Falsche Opfer

Wer sich lautstark als Opfer hinstellt, ist oft keins, meint Simone Harland.
(© Wayhome Studio – stock.adobe.com)
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Kennen Sie Menschen, die sich anderen gegenüber stets als Opfer darstellen? Menschen, die immer und überall vermeintlich besonders benachteiligt sind, weil sie Eigenschaften besitzen, die sie angeblich besonders verletzlich machen? Die alles, wirklich alles, auf sich beziehen und sich durchgängig als Opfer anderer Personen oder der Umstände gerieren? Die ständig nach Mitleid heischen? Oft sind diese „Opfer“ gar nicht so arm dran. Es gibt diese besonderen Opfer, die sich durch ihr Verhalten – bewusst oder unbewusst, das sei dahingestellt – Vorteile verschaffen. Die gelernt haben, dass andere sehr gerne bereit sind zu helfen, ihnen Unliebsames abzunehmen oder sich für ihre Ziele einzusetzen, wenn sie mal wieder völlig hilflos oder verzweifelt erscheinen. Missverstehen Sie mich nicht: Jeder Mensch braucht manchmal Hilfe, jeder Mensch ist irgendwann mal am Boden, doch die hauptamtlichen Opfer geben sich so oft missverstanden, angefeindet, hilflos, dass es schon System hat. Sie nutzen die Freundlichkeit anderer aus. Sind andere nicht mehr bereit, sie zu unterstützen, lassen sie sie fallen wie eine heiße Kartoffel, machen sie gegenüber anderen madig und wenden sich neuen Hilfsbereiten zu. Solche Pseudo-Opfer findet man überall: am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Familie. Im Job sind es oft diejenigen, die anderen die eigene Arbeit aufbürden, weil sie sie vermeintlich nicht selbst erledigen können. Sei es aufgrund immer wiederkehrender oder plötzlich auftretender privater Probleme oder weil sie angeblich so überlastet sind, dass jedes Blatt Papier, das zusätzlich auf ihrem Schreibtisch landet, sie komplett aus der Bahn werfen, ihre persönliche Balance zerstören würde. Im Freundeskreis sind es die Personen, die mit minimalen Problemen selbst diejenigen belasten, die sich gerade in schwierigen lebensverändernden Situationen befinden, oft mit den Worten: „Ich weiß ja: Du hast derzeit andere Probleme, aber vielleicht magst du mir doch mal zuhören.“ Und dann gibt es die Menschen, die anderen immer wieder aufs Butterbrot schmieren, dass sie ja so benachteiligt sind, weil sie blaue Haare oder zu lange Zehennägel haben – und andere sie deswegen ablehnen. Diese falschen Opfer finden immer wieder Menschen, die sich für sie einsetzen: für den armen Kollegen, der so hilflos erscheint, für die Freundin, die zwar nie wirklich zuhört und immer die gleichen Fehler macht, für eine Personengruppe, der sie nicht angehören, aber deren Probleme so offensichtlich scheinen. Das Schlimme an der Sache ist: Die falschen Opfer suchen fast nie bei sich nach den Gründen für ihre Probleme. Für ihr eigenes Handeln, für sich selbst übernehmen sie nur selten Verantwortung. Es liegt nie an ihnen, dass sie nicht anerkannt werden, sich nicht ausleben können, ihre eigenen Fähigkeiten nicht erkannt werden oder sie etwas nicht geschafft haben. Genau das unterscheidet falsche von wahren Opfern. Letztere suchen in der Regel zunächst die Verantwortung bei sich. Sie überlegen, was sie falsch gemacht haben oder besser hätten machen können. Erst danach denken sie darüber nach, ob vielleicht auch andere oder die Umstände für ihre Situation mitverantwortlich sein könnten. Im Gegensatz zu den falschen Opfern, die ihr Märtyrertum wie ein Schild vor sich hertragen, bitten viele erst dann um Hilfe, wenn gar nichts mehr geht. Während die falschen Opfer für ihr Verhalten belohnt werden, indem andere ihre Probleme lösen und sie selbst sich zurücklehnen können, müssen sich wahre Opfer häufig noch für ihr Verhalten rechtfertigen, werden angefeindet, weil sie nicht mehr funktionieren, werden für ihre Situation selbst verantwortlich gemacht mit Fragen wie: „Warum hast du nicht gemerkt, dass da etwas falschlief, warum hast du dich nicht früher abgegrenzt, warum nicht eher Unterstützung gesucht?“ Lernen wir doch endlich, falsche von richtigen Opfern zu unterscheiden. Die, die am lautesten schreien, sind oft keine wirklichen Opfer. Ertrinkende geben keinen Laut von sich – sie gehen einfach unter. Die Lautsprecher hingegen haben immer noch die Kraft, andere Menschen für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Ihnen geht es oft nur um sich selbst. Dafür sind manche sogar bereit, andere ertrinken zu lassen. Simone Harland | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 05/2021