Architekten in NRW: Home oder Office?

Büros und Wohnimmobilien müssen aufgrund des Megatrends Homeoffice zukünftig vollkommen anders geplant werden. Die Unsicherheit bei den Architekten wächst.
(Foto: ©virtua73 – stock.adobe.com)
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Galt es lange Zeit als absoluter Chic, in einem geräumigen Büro mit Loft-Charakter und eleganten Design-Möbeln zu arbeiten, so wirken sich die Folgen der COVID-19-Pandemie nun zunehmend auch auf die Arbeitsverhältnisse in der räumlichen Perspektive aus. Ist die Modern-Work-Area damit abgemeldet? Keine Co-Working-Atmosphäre mehr mit flexiblen Schreibtischen, mit Meeting-Corner, Chill-out-Cave, Breakfast-Board und vor allen Dingen der Tischtennisplatte inmitten des großzügigen Retro-Factory-Lofts? Wo bisher die hippen Silicon-Valley-Trends mit raumoptischer Großzügigkeit die möglichst flachen Hierarchien bei maximaler Transparenz zum Status machten und damit den Team-Impetus prägten, ist seit gut einem halben Jahr der absolute Gegentrend in gefühlt jedermanns Munde: das Homeoffice. Klar, die mit absoluter Freiheit assoziierte und so gänzlich dem sorgsam gepflegten Firmen-Corporate-Design widersprechende Form örtlich unbestimmter und damit sowohl von sozialen Kollegenkontakten als auch der hierarchischen Kontrolle unabhängiger Arbeit galt hierzulande zuvor als wünschenswerter Luxus, den sich vielleicht der Chef einmal pro Woche an einem unstressigen Freitag leisten konnte. Aber für die Mehrzahl der Angestellten kam diese Form schon bald einem Verstoß gegen die arbeitsvertraglich vereinbarte Anwesenheitsdisziplin gleich. Man musste schon sehr mutig sein, wenn man in der sogenannten Vor-Corona-Zeit mit dem Wunsch nach Arbeit im Homeoffice bei der Unternehmensleitung vorstellig wurde.

Heimarbeit mit Hindernissen

„Meine Arbeit mit nach Hause nehmen?“ Manch einen plagte gar das schlechte Gewissen, wenn der oder die Vorgesetzte dann doch mal grünes Licht für einen Arbeitstag am heimischen Küchentisch gab. „Gelte ich jetzt im Kollegenkreis als Lau-Malocher oder sogar als Streber? Oder neige ich dazu, mich in vorauseilendem Gehorsam mehr als erwartet selbst auszubeuten? Wo ziehe ich meine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben? Oder muss ich gar Angst haben, künftig als Sicherheitslücke von Firmengeheimnissen angesehen oder zur Rede gestellt zu werden?“ All diese Bedenken sind seit März 2020 mit einer fassungslos unkomplizierten, aber gleichwohl spektakulären Entscheidung in den Wind geblasen worden, als beinahe ganz Deutschland die Entscheidung traf, große Teile der Firmenbelegschaften quasi über Nacht in die Heimarbeit zu schicken. Selbst Großkonzerne räumten die Büroetagen und verordneten den zuvor sorgsam zusammengestellten Projektteams die Arbeits-Quarantäne in den eigenen vier Wänden – um überhaupt noch halbwegs produktiv arbeiten zu können. Doch wo sich Arbeitsprozesse und Produktivitätsstrukturen noch vergleichsweise leicht modifizieren lassen, da ist es mit der architektonischen Metamorphose vom bestmöglich ausgestatteten sowie arbeitsergonomisch optimierten Büroarbeitsplatz hin zur unaufgeräumten Schreibecke am Klapptisch mit Küchen-Holzstuhl ein weiter Weg. Wer hat in seiner Wohnung schon ein vollfunktionstüchtiges Arbeitszimmer mit den wesentlichen Funktionsgrundlagen für produktive Arbeit: Platz, Technik und Ruhe? Vom leistungsfähigen LAN-Anschluss mal ganz zu schweigen.

Geänderte Anforderungen an Wohnimmobilien

Ökonomen und Architekten stellen fest, dass das Homeoffice bereits in der knappen Halbjahresfrist die Anforderungen an den Wohnungsmarkt verändert hat. Der Bedarf an Grundrissen mit getrennten Räumen beginnt zu wachsen und damit die wandlos-offene Bauweise abzulösen. Ein abschließbares Arbeitszimmer, vielleicht noch ein separater Raum für das Homeschooling der Kids, stehen auf der Wunschliste Wohnungssuchender nun ganz weit oben. In der Folge gewinnen großzügigere und erschwinglichere Wohnlagen am Stadtrand oder auf dem Land zunehmend an Interesse, denn mehr Arbeitszeit zu Hause bedeutet ja auch gleich weniger notwendige Pendelfahrten zum Firmengebäude in der Innenstadt, trotz eines längeren Anfahrtswegs. Solange die aktuellen Abstands- und Hygieneanforderungen im Büro noch keine Rückkehr der kompletten Belegschaft möglich machen, wird es wohl auch in den kommenden Monaten einen umschichtigen Wechsel zwischen Firma und Homeoffice geben müssen. „Viele Arbeitgeber möchten aber ihre Bürogebäude so optimieren, dass sich eine größere Anzahl von Mitarbeitern zeitgleich im Büro aufhalten kann“, berichtet der Industrieverband Büro und Arbeitswelt (IBA) und verweist dazu auf die aktuellen Vorgaben für den Corona-Schutz am Arbeitsplatz, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BAMS) ab 20. August zur Leitlinie gemacht hat – genannt: „SARS-CoV2-Arbeitsschutzregel.“ Sie enthält z.B. konkrete Vorgaben für Abtrennungen zwischen den Arbeitsplätzen oder zu Kunden mit der generellen Maßgabe, „dass technische Maßnahmen wie Abstand vergrößern und Stellwände aufbauen immer Vorrang vor organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen haben“, so der IBA.

Zukunftssorgen bei Architekten

Ein breites und lukratives Betätigungsfeld für architektonische Umbaumaßnahmen und intelligente Lösungen der Innenarchitektur, möchte man meinen. Hingegen blicken Deutschlands Architektinnen und Architekten eher mit Sorge in die Zukunft. Das ergab eine gemeinsame Umfrage der Bundesarchitekten- und der Bundesingenieurkammer unter 6.000 Berufskolleginnen und -kollegen im vergangenen April. Mehr als drei Viertel der Befragten spürten demnach bereits konkret die Folgen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von COVID-19. Besonders extrem zeigt sich die Situation in der Innenarchitektur, wo 79 Prozent der Befragten angaben, dass sich in ihrem Büro die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise bereits negativ auswirken. Im Vergleich dazu waren es bei den Architekten immerhin 57 Prozent, bei Stadtplanern 54 Prozent und in der Landschaftsarchitektur noch 47 Prozent der Befragten, die von negativen Auswirkungen berichteten. Ab dem zweiten Halbjahr 2020 sei nach der Umfrage mit einer weiteren, deutlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und mit finanziellen Einbußen zu rechnen, berichtet die Bundesarchitektenkammer. „Große Sorge macht uns vor allem der Auftraggeber öffentliche Hand. Wenn die Steuereinnahmen der Kommunen in der Weise einbrechen, wie vorausgesagt wird, steht zu befürchten, dass notwendige Investitionen in Bau- und Infrastrukturprojekte auf ungewisse Zeit verschoben werden“, schätzt Klaus Brüggenolte als Vizepräsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen die unsichere Lage für seine Branche ein. Die Verantwortlichen in Bund, Land und Kommunen werden dazu aufgerufen, die „gegenwärtig aufgebrachten, hohen Mittel zur Konjunkturbelebung in erster Linie in den investiven Sektor zu geben“. Das sei bei allen Investitionen in Gebäude und in langlebige Infrastrukturprojekte der Fall. Emrich Welsing | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2020