Platz machen für Veränderungen

Wenn das Material länger hält als die zugedachte Funktion: Betonbohrungen und Tiefenbohrungen schaffen Zukunft.
Diamantbohrer sind seit gut 60 Jahren im Einsatz (Foto: Hilti)
Diamantbohrer sind seit gut 60 Jahren im Einsatz (Foto: Hilti)
Beton war der „Baustoff des 20. Jahrhunderts“ und hat durch betontechnologische Innovationen durchaus auch das Potenzial, dieses Prädikat im 21. Jahrhundert zu verteidigen. Heute ist Beton ein Hightech-Produkt. Selbst verdichtender Beton und lichtdurchlässiger Beton sind die jüngsten und spektakulärsten Beispiele einer Entwicklung, deren Ende noch lange nicht absehbar ist. Beton hat aber auch seine Grenzen: Einmal geformt und ausgehärtet, zeigen sich die Tücken der sprichwörtlichen Betonhärte: Nicht immer halten die zugedachten Funktionen so lange wie das Material. Steht die Sanierung des Eigenheims an, müssen die Werkshalle, ein Maschinenfundament, das Tragwerk einer Brücke verändert werden, stellt sich die Frage, wie diese neuen Anforderungen optimal umgesetzt werden können. Durchbrüche für alte Wände und Decken müssen her, für die Fassadendämmung ist das Abtrennen von Vordächern oder Balkonen notwendig, moderne Haustechnik braucht neue Wege für Rohre und Leitungen. Dann sind die Spezialisten der Betonbohr- und Betonsägebranche am Zuge. Die ältesten Spuren von Kernbohrungen findet man in Ägypten. Dort wurde diese Art der Steinbearbeitung bereits vor 5.000 Jahren ausgeführt. Es ist nicht überliefert, wie die Bohrungen hergestellt wurden, jedoch findet man Kernbohrungen an den unterschiedlichsten Bauten und Bauteilen. Die heute verwendete Technik des hydraulischen und elektrischen Kernbohrens mit diamantimprägnierten Segmenten wird seit etwa 50 Jahren verwendet. Mit dieser Technik lässt sich nahezu jede Form aus Wand oder Decke sägen oder bohren. Ein neues Fenster, eine neue Tür oder die räumliche Vergrößerung mittels großen Wandausschnitts sind klassische Sägearbeiten. Werden runde Aussparungen gewünscht, kommt ein Kernbohrer zum Einsatz. Er macht Platz für einen neuen Dampfabzug oder anspruchsvolle Arbeiten in einem Atomkraftwerk, für den neuen Dunstabzug, den nachträglichen Kamineinbau oder neue Versorgungsleitungen. Fachbetriebe für solche Arbeiten gibt es überall in der Bunderepublik, die leistungsfähigsten sind im Fachverband Betonbohren und -sägen organisiert. Mit knapp 700 Mitgliedern ist er weltweit der größte dieser Branche. Viele Dienstleister bieten neben dem klassischen Bohren und Schneiden auch Rückbauarbeiten mit Abbruchrobotern, Boden schleifen, Belag schneiden und Klebebewehrungen an. 2015 war für die Betonbohr- und -sägebranche ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr. „Sicher gab es regionale Unterschiede, aber in der Summe herrschte eine gute bis sehr gute Auftragslage unter den Fachbetrieben. Auch für das laufende Jahr wird mit stabilen bis wachsenden Umsätzen gerechnet“, bilanziert Thomas Springer. Der Vorsitzende des Verbandes freut sich über die gefüllten Auftragsbücher der Fachbetriebe, verdeutlicht aber auch ein seit mehreren Jahren erkennbares Problem der Branche: Es fehlen zunehmend qualifizierte Fachkräfte. „Einige Kollegen berichteten, dass sie gern mehr Projekte gestemmt hätten, wenn sie nicht an die Kapazitätsgrenzen ihrer Mitarbeiter gestoßen wären“, zeigt Springer auf. Diesem Thema widmet sich der Fachverband mit dem Angebot der überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung von Nachwuchskräften und Quereinsteigern. „Mit dem Berufsbild des Bauwerksmechanikers für Abbruch und Betontrenntechnik ist die Branche sehr gut aufgestellt“, ist der Verband überzeugt.

Brunnenbau: Eines der ältesten Handwerke


Erfolgreich unterwegs ist auch ein weiterer Zweig der Bohrbranche: „Brunnenbauer“ nennen sich auch heute noch die gut 5.000 Spezialisten der Branche, die bundesweit in gut 500 Unternehmen tätig sind. Der Jahresumsatz der „Brunnenbauer“ liegt bei 633 Millionen Euro, ein Mehrfaches davon kann dem Branchenspektrum zugeschrieben werden. Zum Bereich „Bohrtechnik“ gesellen sich auch die Unternehmen, die nach Erdgas und Erdöl bohren, die Tunnelbauer und die vielen Hersteller, die aber nicht klar abgegrenzt werden können, weil sie sich auch im Spektrum des Maschinenbaus wiederfinden. „Geologische Aktivitäten sind immer mit Unbekannten verbunden. Man kann nicht in den Untergrund hineinsehen, man weiß nie, was kommt. Eine spannende, aber auch schöne Aufgabe“, sagt Sebastian Geruschka. Für den Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Brunnenbau, Spezialtiefbau und Geotechnik im Zentralverband Deutsches Baugewerbe steht fest, dass die spezielle Herausforderung des Gewerkes immer die Herstellung der Bohrung ist. Traditionell wird die bei der Suche nach Wasser eingesetzt. Ohne Wasser kann der Mensch nicht leben, und ohne Brunnen kommt er nicht an diese wichtige Lebensressource heran. Daher ist der Brunnenbau einer der ältesten Handwerke, das sich im Laufe der Zeit aber technisch stark verändert und darüber hinaus um neue Aufgaben erweitert hat. In früheren Jahrhunderten war der Bau von Brunnen schwere Handarbeit. Heute haben neue Bauverfahren, Geräte und Computerisierung Eingang in den Brunnenbau gefunden. Die Erschließung großer Bohrtiefen und große Bohrdurchmesser sind heutzutage tägliche Praxis für die Fachbetriebe des Brunnenbaus. Die sind längst aber auch in den verschiedensten Bereichen des Spezialtiefbaus und in der Geothermik tätig. Die Unternehmen sind auch bei der Erkundung des Grundwassers in Bereichen von Altdeponien und Altstandorten tätig. Auch die Sanierung und Regenerierung von Brunnen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Mit Bohrungen für Tiefgründungen wie beispielsweise Pfahlgründungen bewältigen moderne Brunnen- und Wasserwerksbauunternehmen schwierigste Gründungsarbeiten. Neben vertikalen oder geneigten Bohrungen werden für Rohrleitungen zunehmend auch horizontale Bohrungen und Rohrvortriebe ausgeführt.

Geothermie rückt in den Mittelpunkt


Der klassische Brunnenbau erfordert heute Bohrungen in einer Tiefe von 50 bis 60 Metern, geothermische Bohrungen graben sich je nach Technik in einen Bereich bis 400 Meter Tiefe. Bohrungen zur Anwendung von Erdwärme zur direkten Nutzung für Heizungsanlagen und die Warmwasseraufbereitung haben das Spektrum in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. „Geothermie rückt in einer Zeit hoher umweltpolitischer Sensibilität mehr und mehr in den Mittelpunkt der Tätigkeit der Fachbetriebe des Brunnenbaus“, erläutert Sebastian Geruschka. Das Tätigkeitsfeld der Brunnenbauer habe sich dadurch in den vergangenen 15 Jahren komplett verändert. Geothermie (Erdwärme) ist die unterhalb der festen Oberfläche der Erde gespeicherte Wärmeenergie. Je tiefer man in das Innere der Erde vordringt, desto wärmer wird es. In Mitteleuropa nimmt die Temperatur pro 100 Meter Tiefe um etwa drei Grad Celsius zu. Erdwärme kann aber auch zur Kühlung von Gebäuden, zur Wärme- und Kältespeicherung im Untergrund sowie zur Schnee-  und Eisfreihaltung von Straßen, Schienen, Brücken bzw. von Start- und Landebahnen eingesetzt werden. Das tiefste Loch des Landes soll übrigens der Stadt Arnsberg „Bares“ und Energie bringen: Sechs Jahre nach Bohrbeginn und vielen Rückschlägen konnte kürzlich ein europaweit einmaliges Pilotprojekt zur Geothermie erfolgreich abgeschlossen werden. In einer Tiefe von 2.835 Metern wird Wasser „gezapft“. Das kommt mit 55 Grad aus der Tiefe und soll künftig 70 Prozent des Energiebedarfs des Erlebnis-, Sport- und Solebads „NASS“, einer Schule und einer Sporthalle decken – das entspricht einem Wärmebedarf von 140 Einfamilienhäusern. Das Projekt hat auch seinen Preis: Es kostete 3,5 Millionen Euro. Dennoch soll es sich rechnen: Abhängig von den Energiepreisentwicklungen, soll sich die Investition nach etwa 15 Jahren amortisieren. Anschließende Gewinne, so der Plan, sollen dem städtischen Haushalt zufließen. Reinhold Häken Redaktion@suedwestfalen-manager.de
Ausgabe 07/2016