hin. Die überraschende Erkenntnis der Studie: Trotz der emotionalen Herausforderungen und extremen Belastungen, die in vielen Haushalten mit pflegebedürftigen Angehörigen in Deutschland vorherrschen, nehmen viele die Möglichkeiten und Hilfsleistungen der Pflegekassen nicht in Anspruch. Die Gründe hierfür liegen nicht nur im persönlichen Pflichtgefühl oder der Scham der pflegenden Angehörigen begründet. Vielmehr werden in vielen Fällen zu hohe Kosten und organisatorische Hürden als Hinderungsgründe genannt. Daher fordert der AOK-Bundesverbands-Vorsitzende Martin Litsch: „Die Pflegeversicherung hat sich bewährt. Aber wir müssen ihre Leistungen noch einfacher und flexibler gestalten.“

Der Pflegemarkt wächst


Der „Pflegemarkt“ wächst seit Jahren kontinuierlich. Wies das Statistische Bundesamt für das Jahr 2013 noch 12.700 ambulante Pflegedienste aus, so ist ihre Zahl mittlerweile auf über 14.300 angewachsen. Im Durchschnitt gibt es im Monat rund 50 neue Pflegedienste in Deutschland, wobei sich die Konkurrenzsituation zwischen Stadt und Land deutlich unterscheidet. Dabei sind weit mehr als 10.000 Pflegedienste privatwirtschaftlich organisiert. Rund 3.500 Pflegeangebote sind in gemeinnütziger Trägerschaft, während es bei der ambulanten Pflege so gut wie keine kommunalen Angebote gibt. Mit einem monatlichen Gründungs- und Insolvenzradar bietet die Internetplattform „pflegemarkt.com“ beziehungsweise „pflegedatenbank.com" einen laufenden und sehr detaillierten Überblick über dieses sehr dynamische Marktsegment: „Der ambulante Sektor in der Pflegebranche ist mit einem Marktvolumen von 12,3 Milliarden Euro pro Jahr einer der bedeutendsten Segmente im Gesundheitsmarkt. Zunehmend interessieren sich nationale und internationale Investoren für diesen stark wachsenden Arm der Pflege“, sagt Sebastian Meißner, der als Autor ständig die Pflegedatenbank des Online-Portals auswertet und kommentiert. Die Bedeutung der Branche wird auch bei der Entwicklung der Mitarbeiterzahlen deutlich. Arbeiteten im Jahr 2013 noch rund 230.000 Menschen bei einem ambulanten Pflegedienst, so ist diese Zahl inzwischen auf mehr als 300.000 Pflegerinnen und Pfleger angewachsen, so die Analyse von „pflegedatenbank.com“. Sie betreuen in Deutschland aktuell rund 1,25 Millionen Pflegebedürftige, das ist eine Steigerung um rund 55.000 Menschen im Vergleich zum Vorjahr. „Voraussichtlich wird sich diese Entwicklung fortsetzen und verschärfen. Das größte Problem dieser Tendenz stellt aktuell der Fachkräftemangel in der Pflegebranche dar“, weist Sebastian Meißner auf die größte aktuelle Sorge der Pflegeunternehmen hin. Während sich der Markt auf der Nachfrageseite sehr positiv entwickelt, stellt sich die Frage, ob er den gesellschaftlichen wie auch den eigenen Ansprüchen an eine professionelle und qualitätsvolle Pflege auch künftig mit der nötigen Menge an gut ausgebildeten Fachkräften begegnen kann. Um diesem Ziel entsprechen zu können, verkündete Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, erst im März zur Eröffnung des Deutschen Pflegetags 2016: „Endlich ist das Pflegeberufegesetz auf den Weg gebracht. Das ist eine gute Nachricht für die professionell Pflegenden, denn damit wird ihre Arbeit deutlich aufgewertet.“ Das Gesetz soll eine neue Ausbildungsstruktur mit besseren Karrierechancen und einer angemesseneren Bezahlung bringen, besonders in der Altenpflege.

Regionale und heterogene Struktur


Bleibt zu hoffen, dass neben den Pflegebedürftigen insbesondere die Vielzahl der kleinen und Kleinstbetriebe davon profitieren kann, die mit bis zu 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Schwerpunkt der Branche bilden. Die deutsche Pflegedatenbank führt rund zwei Drittel aller Pflegeanbieter in dieser Kategorie, doch allmählich verschieben sich die Anteile. Prozentual wachsen die Pflegebetriebe. Dass es sich bei der Pflege um einen sehr heterogen, regional strukturierten Markt handelt, wird deutlich, wenn man sieht, dass die größten zehn Pflegedienste in Deutschland gerade einmal zwei Prozent des gesamten Volumens abdecken. Gegenwärtig größter Pflegedienst in Deutschland ist die Bonitas Holding in Herford mit rund 2.500 Pflegekräften an 45 Standorten. Sie hat sich bei ihren rund 2.400 Patienten auf den Bereich Intensivpflege und Heimbeatmung spezialisiert und erzielte zuletzt einen Umsatz (ambulant) von 170 Millionen Euro. Zweitgrößter ambulanter Pflegeanbieter ist die Münchener Deutsche Fachpflege Holding GmbH mit 21 Standorten und 110 Millionen Euro Umsatz, gefolgt von der Renafan GmbH mit Hauptsitz in Berlin und 75 Millionen Euro Umsatz an 23 Standorten in Deutschland.
Emrich Welsing I redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 03/2016