Unternehmenspraxis (Ausgabe 03/22)

© Gorodenkoff − stock.adobe.com
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PERSONAL & KARRIERE
Homeoffice-Rekord
m vergangenen Jahr haben so viele Menschen wie noch nie von zu Hause gearbeitet. 24,8 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland waren im Jahr 2021 zumindest gelegentlich im Homeoffice, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. Für zehn Prozent der Berufstätigen waren die eigenen vier Wände sogar an jedem Arbeitstag das Büro. Corona-Maßnahmen haben dazu geführt, dass sich der Anteil gegenüber dem Vor-Corona-Niveau fast verdoppelt hat: Im Jahr 2019 hatten noch 12,8 Prozent der Erwerbstätigen im Homeoffice gearbeitet, im ersten Corona-Jahr 2020 waren es 21 Prozent. In den vergangenen Wochen und Monaten sind Berufstätige in vielen Unternehmen derweil wieder vermehrt aus dem Homeoffice an ihren eigentlichen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die gesetzliche Pflicht zum Angebot von Homeoffice durch den Arbeitgeber war Ende März 2022 ausgelaufen. Ob und in welchem Maße Erwerbstätige Homeoffice machen, sprich: mobil oder flexibel von zu Hause arbeiten können, hängt auch davon ab, ob sie abhängig beschäftigt oder als Selbstständige tätig sind. Der entsprechende Anteil bei den abhängig Beschäftigten liegt mit 23,1 Prozent etwas niedriger als der bei allen Erwerbstätigen. Noch deutlicher variiert die Nutzung von Homeoffice nach Branchen. In der Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie arbeiteten im Jahr 2021 gut drei Viertel der abhängig Beschäftigten von zu Hause aus. In der Verwaltung und Führung von Unternehmen sowie in der Unternehmensberatung nahmen 71,3 Prozent Homeoffice in Anspruch. In anderen Wirtschaftsbereichen blieb die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, dagegen auch zu Corona-Zeiten vielmehr die Ausnahme als die Regel. Im Gesundheitswesen konnten 2021 mit 5,4 Prozent anteilig die wenigsten Beschäftigten ihre Arbeit auch zu Hause ausüben.

KONJUNKTUR
Schlimmer als die Ölkrise
Steigende Preise infolge des Ukraine-Krieges und verstärkte Lieferengpässe aufgrund neuerlicher Lockdowns in China belasten den Aufschwung der deutschen Wirtschaft, die im zweiten Quartal kaum mehr als stagnieren dürfte. In seiner jüngsten Konjunkturprognose erwartet das IfW Kiel im laufenden Jahr eine Inflationsrate von 7,4 Prozent – mehr als in der Ölkrise der 70er-Jahre – und einen Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 2,1 Prozent. 2023 dürfte das BIP um 3,3 Prozent zulegen, 0,2 Prozentpunkte weniger als bislang erwartet. „Die Auftriebskräfte der deutschen Wirtschaft sind zwar intakt, wirken nun aber mit deutlich verringerter Stärke“, kommentiert Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) die Sommerprognosen für Deutschland („Erholung kommt mühsam voran“) und die Welt („Inflationsschub bremst die Expansion“). Demnach dürfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal wieder sein Vorkrisenniveau erreichen und dann mit Raten um ein Prozent wieder spürbar kräftiger zulegen als in den drei Quartalen zuvor. Stütze des Aufschwungs sind demnach zum einen die privaten Haushalte, die als Folge der Pandemie noch auf sehr hohen Ersparnissen von rund 200 Milliarden Euro sitzen und diese nun verausgaben können, heißt es vom IfW; zum anderen die Industrieunternehmen, die ein rekordhohes Auftragspolster aufweisen. Seit dem Beginn der Pandemie ist der Auftragsbestand um 30 Prozent gestiegen. Dies entspricht mehr als 15 Prozent der Jahresproduktion bzw. einer Wertschöpfung von rund 100 Milliarden

ifo: Tankrabatt kommt an

Euro. Der Tankrabatt für Diesel und Benzin ist im Wesentlichen an die Kunden weitergegeben worden. Das zumindest ergeben Berechnungen des ifo Instituts, die Mitte Juni veröffentlicht wurden. „Beim Diesel haben die Tankstellen ihn zu 100 Prozent weitergegeben, also 17 Cent Steuersenkung je Liter. Beim Super-Benzin waren es 29 bis 30 Cent von den 35 Cent Steuersenkung, also 85 Prozent“, sagt Dr. Florian Neumeier vom ifo Institut, der die Berechnungen zusammen mit Daniel Stöhlker und ifo-Präsident Clemens Fuest erstellt hat. Betrachtet wurden die Preise in Deutschland im Vergleich zur Entwicklung in Frankreich vor und nach dem 1. Juni. Dabei nahmen die Wissenschaftler an, dass die Benzinpreise in Deutschland ohne Einführung des Tankrabatts nach dem 1. Juni 2022 dem gleichen Trend gefolgt wären wie die französischen Benzinpreise. In Frankreich sind die Preise seitdem ebenfalls gestiegen, aber die Steuern wurden dort zum 1. Juni nicht verändert. „Trotz der Weitergabe an die Konsumenten ist der Tankrabatt nicht sinnvoll“, sagt ifo-Präsident Clemens Fuest. „Er kommt Menschen mit höherem Einkommen und höheren Spritausausgaben zugute und nicht Menschen mit geringem Einkommen. Darüber hinaus setzt er die falschen Anreize: Er hält nicht dazu an, weniger Benzin und Diesel zu verbrauchen. Aus ökologischen Gründen und um die Abhängigkeit von Russland zu vermindern, wäre aber das genaue Gegenteil notwendig.“

Preise belasten Gesundheitswirtschaft
Die hohen Energie- und Rohstoffpreise verdrängen in der Gesundheitswirtschaft den Fachkräftemangel von Platz eins der Risikofaktoren. Damit setzt sich der gesamtwirtschaftliche Trend auch in diesem Sektor fort, der üblicherweise weniger stark von konjunkturellen Schwankungen betroffen ist. Das zeigt der „Gesundheitsreport“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) vom Frühsommer. Mehr als zwei Drittel der rund 700 Unternehmen, die sich bis Mai an der Erhebung beteiligt haben, sind besorgt über die jüngsten Preisentwicklungen (72 Prozent), in der vorangegangenen Befragung zu Jahresbeginn waren es noch rund die Hälfte (51 Prozent). Das nach wie vor belastende Dauerthema Fachkräftemangel landet nun mit 66 Prozent auf der Liste der Geschäftsrisiken dicht dahinter. Auch die hohen Arbeitskosten werten knapp die Hälfte der Betriebe (49 Prozent) als bedrohlich – ein neuer kritischer Höchstwert.

Krieg: Absicherung für Unternehmen

Für die vom Ukraine-Krieg besonders betroffenen Unternehmen haben das Bundesfinanzministerium und das Bundeswirtschafts- und Klimaschutzministerium bereits im April ein Maßnahmenpaket vorgelegt. Dieses Paket wird Schritt für Schritt umgesetzt. Nachdem Ende April bzw. Anfang Mai bereits das KfW-Kreditprogramm und das Bürgschaftsprogramm gestartet sind, ist nun das dritte Instrument an den Start gegangen. Beim Margining-Finanzierungsinstrument geht es um ein Absicherungsinstrument, das Unternehmen, die an den Terminbörsen mit Strom, Erdgas und Emissionszertifikaten handeln, den Zugang zu ausreichender Liquidität sicherstellt – gerade für den Fall weiterer Preissteigerungen und Volatilität. Diese Maßnahme ist laut Bundesregierung wichtig und notwendig, um Sicherheitsleistungen („Margins") zu finanzieren, die beim Handel mit Energie verpflichtend zu leisten sind. Die finanziellen Mittel werden in Form von Kreditlinien der KfW bereitgestellt. Diese sind über eine Bundesgarantie abgesichert. Erste Beratungsgespräche sind seit Mitte Juni möglich.

ENERGIE & KLIMA
Artenschutz kontra Windkraft?
Zahlreiche Energieverbände begrüßen das Engagement der Bundesregierung für den Ausbau der erneuerbaren Energien im Allgemeinen und für den Ausbau der Windenergie an Land im Speziellen. Das kürzlich vorgelegte Gesetzespaket enthalte bereits zahlreiche Verbesserungen, die allerdings nicht ausreichten, um die ambitionierten Ausbauziele aus dem EEG zu erreichen, heißt es. In einem gemeinsamen Appell wenden sich die Energieverbände, darunter der BDEW, an den Deutschen Bundestag, die durch das Bundeskabinett beschlossene Formulierungshilfe zum Bundesnaturschutzgesetz dringend zu überarbeiten. Tenor: Der Ausbau der Windenergie an Land darf nicht durch neue Regelungen und Rechtsunsicherheiten weiter verzögert werden. Im Gegenteil: Es brauche eine massive Beschleunigung bei Planungs- und Genehmigungsverfahren, um die Ziele aus dem EEG erreichbar zu machen. Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung: „Es ist gut, dass die Bundesregierung endlich die zentralen Hindernisse aus dem Weg räumen und jetzt die Planungsprozesse beschleunigen will.“ Auf den entscheidenden letzten Metern brauche man aber noch essenzielle Änderungen. „Unklare Regelungen, wie sie aktuell noch in der Novelle des Bundesartenschutzgesetzes stehen, nützen niemandem, weder den Projektierern noch dem Artenschutz.“ Wichtig für eine echte Beschleunigung sei, dass die Gesetze bei allen Beteiligten Klarheit schaffen, wo eine Windenergieanlage ohne Auswirkungen auf Vögel errichtet werden könne und wo nicht. „Dafür braucht es einen klaren Bewertungsmaßstab, der im Gesetz festgelegt wird. Hier muss dringend nachgebessert werden.“

DIGITALISIERUNG
Kinder surfen 111 Minuten
Chatten, Videos schauen, Informationen suchen: So gut wie alle Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren (98 Prozent) nutzen ein Smartphone oder Tablet. Selbst die Jüngsten zwischen 6 und 9 Jahren (95 Prozent) nutzen zumindest eines dieser beiden Geräte. Mit diesen oder anderen Geräten verbringen Deutschlands Kinder und Jugendliche im Alter ab 6 Jahren jeden Tag im Schnitt fast zwei Stunden (111 Minuten) im Netz. Die Online-Zeit steigt mit dem Alter stark an: So sind 6- bis 9-Jährige durchschnittlich 49 Minuten pro Tag im Internet und 10- bis 12-Jährige eine Stunde und 27 Minuten. Jugendliche ab 13 Jahren verbringen über zwei Stunden im Netz: 13- bis 15-Jährige 2 Stunden und 20 Minuten, 16- bis 18-Jährige 2 Stunden und 46 Minuten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, für die mehr als 900 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren befragt wurden. Die Angaben beruhen auf Selbstauskünften der Kinder und Jugendlichen, bei den Jüngeren im Beisein der Eltern. „Kinder und Jugendliche wachsen wie selbstverständlich mit Smartphone und Internet auf“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Sie müssen frühzeitig begleitet und angeleitet werden, damit sie sich handlungssicher und selbstbestimmt in der digitalen Welt bewegen können.“

Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 03/2022