Unternehmenspraxis (Ausagabe 06/2020)

(Foto: ©bluedesign – stock.adobe.com)
(Foto: ©bluedesign – stock.adobe.com)

PERSONAL & KARRIERE

Corona sorgt für dickes Ausbildungs-Minus

Von Oktober 2019 bis September 2020 sind den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern deutschlandweit in gemeinsamen Einrichtungen insgesamt 530.300 Berufsausbildungsstellen gemeldet worden. Das waren 41.700 weniger als im Vorjahreszeitraum, so die Bilanz des Berufsberatungsjahres 2019/2020. Der überwiegende Teil sind betriebliche Ausbildungsstellen; sie verzeichnen ein Minus von 41.500 auf 514.600. Seit Beginn des Beratungsjahres am 1. Oktober 2019 haben insgesamt 473.000 Bewerberinnen und Bewerber die Ausbildungsvermittlung der Agenturen und der Jobcenter bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle in Anspruch genommen. Das waren 38.800 weniger als im Vorjahr. Das Minus ist nicht allein auf die wirtschaftlichen Einschränkungen infolge der Corona-Pandemie zurückzuführen. Bis März 2020 lag sowohl die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber als auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen bereits deutlich unter dem Vorjahr. In der Bilanz gab es auch in diesem Beratungsjahr rechnerisch mehr gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen als gemeldete Bewerberinnen und Bewerber. Bundesweit kamen auf 100 gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen 92 gemeldete Bewerberinnen und Bewerber. Ende September 2020 blieben aufgrund der Corona-Krise deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber unversorgt sowie Ausbildungsstellen unbesetzt als im letztjährigen September. So waren insgesamt noch 59.900 unbesetzte Ausbildungsstellen zu vermitteln. Gegenüber dem Vorjahr waren das 6.800 mehr. Noch unbesetzt waren vor allem Ausbildungsstellen in Verkaufsberufen, in Berufen der Lebensmittelherstellung und des Lebensmittelverkaufs sowie in Hotel- und Gaststättenberufen. Zeitgleich waren 29.300 Bewerberinnen und Bewerber noch unversorgt. Damit blieben sechs Prozent der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber ohne Ausbildungsstelle oder alternatives Angebot.

Neue Studie zu Homeoffice

Hohe Zufriedenheit, kürzere Wege, bessere Vereinbarung von Familie und Beruf: Homeoffice hat sich in der Pandemie für viele bewährt. Doch es gibt auch Risiken wie zusätzliche Belastungen durch Kinderbetreuung, entgrenzte Arbeitszeiten, Stress und Isolation. „Wir brauchen geeignete und praktikable Regeln für Homeoffice und mobiles Arbeiten“, fordert Dr. Angelika Kümmerling vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE). In einer Studie für das Bundesarbeitsministerium hat das IAQ zusammen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem IZA Institute of Labor Economics die Verbreitung und die Auswirkungen von mobiler Arbeit und Homeoffice untersucht. In Fallstudien wurden betriebliche Erfahrungen mit ortsflexiblen Arbeitsformen in kleinen und mittelgroßen Unternehmen unterschiedlicher Branchen in Deutschland unter die Lupe genommen. Anders als von ihnen vor der Corona-Pandemie angenommen, stellten demnach viele Arbeitgeber fest, dass sich mehr Tätigkeiten für das Homeoffice eignen als zuvor gedacht. „In der Praxis werden in vielen Fällen passende Arrangements gefunden“, so Kümmerling. Doch die Forscherin stellt auch klar: „Nicht alles, was möglich ist, ist auch gut und gesund!“ Die befragten Personalleitungen, Geschäftsführungen und Arbeitnehmervertretungen waren sich weitgehend einig: Zentral für Homeoffice und mobile Arbeit sind das Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden, die Unternehmenskultur und ein gutes Betriebsklima. Die Ausstattung muss auf dem aktuellen Stand der Technik sein und reibungslos funktionieren. Notwendig sind auch klare und transparente Absprachen über die Erreichbarkeit. Die Erfassung und Kontrolle der Arbeitszeiten kann ebenso helfen, Beschäftigte vor ausufernden Stunden und verschwimmenden Grenzen von Arbeit und Privatleben zu schützen.

KONJUNKTUR

Wieder Anstieg der Kurzarbeit

Der Anteil der Firmen mit Kurzarbeit hat sich im November erstmals seit Monaten wieder erhöht. Er stieg auf 28 Prozent, nach 24,8 Prozent im Oktober. Das haben Umfragen des ifo Instituts ergeben. Insbesondere bei Hotels stieg der Anteil von 62,9 auf 91 Prozent der Unternehmen, in der Gastronomie von 53,4 auf 71,7 Prozent, bei Reisebüros und Reiseveranstaltern von 88 auf 91,1 Prozent. „Gerade in diesen vom Teil-Lockdown massiv betroffenen Branchen wird wieder sehr viel Kurzarbeit gefahren“, sagt ifo-Arbeitsmarkt-Experte Sebastian Link. Der Anstieg zog sich durch fast alle großen Wirtschaftszweige. Bei den Dienstleistern stieg die Kurzarbeit von 24 auf 30,6 Prozent der Unternehmen, im Handel von 18,8 auf 20,7 Prozent und auf dem Bau von 7,4 auf neun Prozent. Nur in der Industrie war ein leichter Rückgang zu verzeichnen, von 31,9 auf 30,5 Prozent. Einzelne Branchen meldeten gegen den Trend auch kräftige Rückgänge. So die Autobranche von 50 auf 36,7 Prozent, das Verlagswesen von 42 auf 34,7 Prozent oder die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften von 64,2 auf 52,5 Prozent der Unternehmen. Das gilt auch für die Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (von 43,4 auf 34,9 Prozent), für die Druckereien (von 47,6 auf 39,1 Prozent) oder für die Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten (von 49 auf 38,4 Prozent). 

Allzeithoch bei Container-Umschlag

Der Containerumschlag-Index des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) ist saisonbereinigt im Oktober nochmals kräftig von (revidiert) 119,6 auf 122,6 Punkte gestiegen. Er erreicht damit erneut ein Allzeithoch. Der Zuwachs steht laut RWI auf breiter Basis. „Sowohl die chinesischen Häfen als auch die außerhalb Chinas verzeichneten ein deutliches Plus.“ Auch der sogenannte Nordrange-Index, der Hinweise auf die wirtschaftlichen Entwicklungen im nördlichen Euroraum und in Deutschland gibt, verbesserte sich „erheblich“: Mit 114,1 liegt er nur noch 1,1 Punkte unter dem vor der Corona-Krise erreichten Höchstwert. Die aktuelle Schnellschätzung für den Containerumschlag-Index stützt sich auf Angaben von 46 Häfen, die rund 70 Prozent des im Index abgebildeten Umschlags tätigen. Zur Entwicklung des Containerumschlag-Index sagt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt: „Der Welthandel entwickelte sich auch im Oktober ausgesprochen dynamisch. Der erste Einbruch aufgrund der Corona-Krise scheint überwunden. Abzuwarten bleibt, wie sich die neuerlichen zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen Einschränkungen des Wirtschaftslebens auf den internationalen Handel auswirken werden.“

RECHT & FINANZEN

Bund erleichtert Beteiligungen

Der Bund baut die bestehenden Beteiligungsangebote der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBGen) in Kooperation mit den Bundesländern deutlich aus. Mittelständler haben so in der Corona-Krise bessere Möglichkeiten zur Rekapitalisierung. Ziel ist es, die Eigenkapitalbasis von Mittelständlern zu stärken, heißt es aus Berlin. Zu diesem Zweck haben das Bundesministerium der Finanzen und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erhebliche Erleichterungen für die Übernahme von Beteiligungen durch die Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften beschlossen. Dafür wurden die Rückgarantie-Erklärungen des Bundes angepasst und verbessert. Damit möglichst viele kleine und mittlere Unternehmen von den Programmverbesserungen profitieren können und der Corona-bedingte Eigenkapitalverzehr damit kompensiert werden kann, werden temporär folgende Maßnahmen ab sofort umgesetzt: Die bisherige Regelobergrenze für stille Beteiligungen wird von einer Million Euro auf 2,5 Millionen Euro erweitert, das bisher in der Entscheidung notwendige Zustimmungserfordernis bei Überschreitung des bisherigen Regelbetrages durch den Bund entfällt. Die Verwendung der über Beteiligungskapital bereitgestellten Mittel ist flexibel für jeglichen Finanzierungsbedarf möglich, z. B. auch für Betriebsmittelfinanzierungen. Durch erhöhte Rückgarantien von Bund und Land gegenüber den Bürgschaftsbanken reduziert sich das Eigenrisiko der MBGen, was eine aktive Förderung mittelständischer Unternehmen mit Eigenkapital auch in schwierigen Zeiten ermöglicht. Die Kombination mit anderen Hilfsprogrammen soll ausdrücklich erlaubt sein, insbesondere auch mit dem KfW-Schnellkredit.

IHK Nord Westfalen verlässt DIHK

Die IHK Nord Westfalen (mit Hauptsitz in Münster) muss aus dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) austreten. Das hat das Bundesverwaltungsgericht Leipzig entschieden. Das Gericht begründet seine Entscheidung damit, dass der DIHK „mehrfach und nicht nur in atypischen Ausreißerfällen die gesetzlichen Kompetenzgrenzen der Kammern überschritten“ habe. „Wir bedauern, dass die IHK Nord Westfalen mit diesem Urteil zum Austritt gezwungen wird“, kommentiert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben die Entscheidung des Gerichts. „Nach Vorlage der schriftlichen Urteilsbegründung werden wir gemeinsam mit den IHKs in unseren Gremien beraten, welche Schritte die IHKs selbst einleiten und welche sie mit dem DIHK entwickeln können.“ Geklagt hatte ein Mitglied der IHK Nord Westfalen. Der Kläger beanstandet seit 2007 Äußerungen des DIHK, die seiner Ansicht nach über die gesetzlichen Kompetenzgrenzen der Kammern hinausgegangen waren. In allen Vorinstanzen blieb die Klage erfolglos. Martin Wansleben betont: „Klar ist jedenfalls: Aufgrund dieses Urteils ist keine andere IHK verpflichtet, ihre Mitgliedschaft im DIHK zu kündigen. Die Industrie- und Handelskammern und der DIHK bleiben handlungsfähig und funktionstüchtig.“

„Paradox“: Weniger Überschuldung

Die Überschuldung der Verbraucher in Deutschland hat 2020 trotz der Corona-Pandemie nochmals abgenommen. Die Zahl überschuldeter Privatpersonen in Deutschland hat sich laut Kreditreform um 69.000 Personen auf 6,85 Millionen verringert. Die Überschuldungsquote, also der Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen in Deutschland, ist leicht auf 9,87 Prozent gesunken. „Der vermeintlich positive Befund ist allerdings kein Zeichen der Entspannung“, erläutert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Auf den ersten Blick sei die aktuelle Überschuldungsentwicklung paradox, da die Corona-Pandemie und die von der Politik beschlossenen Schutzmaßnahmen die Wirtschaft in eine tiefe Rezession geschickt haben. „Ein Ende der gesundheitspolitischen und ökonomischen Krisenlage ist angesichts des ansteigenden Infektionsgeschehens nicht absehbar – die unmittelbaren und mittelbaren Folgewirkungen werden für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher gravierender sein als die der Weltfinanzkrise 2008 und 2009“, so Hantzsch. „Die staatlichen Hilfsmaßnahmen haben die schlimmsten sozialen Auswirkungen abgemildert“, ergänzt Stephan Vila, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum und microm. „Und auch die erhöhte Sparneigung und Ausgabenvorsicht sowie eine größere Konsum-Zurückhaltung haben dafür gesorgt, dass ein flächendeckender Liquiditätsengpass bisher ausblieb.“ Dennoch ist die Lage besorgniserregend: „Denn rund 700.000 Menschen hatten zwischenzeitlich den Arbeitsplatz verloren, bis zu 7,3 Millionen Menschen waren oder sind in Kurzarbeit und viele Menschen mit geringem Einkommen können ihrer selbstständigen oder teilberuflichen Tätigkeit nicht nachgehen. Schätzungen zufolge kämpfen derzeit zwei Millionen Freiberufler und Soloselbstständige um ihre Existenz und stehen am Rande einer Überschuldung“, heißt es von Creditreform.
Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

Fotostrecke

Ausgabe 06/2020