Hochschul-Kooperationen: Sinnvolle Hochschul-Nähe

Expertise, Infrastruktur und Fachkräfte: Kooperationen mit der Wissenschaft können sich für die Wirtschaft lohnen.
Hochschulen und Universitäten können Unternehmen u. a. mit ihren Laboren und Prüfständen helfen Foto: ©eldarnurkovic – stock.adobe.com
Hochschulen und Universitäten können Unternehmen u. a. mit ihren Laboren und Prüfständen helfen Foto: ©eldarnurkovic – stock.adobe.com
Welcher Mittelständler träumt nicht davon, sein gesamtes Unternehmen voll digital aufzustellen und die Segnungen der Digitalisierung voll auszuschöpfen? Leider mangelt es oftmals an Know-how und Ressourcen. Ein Problem, dem das NRW-Wirtschaftsministerium mit seinem Programm „Mittelstand.innovativ!“ entgegenwirken möchte. Dieses setze in seinen beiden Fördermaßnahmen (neben dem Innovations- und Digitalisierungsassistenten gibt es den Innovations- und Digitalisierungsgutschein) auf die Zusammenarbeit von KMU mit den Hochschulen an Rhein und Ruhr. Grundsätzlich geht es darum, den Wissens- und Technologietransfer von Hochschulen in kleine Unternehmen zu stärken, also die Innovationsfähigkeit dieser Unternehmen zu verbessern und die Chancen, die sich u. a. aus der Digitalisierung ergeben, leichter nutzbar zu machen. Mit dem Innovations- und Digitalisierungsgutschein, der zweiten Maßnahme, können KMU Hochschulen beauftragen, Beratungs-, Analyse-, Befähigungs- und Umsetzungsvorhaben sowie Forschungs- und Innovationsvorhaben zu übernehmen. Die Fördermaßnahme soll dem Mittelstand damit die Chance bieten, mit Hilfe der Hochschulen die eigenen Geschäftsmodelle neu zu analysieren und die bestehenden Entwicklungspotentiale auch mit Blick auf die innovative Konkurrenz auszuschöpfen.

1,56 Milliarden Euro für Studenten

Dass Hochschul-Nähe sinnvoll ist (und auch Investitionen lohnt), scheint sich inzwischen in der Wirtschaft herumgesprochen zu haben: 1,56 Milliarden Euro – diese Summe wenden deutsche Unternehmen pro Jahr für die Vergütung von Studierenden auf. Die Zahl stammt aus der Erhebung „Bildungsinvestitionen der Wirtschaft“, der größten Erhebung ihrer Art zu den Ausgaben der Wirtschaft für Hochschulen und Studierende in Deutschland. Sie wird seit 2009 im dreijährigen Turnus durchgeführt. „2015“ ist die bislang aktuellste Veröffentlichung. An dieser dritten Befragung nahmen 1.095 Unternehmen im Zeitraum Februar bis Mai 2016 teil. Die Ergebnisse sind nach Angaben der Verantwortlichen dieser Studie – des Stifterverbands und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln – repräsentativ für die rund 55.000 deutschen Unternehmen ab 50 Mitarbeitern. Insgesamt, so ein weiteres Ergebnis, profitierten von den für duale Studiengänge und Praktika aufgewendeten Mitteln rund 330.000 junge Frauen und Männer. Laut Stifterverband ist die Verzahnung von beruflicher Praxis und akademischer Bildung ein Hauptanliegen der Unternehmen. Die Erhebung verdeutliche außerdem den erheblichen Stellenwert regionaler Netzwerke. „Unternehmen wenden sich mit ihrem Engagement in erster Linie an Hochschulen in ihrer Nähe. Auch im digitalen Zeitalter ist die persönliche Kommunikation aus Sicht der Unternehmen entscheidend für das Gelingen einer Kooperation. Hochschulen sollten bei der Entwicklung ihrer fachlichen Profile daher auch den Austausch mit der regionalen Wirtschaft suchen“, so die Gemeinschaftsinitiative von Unternehmen und Stiftungen, die in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation tätig ist.

Kosten sind überschaubar

Dr. Mathias Winde leitet im Stifterverband den Programmbereich „Hochschulpolitik und -organisation“. Er sieht zwei große Bereiche für die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: „Zum einen verfügen viele Unternehmen in einzelnen Bereichen nicht über die nötige Expertise oder Infrastruktur, um ganz alleine Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Da helfen Hochschulen und Universitäten mit ihren Laboren, Prüfständen etc.“ Zum anderen nutzten Firmen gerade in Zeiten des Fachkräftemangels die Chance, frühzeitig junge Talente auf sich aufmerksam zu machen und an sich zu binden. „Möglichkeiten dazu bietet u. a. das Deutschland-Stipendium oder das Einrichten von dualen Studiengängen im Betrieb.“ Mit 300 Euro monatlich beim Stipendium (von denen der Bund die Hälfte übernimmt) sowie 16.000 Euro im Jahr für einen dual Studierenden seien die Kosten auch für kleinere Mittelständler noch überschaubar, findet Winde. Erster Ansprechpartner sollte immer die Hochschule vor der Haustür sein, so sein Tipp. Das Gute daran: „Auch in der Peripherie sind häufig Fachhochschulen angesiedelt, man muss als Unternehmen also nicht zwingend in den Metropolen sitzen, um auf diese Weise an die Fachkräfte von morgen zu kommen.“ Übrigens: Auch die Bundeswehr setzt auf Kooperationen mit Hochschulen. Dabei wird technischer Nachwuchs ausgebildet und „manche Lücke im Personalbereich“ geschlossen. Das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBw) hat in den vergangenen Jahren seine Hochschulausbildung für das zivile Personal mit verschiedenen Hochschulen aus ganz Deutschland ausgebaut. Während diese das theoretische Wissen vermitteln, ist die Bundeswehr für die praktischen Inhalte verantwortlich. Mit den dualen Studiengängen erhält man Nachwuchs in vielen technischen Bereichen. Die erste Kooperation dieser Art besteht seit Mai 2016 mit der Hochschule Mannheim. Die jüngste Kooperationsurkunde wurde im Sommer 2018 mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg unterschrieben. Diese bietet seit dem Wintersemester 2018/19 einen dualen Studiengang im Fach Informatik mit Schwerpunkt Informationssicherheit an. Damit sind es aktuell acht Hochschulen und insgesamt mehr als 230 Studienplätze. Der Hintergrund: Seit dem Wegfall der Wehrpflicht steht die Bundeswehr im direkten Wettstreit mit der Industrie und der sonstigen Wirtschaft um das qualifizierteste Personal. Für die IT-Branche im Speziellen gilt: Diese Berufsgruppe ist besonders gefragt. Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2019