Parallelwelten: Gewalt kann leise sein

Leise Gewalt am Arbeitsplatz kommt häufiger vor, als man denkt, meint Simone Harland.
(Foto- ©Tiko – stock.adobe.com)
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Gewalt ist allgegenwärtig. Aus den Schlagzeilen springt sie uns jeden Tag entgegen. Mord, Genozid, Terror, Kriege sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Gewalt hat viele Gesichter. Auch in Unternehmen gibt es Gewalt. Manche Vorgesetzte meinen, ihre Mitarbeiter mit martialischen Sprüchen motivieren zu müssen. Da werden verbal Kriege gegen die Konkurrenz geführt, Kämpfe um die besten Marktchancen ausgetragen, Mitbewerber ausgetrickst. Derart im wahrsten Sinne des Wortes gerüstet ziehen die Mitarbeiter zu ihren Arbeitsplätzen und nehmen den Kampf auf. Kollateralschäden sind dabei nicht zu vermeiden – irgendwo muss die Aggression ja hin. Da wird der Kollege heruntergeputzt, der seine Zielvorgaben verpasst hat, die Kollegin angeranzt, weil sie pünktlich gehen muss, um ihr Kind aus der Kita abzuholen. Solche verbalen Gewaltäußerungen sind zwar fies, doch lässt sich mit ihnen umgehen, werden sie direkt geäußert. Daneben gibt es hingegen die leise Gewalt, die niemand mitbekommt, auch niemand mitbekommen soll. Gibt etwa ein Vorgesetzter einer Mitarbeiterin immer häufiger zu verstehen, dass es nicht genug ist, was sie tut, kann dies der Beginn einer Strategie der leisen Gewalt sein. Sie strengt sich an, erfüllt die Erwartungen, doch der Vorgesetzte findet wieder ein Haar in der Suppe oder – oft genug – in einer anderen. Zuerst lobt der Vorgesetzte die Mitarbeiterin, sagt, dass er sich freut, weil sie die eine Aufgabe so gut erledigt hat. Im Nachgang weist er sie aber darauf hin, dass sie vergessen hat, in einer anderen Sache tätig zu werden. Egal, was sie tut, wie sehr sie sich anstrengt: Immer begeht sie (in den Augen des Vorgesetzten) Fehler. Durch die ständige Verunsicherung unterlaufen ihr ab einem gewissen Zeitpunkt tatsächlich Fehler, die ihr der Vorgesetzte natürlich sofort wieder aufs Butterbrot schmiert. Desgleichen gehört das Verhalten eines Kollegen zur leisen Gewalt, der gegenüber einem anderen Mitarbeiter ständig Spitzen à la „Ach, da hat Herr Sowieso ja wieder geschlafen“ austeilt, gefolgt von einem Lachen, das die Spitze als Witz tarnen soll. Findet Herr Sowieso die Äußerung nicht lustig, heißt es: „Der hat wohl keinen Humor.“ Gespräche, die sich im Kreis drehen und nur das Ziel haben, den anderen auf die eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen hinzuweisen, gehören ebenfalls in diese Kategorie. Genauso Taktiken, die den anderen verwirren sollen. Es gibt Mitarbeiter, die wichtige Unterlagen eines Kollegen kurzzeitig verstecken, um ihn dann darauf hinzuweisen, dass sie doch die ganze Zeit an dem Ort gelegen haben, wo er sie gesucht hat. Für dieses Vorgehen gibt es sogar einen Ausdruck: Gaslighting. Er stammt aus dem Film „Gaslight“, in dem ein Ehemann versucht, seine Frau so zu verwirren, dass sie schließlich denkt, sie sei verrückt. Alle Formen der leisen Gewalt sind für andere kaum zu erkennen, die Betroffenen werden als überempfindlich, humorlos, unter Umständen sogar als paranoid hingestellt. Bis sie dann selbst glauben, so zu sein, wie sie beschrieben werden. Das kann Menschen mürbe machen, sogar in die Depression führen. Jemand, der irgendwann feststellt, dass er von dieser leisen emotionalen Gewalt betroffen ist, sollte die einzelnen Vorfälle protokollieren, um bei Bedarf etwas gegen seinen Peiniger in der Hand zu haben. Unbeteiligte, die mitbekommen, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ständig auf der gleichen Person herumhackt, sollten einschreiten, sich zum Beispiel bei einem vermeintlichen Witz auf die Seite des Betroffenen stellen und deutlich machen, dass sie diesen „Witz“ nicht tolerieren oder zumindest nicht lustig finden. Vor allem aber ist es wichtig, den Betroffenen zuzuhören und zu glauben. Manches mag sich verrückt oder überzogen anhören, doch genau das ist die Masche vieler Täter. Menschen, die emotionale Gewalt ausüben, legen es darauf an, dass den Betroffenen niemand glaubt. Andere in der Umgebung sollten deshalb auf ihr Bauchgefühl hören – die Täter können sich zwar verstellen, oft gibt es jedoch Indizien, die darauf hindeuten, dass die Opfer im Recht sind. Bitte passen Sie auf! Simone Harland | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 09/2019