Industrie- und Hallenbau: Weg vom „Billigbau“

Wie wirtschaftlich eine Industriehalle ist, bestimmen kaum noch die Errichtungskosten. Dank BIM gewinnen Hallen zudem deutlich an Flexibilität in der Nutzung.
Neuer Raum für gewerbliche Nutzung:  Eine Stahlkonstruktion wächst in die Höhe (Foto: ©Studio Harmony  – stock.adobe.com)
Neuer Raum für gewerbliche Nutzung: Eine Stahlkonstruktion wächst in die Höhe (Foto: ©Studio Harmony – stock.adobe.com)
Ob Platzmangel durch starkes Wachstum oder ein maroder Bestand, bei dem Sanierungsmaßnahmen nicht sinnvoll erscheinen – es gibt viele gute Gründe für eine neue Produktionshalle. Wobei: In den Gewerbebauten jüngeren Datums wird häufig gar nicht mehr produziert. Vielmehr stehen laut Markus Lehmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, gewerbliche Dienstleistungen im Vordergrund. „Logistik“ lautet das Schlagwort. Und Logistik braucht bekanntlich Platz – viel Platz. Es geht also um große Dimensionen. Architekturpreise müssen aus Sicht vieler Auftraggeber dagegen nicht gewonnen werden. Die Ästhetik bleibt oft auf der Strecke. Markus Lehmann drückt es diplomatischer aus: „An diese meist aus rein funktionalen Anforderungen heraus entwickelten großmaßstäblichen Hallenbauten werden leider häufig keine gestalterischen Ansprüche gestellt.“ Erfreulicherweise habe sich allerdings im sonstigen Gewerbe- und Industriebau zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich „billige“ Bauweisen langfristig nicht auszahlten. „Gerade in diesem Segment wird die Wirtschaftlichkeit von Gebäuden nur zu einem geringen Teil durch die Baukosten bestimmt. Wesentlich sind meist die Nutzungs- und Betriebskosten, die durch intelligente Planungsansätze gegenüber Billigkonzepten fast immer reduziert werden können“, sagt Lehmann. 

Flexible Nutzung dank BIM

Ein weiterer spürbarer Wandel im Industrie- und Hallenbau betrifft die Nutzungsdauer. Denn auch in dieser Branche hat die allgemeine Schnelllebigkeit Einzug gehalten. „Die übliche Nutzungsdauer im Hallenbau beträgt zehn Jahre. Oft ist danach eine Nutzungsänderung gewünscht“, erklärt Gregor Machura, Geschäftsführer des Verbands bauforumstahl. Dank der digitalen Planung mit Stahl sei das aber kein Problem mehr: „Es lässt sich mittlerweile sehr anschaulich am Modell abbilden, wie die Halle später aussieht und wie wandelbar ein Projekt ist. Der Bauherr muss kein Fachwissen mitbringen, um bei der Planung am 3-D-Modell, Stichwort Building Information Modeling (BIM), mitzuwirken.“ Der Stahlbau sieht sich also gut gerüstet für das Heute und Morgen. Mit Sorge sieht man dagegen die „fehlende Digitalisierung bei den Behörden“. Wenn Termine aufgrund mangelnder digitaler Kommunikation nicht durchgeführt werden könnten, gerieten Ausschreibungs- und Vergabeverfahren sowie Abnahmen schnell ins Stocken“, sagt Gregor Machura. „Auch fehlt es an Flexibilität, die Ausschreibungstexte der Situation entsprechend anzupassen. Art und Weise des digitalen Datenaustausches bedürfen dringend einer einheitlichen Regelung.“ Auch die Architektenkammer NRW sieht die Digitalisierung als wichtige Herausforderung: „Diese wird die Art und Weise, wie Gebäude geplant, gebaut, genutzt und verwaltet werden, deutlich verändern und zumindest in der Implementierungsphase einen beträchtlichen Investitionsbedarf erfordern. Denn die Typologie der Industrie- und Gewerbebauten ist besonders geeignet, mit neuen Planungsmethoden wie dem Building Information Modeling (BIM) geplant und am Ende auch betrieben zu werden.“ Zu beobachten ist laut der Kammer zudem ein Strukturwandel sowohl in der Bauindustrie als auch bei Architektur- und Ingenieurbüros. Die Folgen: Marktkonzentrationen und damit größere Unternehmen und Planungsbüros in absehbarer Zukunft. „Kleinere Handwerksbetriebe werden zumindest als Subunternehmer auch weiterhin überleben können; für kleine Planungsbüros sieht es dagegen nicht gut aus“, meint Hauptgeschäftsführer Markus Lehmann.

Beeinträchtigung durch Corona?

Markus Lehmann nennt eine weitere Sorge der Industrie- und Hallenbauer: „Die schwer vorhersehbaren, aber voraussichtlich negativen Konjunkturaussichten führen in Planungsbüros und auch in der Bauwirtschaft zu einer deutlichen Verunsicherung.“ Er befürchtet, dass sich gerade die exportabhängige deutsche Industrie bei Investitionen zurückhalten werde. „Schon seit Jahren beobachten wir, dass der Wohnungsbau deutlich an Bedeutung zunimmt, der Gewerbebau sich jedoch nicht in gleicher Weise entwickelt.“ Die positive Nachricht: „Die Corona-Krise trifft Architekten und Ingenieure bislang weniger hart als befürchtet“, so der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW. Die staatlichen Stützungsmaßnahmen im Bauwesen stabilisieren demnach nicht nur die Bauwirtschaft, sondern auch die Büros. Entwarnung gibt es gleichwohl nicht. „Es ist von nachgelagerten und länger andauernden negativen Effekten für die gesamte Baubranche auszugehen.“ Wichtig sei, an allen notwendigen Rahmenbedingungen weiterzuarbeiten, damit die Anreize des Innovations- und Konjunkturpakets der Bundesregierung bei den dringend benötigten Bauprojekten und Sanierungs- wie Modernisierungsaufgaben ankämen, „so dass die Beschäftigung gesichert und auch der Klimaschutz weiter vorangetrieben wird“, so Lehmann.

Nachhaltiges Bauen mit Stahl

Apropos: „Grünes“, nachhaltiges Bauen müsste doch eigentlich im Industrie- und Hallenbau schon jetzt die große Mode sein, oder? Laut Gregor Machura vom bauforumstahl werden diese Aspekte allerdings immer noch viel zu wenig berücksichtigt. Seine Werbung für den Stahl: Kaum ein anderer Baustoff sei so gut für das „nachhaltige Bauen“ geeignet. Heute würden bereits elf Prozent der eingesammelten Baustähle direkt in neuen Gebäuden wiederverwendet. Auch durch das Recycling von Stahl entstehe kein Qualitäts- oder Wertverlust. „Der neue Stahl kann dabei sogar eine höhere Festigkeit erhalten. Stahl ist haltbar, langlebig, schont unsere Ressourcen und das Klima.“ Leider würden diese Aspekte ebenso wenig wie die geringen Instandhaltungskosten mit der notwendigen Konsequenz in den Ausschreibungsverfahren eingefordert. „Öffentlich-rechtliche Vorschriften, Regeln und Normen lassen sich bei Industrie- und Gewerbebauten aufgrund der sehr unterschiedlichen Nutzungen nicht immer sinnfällig anwenden“, sagt Markus Lehmann. So seien energieeffiziente Gebäudehüllen, die die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (kurz EnEV) deutlich unterschreiten, im Wohnungsbau sinnvoll. Industriebauten hätten dagegen in der Regel ohnehin ein günstiges Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis und seien zumeist gering beheizt. „Vielmehr entstehen bei vielen Produktionsprozessen hohe Abwärmelasten, die längst nicht überall sinnvoll genutzt werden. Auch die Potenziale von großen Hallen-Flachdachflächen zur Gewinnung von Solarenergie werden noch nicht konsequent ausgeschöpft.“ Daneben würde sich der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer „als Beitrag zur Biodiversität und zur Verbesserung der Mikroklimata“ viel mehr begrünte Hallendächer wünschen. Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

Fotostrecke

Ausgabe 04/2020