Bauunternehmen: Konjunkturlokomotive rollt

Baukonjunktur wird vom Wohnungsneubau getragen: 300.000 Wohneinheiten werden im Jahr geschaffen. Mit mehr als 2,2 Millionen Beschäftigten ist die Bauwirtschaft der größte Arbeitgeber der deutschen Volkswirtschaft.
Kräne symbolisieren die Baukonjunktur (Foto: ©Michael Rosskothen – stock.adobe.com)
Kräne symbolisieren die Baukonjunktur (Foto: ©Michael Rosskothen – stock.adobe.com)
Gerade einmal 160.000 Wohneinheiten wurden im „Seuchenjahr“ 2010 fertiggestellt, nahezu 300.000 waren es jeweils in den beiden vergangenen Jahren und ebenso viele sollen es auch im laufenden Jahr wieder sein: Die Baukonjunktur brummt. Das sieht man in den Städten, in den „Speckgürteln“ der angesagten Quartiere, Baukräne drehen sich allenthalben. Auch der Autofahrer bemerkt Aktivität und Investitionsbereitschaft, kommt er doch um die aktuell mehr als 500 Baustellen allein auf den Autobahnen nicht herum. Auch nicht um die bis zu 850 Baustellen pro Tag bei der Deutschen Bahn. „Wir bewerten die Lage weiterhin positiv und erwarten ein Umsatzwachstum von 8,7 Prozent auf 137,5 Milliarden Euro und gehen von einem Anstieg unserer Beschäftigten auf 855.000 aus. Das sind immerhin 20 Prozent mehr als 2009. Damit ist die Bauwirtschaft momentan die Konjunkturlokomotive Nummer eins“, kommentierte Reinhard Quast die aktuelle Baukonjunktur. Der Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe erwartet für das kommende Jahr ein Umsatzplus von fünf Prozent auf 145 Milliarden Euro und analysiert ein Wachstum der drei Bausparten Wohnungsbau, Wirtschaftsbau und Öffentlicher Bau gleichermaßen.

Mit wirtschaftspolitischen Themen verknüpft

Die deutsche Bauwirtschaft ist aber sehr viel mehr als das „Bauhauptgewerbe“: Sie ist mit vielen anderen Branchen und Handwerkszweigen eng verknüpft, Energie und Klima, Digitalisierung und Fachkräftebedarf, also die großen wirtschaftspolitischen Themengebiete, betreffen direkt die Bauwirtschaft. Die setzt sich zusammen aus dem Bauhauptgewerbe mit rund 75.000 Unternehmen und einem Bauvolumen von 114 Milliarden Euro sowie dem Ausbaugewerbe mit 252.000 Betrieben mit 1,15 Millionen Beschäftigten und einem Bauvolumen von 136 Milliarden Euro. Mit mehr als 2,2 Millionen Beschäftigten ist die Bauwirtschaft der größte Arbeitgeber der deutschen Volkswirtschaft. Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verdeutlichen, dass im Jahr 2018 über 400 Milliarden Euro am Bau investiert wurden. Dominiert wird das deutsche Bauvolumen dabei mit über 57 Prozent vom Wohnungsbau, dessen Quote in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Der Neubau von Mehrfamilienhäusern verzeichnet zweistellige Zuwachsraten. Auch die Bauleistungen im Bestand können sich sehen lassen. Die relative Bedeutung geht wegen des Neubau-Booms leicht zurück, aber sie machen noch immer 68 Prozent des gesamten Wohnungsbaus aus. 157 Milliarden Euro wurden im Jahre 2018 in die Modernisierung und Instandhaltung von bestehenden Wohngebäuden investiert. Bei den Bestandsmaßnahmen im Wohnungs- und Nichtwohnungsbau dominieren Ausgaben für Teilmodernisierungen. Mit mehr als 62 Milliarden Euro machen Maßnahmen zur energetischen Sanierung einen wesentlichen Anteil der Bauleistungen an bestehenden Gebäuden aus.

Anziehende Bestandsleistung

„Das Bauhauptgewerbe profitiert am stärksten von der guten Baukonjunktur, die vom Wohnungsneubau getragen wird. Die Zuwachsraten liegen im Hauptgewerbe seit Jahren deutlich über denen im Ausbaugewerbe. Die anziehenden Bestandsleistungen lassen jedoch auch wieder eine dynamischere Entwicklung im Bereich der Bauinstallationen erwarten. Dabei bleibt das Ausbaugewerbe der bedeutsamste Sektor für die Beschäftigung in der deutschen Bauwirtschaft. Fast 60 Prozent aller Mitarbeiter im Baugewerbe sind dort tätig“, analysiert das Institut für Wirtschaftsforschung.

Kleine Unternehmen geben Ton an

Das Institut hat auch herausgefunden, dass die meisten Beschäftigten in kleineren Unternehmen zum Werkzeug greifen. Mehr als 90 Prozent der Firmen haben weniger als zehn Beschäftigte, größere deutsche Baukonzerne genießen zwar international Weltruhm, spielen vor Ort aber eher eine bescheidene Rolle, hier geben die mittelgroßen Bauunternehmen und eben die kleinen den Ton an. Im Bauhauptgewerbe sind die meisten Unternehmen klein und sehr klein (33 Prozent mit einem Jahresumsatz unter 100 Millionen Euro). Große Umsätze werden dagegen von den zehn Prozent der Unternehmen in den höchsten Größenklassen erbracht (mit einem Jahresumsatz von über zwei bis 50 Millionen Euro). Die Kleinteiligkeit im Baugewerbe ist im internationalen Vergleich allerdings eine überdurchschnittliche Betriebsgröße. „Dies führt im Ergebnis dazu, dass die Arbeitsproduktivität je Stunde im deutschen Baugewerbe im internationalen Vergleich am höchsten ist“, fällt die Prognose des Instituts aus. Dies soll auch für die Zukunft gelten, hoffen die Verbände der Bauwirtschaft und sind mit der aktuellen Einschätzung nicht unzufrieden: Die Experten erwarten auch für die kommenden Jahre weitere Zuwächse der Bauinvestitionen. Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

INFO

Bauland wird rar
Immer weniger Flächen auf dem Markt

Bauland wird in den Metropolen rar. In A-Standorten (hierzu zählen die sieben größten Städte in Deutschland) wurden 2017 ein Drittel weniger Baulandgrundstücke verkauft als noch sechs Jahre zuvor. Aber auch in den B- und C-Standorten (Leipzig, Freiburg, Karlsruhe oder Potsdam) kommen immer weniger bebaubare Grundstücke an den Markt. Hier sank die Zahl der Verkaufsfälle auf 82 Prozent des Niveaus des Jahres 2011. Dazu kommt, dass das noch vorhandene Bauland in der Regel extrem teuer ist. Besonders an den A-Standorten haben sich die Preise im Vergleich zu 2011 fast verdoppelt und liegen im Durchschnitt bei 1.120 Euro/Quadratmeter. Auch die B-Standorte können sich diesen Preissteigerungen nicht entziehen. Hier zahlt man im Durchschnitt 500 Euro/Quadratmeter für Bauland – auch hier einen Preissprung von über 100 Prozent verglichen mit den Preisen vor sechs Jahren.

Warum steigen die Preise?
Zentralverband verweist auf Rohstoffkosten

Die Baupreise sind seit dem Jahr 2000 um 45 Prozent gestiegen, analysiert der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). Nach Berechnungen des größten deutschen Branchenverbandes haben allein die Rohbauarbeiten an Wohnbaugebäuden seit dem Jahr 2000 um 41 Prozent zugelegt. Den größten Schub erlebten danach die Preise jedoch beim technischen Ausbau der Gebäude (plus 146 Prozent). Kein Wunder, dass sich die Baubranche mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, die hohe Nachfrage für überzogene Preissteigerungen zu nutzen. Dem widerspricht die Branche und verweist auf „deutlich gestiegene Rohstoffkosten“ und die deutliche Erhöhung der Tariflöhne. „Seit Januar 2016 bis heute waren es bei Betonstahl plus 44 Prozent, der Preis für Bitumen im Straßenbau hat sich sogar verdoppelt“, verdeutlicht der Zentralverband, der allerdings einräumt, „dass die Bauunternehmen die steigenden Kosten lange Zeit nur unzureichend am Markt in höhere Baupreise umsetzen konnten.“

Fotostrecke

Ausgabe 08/2019