Tief- und Straßenbau: Es boomt so schön!

Jahrelang ging es dem Tief- und Straßenbau schlecht. Doch seit einigen Jahren geht es kräftig aufwärts. Und die Aufgaben sind noch längst nicht abgearbeitet.
Zahlreiche Baustellen prägen die Verkehrswege in NRW. (Quelle: www.verkehr.nrw, aufgerufen am 28.08.2020)
Zahlreiche Baustellen prägen die Verkehrswege in NRW. (Quelle: www.verkehr.nrw, aufgerufen am 28.08.2020)
NRW ist spitze. Spitze in Sachen Infrastruktur, spitze beim Verkehrsaufkommen und spitze beim Sanierungsbedarf. Ob auf der Autobahn, über Land oder im Stadtverkehr – wer sich morgens in das Kampfgeschehen zwischen Güterverkehr und Berufspendlern einfindet, der braucht starke Nerven. Ihn erwarten Schlaglöcher, marode Brücken, Baustellen am laufenden Band und wenn es ganz gut läuft, auch mal ein gordischer Knoten von 500 Kilometern Stau. Diesen aufzulösen und unsere Straßen wieder fit zu machen, das ist eine Aufgabe für den Straßenbau in NRW. Ähnlich ‚marode‘ oder eher vernachlässigt ist unsere Breitband-Infrastruktur; insbesondere im ländlichen Raum. Als Teil der modernen und zeitgemäßen Grundversorgung für Industrie, Gewerbe und Privathaushalte ist ihr Ausbau in Kombination mit den altbekannten Größen wie Elektrizität, Fernwärme, Wasserversorgung oder Abwasser ebenfalls eine Aufgabe des Straßen-, aber auch des Tiefbaus. Letzterer ist zudem ein wichtiger Partner für den Hochbau.

Anhaltender Trend

Sprechen wir von einer Aufgabe, so ist dies nicht gleichbedeutend mit dem Auftrag. Denn dieser kommt im Fall des Straßenbaus oft genug von der öffentlichen Hand. Und das zum Leidwesen der Branche. Denn diese ist mittlerweile gezwungen, Versäumnisse der Politik innerhalb kürzester Zeit nachzuholen. Denkt man nur mal an die vielen sanierungsbedürftigen Rheinbrücken zwischen Emmerich und Bonn. Gleiches gilt für viele Straßen im Siegerland, Münsterland, am Niederrhein oder in der Eifel. Viel zu tun also für die Tief- und Straßenbauer in NRW. Die Auftragslage der verschiedensten Bereiche der Bauwirtschaft in NRW zeigt seit Jahren nach oben. Doch das war nicht immer so. Anfang der Nullerjahre ging es für die gesamte Bauwirtschaft stark bergab. 2008 lag das Beschäftigungsniveau bei nur noch 60 Prozent von demjenigen im Jahr 2001. Beschäftigung und Auftragseingang lagen bei rund 80 Prozent. Und seitdem? Geht es aufwärts. Der Umsatz liegt inzwischen 40 Prozent über dem von 2001; beim Auftragseingang beträgt der Zuwachs rund 50 Prozent. Und da Auftragseingang und Ausführung stets einen spürbaren zeitlichen Versatz haben, verspricht dies auch für die kommenden Jahre einen guten Umsatz. Allein die Zahl der Beschäftigten kommt lange nicht an das alte Niveau heran. Es liegt bei rund 80 Prozent des Ursprungsniveaus. Will heißen: Die Produktivität der Bauwirtschaft ist in schwindelerregendem Maße gestiegen. Wer hätte das gedacht? Ein Blick auf den Auftragseingang der einzelnen Bereiche der NRW-Bauwirtschaft zeigt eine ähnliche Entwicklung bei Wirtschaftsbau, öffentlichem Hochbau, öffentlichem Tiefbau, Wohnungsbau und Straßenbau.

Corona was?

Obwohl die Branche beklagt, dass die Corona-Krise in einigen Kommunen zu einer personellen Überlastung führt und damit zu Verzögerungen bei Abrechnungen, Planung und Ausführung: In absoluten Zahlen scheint die Branche so gut durch die Krise zu kommen wie kaum eine andere. So stieg der baugewerbliche Umsatz im Zeitraum Januar bis Mai 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um stolze 10,9 Prozent. Gegenüber 2018 um plus 30,8 Prozent. Es gibt kaum eine andere Branche, die dieses Wachstum übertreffen könnte. Auch beim Auftragseingang sieht es gut aus: Bauverbände.NRW zufolge konnte der Tiefbau als Teil des Wirtschaftsbaus seinen Auftragseingang zwischen Januar und Mai 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 25,1 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro erhöhen. Der sonstige öffentliche Tiefbau konnte in diesem Fünfmonatszeitraum Steigerungen von 15,2 Prozent auf 813 Millionen Euro verbuchen und im Straßenbau waren es 848 Millionen Euro bei einem Zuwachs von 4,4 Prozent.

BIM und Personalmangel

Sprechen wir vom Kampf der Bauwirtschaft um die Zukunft, so könnte man meinen, diesen Kampf zunächst bei der Digitalisierung zu verorten. Doch dem ist nicht so. Die Baustelle ist längst digitalisiert; von der Vermessung bis zur Abrechnung. Unter dem Stichwort „Building Information Modeling“ (BIM) digitalisiert sich die Baustelle. Das System wird insbesondere im Zusammenspiel mit anderen Gewerken zu einem synergetischen Katalysator und erfreut sich vor allem bei gewerblichen oder privaten Aufträgen großer Beliebtheit. Sorgen bereitet jedoch das Thema Personalmangel. Schon von jeher ist das Berufsbild des Straßen- oder Tiefbauarbeiters geprägt von Staub, Gestank und Dreck. Hinzu kommt die vermeintlich schlechte Bezahlung. Doch bei einem Stundenlohn von im Schnitt gut 16 Euro gibt es wenige Menschen in der Bauwirtschaft, die unter 35.000 Euro pro Jahr verdienen. Diese Kosten schlagen sich übrigens auch auf die Baukosten nieder. So machen die Lohnkosten rund 25 Prozent der Baukosten aus. Doch weiter mit den Personalproblemen der Branche. Diese zeigt sich in vielen Bereichen als überaltert. Bis 2030 werden mehr als 150.000 der heute rund 800.000 Beschäftigten der Bauwirtschaft altersbedingt auf den vielen Baustellen des Landes fehlen. Jetzt mag man anführen, dass der Job nicht mehr so hart ist wie früher, dass die Digitalisierung viele Jobs wegrationalisieren wird und dass man auf der Baustelle mehr studierte Ingenieure brauchen wird. Das stimmt so weit, doch es wird auch immer Leute geben müssen, die das Handwerk verstehen und ausüben können. Digitale Zahlen bauen kein Gebäude, schon recht keine Straße. Glücklicherweise steuert die Branche dem Trend entgegen. So finden sich immer mehr Unternehmen, die Ausbildungsplätze anbieten oder die unter dem Mantel des dualen Studiums ihren Nachwuchs heranziehen. Auch engagiert sich die Branche in qualifizierenden Maßnahmen, um junge Menschen ausbildungsfähig zu bekommen. In Kombination mit den guten Ausbildungsvergütungen, die knapp 200 Euro über dem Gesamtdurchschnitt liegen, wird dies das Personalproblem aber nur teilweise mildern. Und so sucht die Branche in anderen Bereichen nach Möglichkeiten, sich zu stärken. Etwa durch ausländische Arbeitnehmer oder qualifizierte Flüchtlinge, die oft in ihren Heimatländern bereits eine Anstellung im Baugewerbe hatten. Frei nach dem Motto: Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende. André Sarin | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 04/2020