Parallelwelten: Die Alten kommen – tatsächlich?

Altersdiskriminierung im Betrieb ist an der Tagesordnung, meint Simone Harland.
Foto: ©Thomas Mucha  – stock.adobe.com
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Ich bin alt. Das sagen jedenfalls meine Kinder. Natürlich. Zwischen uns liegt eine ganze Generation. Ich bin ihre Mutter. In ihren Augen muss ich alt sein. Alt, das klingt nach grauen Haaren, wachsendem Körperumfang, nach starren Meinungen und Unflexibilität, nach Rheuma und Gedächtnisschwäche. Doch wann fängt das Alter eigentlich an? Nach den Vorstellungen vieler Arbeitgeber spätestens mit 45 Jahren. Ab diesem Alter gilt man in der Arbeitswelt oft bereits als schwer vermittelbar. Dabei müssen die meisten Arbeitnehmer mit 45 wenigstens noch 22 Jahre bis zur gesetzlichen Rente arbeiten, sprich gut das halbe Arbeitsleben liegt noch vor den vermeintlich Alten. Sie seien zu teuer, zu wenig offen für Neues, zu eingefahren in den eigenen Routinen, zu wenig leistungsfähig, zu häufig krank – so die Argumente, die Arbeitgeber hinter vorgehaltener Hand auf die Frage nennen, warum sie Menschen ab einem bestimmten Alter nur ungern einstellen. Nicht jedoch öffentlich, denn das wäre ja Altersdiskriminierung... Wären Arbeitgeber ehrlich, gäben sie zu, dass sie am liebsten ausschließlich Menschen zwischen 30 und 40 beschäftigen würden, weil diese schon ein gewisses Maß an Erfahrung mitbringen, ihre Arbeitskraft jedoch noch bezahlbar ist. Außerdem rütteln sie noch nicht an den Stühlen ihrer Vorgesetzten. Jüngere Arbeitnehmer sind zwar noch billiger, leistungsfähiger und leichter zu führen, weisen jedoch noch nicht alle der gewünschten Kompetenzen auf, weshalb sie es oft ebenfalls schwerer haben, eine Stelle zu finden – auch eine Form der Altersdiskriminierung. Merkwürdig ist dabei, dass Manager und Vorgesetzte oft selbst im Alter von 45 Jahren aufwärts sind und trotzdem Arbeitnehmern im gleichen Alter häufig nur wenig zutrauen. Dabei ist – will man den Medien glauben – 50 heute doch das neue 30. Viele Menschen starten in diesem Alter noch mal oder erst richtig durch. Manche beginnen mit Extremsportarten wie Triathlon, andere kaufen sich einen Sportwagen, den sie sich in jüngeren Jahren nicht leisten konnten und der jetzt zeigt, dass sie sich nach wie vor jung und dynamisch fühlen. Mit ihren Kindern verstehen sich viele dieser Generation so gut, dass sie mit ihnen zusammen Hip-Hop- oder Rockkonzerte besuchen. Jeans, kurze Röcke und T-Shirts sind selbstverständliche Alltagskleidung, gern mit Glitzer oder frechen Sprüchen – im Gegensatz noch zur Großelterngeneration, die sich in beigefarbenen Lycra-Hosen und farbenfrohen, schwarz-weißen Synthetikoberteilen am wohlsten fühlte. Die ersten grauen Haare werden weggefärbt oder aber stolz hergezeigt – auch, weil das sogenannte „Granny Hair“, das Graufärben der Haare, bei jungen Frauen in den letzten Jahren modern war. Insgesamt fühlen sich heute wenige Menschen mit 50 aufwärts tatsächlich wie 50 aufwärts, sondern weitaus jünger. Bislang haben das jedoch erst wenige Unternehmen begriffen. So schalten in den sozialen Netzwerken nach wie vor Unternehmen bei Menschen im Alter von 50 aufwärts Werbung für Treppenlifte, Einmalkatheter oder Senioren-Partnervermittlungen, nicht nur haarscharf, sondern in einem Großteil der Fälle meilenweit an der Zielgruppe vorbei. Das Gleiche gilt übrigens für all die Arbeitgeber, die denken, dass es mit 50 aufwärts mit der Aufnahme- und Leistungsfähigkeit vorbei sei. Klar, Neues zu lernen fällt manchen Menschen dieser Altersgruppe schwerer. Auch sind manche schneller erschöpft als Jüngere. Doch dafür sind die Erfahrung und das Fachwissen größer und Routinen im Arbeitsablauf können zum Beispiel einen Rückgang der Kraft oder eine Abnahme der Arbeitsgeschwindigkeit wettmachen. Allerdings, und das ist für Arbeitgeber ein Manko, sind Arbeitskräfte ab 45 aufwärts in der Regel teurer als jüngere. Doch ist das so schlimm? Oft bringen sie auch mehr Erfahrung und Fachwissen mit. Und das muss natürlich bezahlt werden. Schließlich kostet die Arbeitsstunde eines Handwerksmeisters für den Endkunden auch mehr als die eines Auszubildenden. Wie wäre es also, wenn auch Unternehmen umdenken und die heute 50-Jährigen genauso behandeln wie sie sich fühlen? Schließlich muss diese Generation ohnehin länger arbeiten und womöglich wird das Rentenalter in absehbarer Zeit noch weiter angehoben. Über 50-Jährige einzustellen und im Betrieb zu halten, bietet nämlich durchaus Vorteile. So sind ältere Arbeitnehmer im Gegensatz zu jüngeren ihrem Arbeitgeber gegenüber oft sehr loyal, nicht zuletzt, weil viele der Familie wegen ortsgebunden sind. Nicht zu unterschätzen in Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, Fachkräfte zu finden. Und: Die älteren Arbeitskräfte besitzen jede Menge Fachwissen, das verloren geht, wird es nicht an die jüngeren Kollegen weitergegeben. Und das wäre doch verdammt schade! Simone Harland | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 03/2019