Disruptive Technologien: Mit der Zukunft Schritt halten

Wie der Mittelstand disruptive Technologien verstehen und umsetzen kann.
(Foto: ©and4me/©deepvalley  - stock.adobe.com)
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Ob Airbnb oder Uber, 3D-Druck oder Virtual Reality, Internet-Streaming oder Versandapotheke – disruptive Technologien und Geschäftsmodelle bereichern unsere Gegenwart und Zukunft. Dabei sind diese Entwicklungen, anders als der seit gut fünf Jahren anhaltende Hype um sie, keineswegs neu. So verdrängte die Dampfschifffahrt seit Ende des 18. Jahrhunderts das Segelschiff von unseren Gewässern. Auch haben technische Innovationen wie zum Beispiel Transistor, LED-Beleuchtung oder MP3 durch unsere Wirtschaftsgeschichte hindurch immer wieder neue Produkte oder Dienstleistungen geschaffen. Dennoch geht vom Begriff der disruptiven Technologien und von den daraus resultierenden Geschäftsfeldern immer wieder eine Magie aus, die bewirkt, dass manche Experten den Untergang ganzer Branchen voraussehen oder sich an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter wähnen. Disruption ist in ihrem Kern mitnichten revolutionär. Sie folgt oft lediglich einer Entwicklung oder der Forschung und kombiniert vorhandene Technologien zu einem passenderen Produkt oder einer besseren Dienstleistung. Auch folgen disruptive Entwicklungen oft einem gesellschaftlichen Trend oder begleiten ihn. Ein schönes Beispiel dafür ist der Nahverkehr in Estlands Hauptstadt Tallinn. Hier können Bürger seit gut sechs Jahren einen kostenlosen ÖPNV nutzen. Diese Nutzung führt jedoch weniger zum Verzicht aufs Auto, sondern eher dazu, dass Fußgänger zu Bus und Bahn wechseln. In der Summe macht das disruptive Angebot die Bürger so mobiler. Auch hat der kostenlose ÖPNV die Attraktivität Tallinns für das Berufs- und Privatleben erhöht. Seit Einführung des Gratisverkehrs im Jahr 2013 ist die Einwohnerzahl der Stadt um rund 34.000 gestiegen. Dies hat der Hauptstadt ein jährliches Steuer-Plus von 20 Millionen Euro beschert.

Schlüsseltechnologien praktisch anwenden

So viel zur gesellschaftlichen Sprengkraft von disruptiven Modellen. Doch wo steht das Thema in der Wirtschaft und was erwartet uns bzw. den deutschen Mittelstand in Zukunft? „Die Megatrends Digitalisierung und Automatisierung werden Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft wie die Automobilindustrie, den Maschinenbau und Dienstleistungen auch künftig prägen“, erklärt Alexander Knebel von der Deutschen Industrieforschungsgemeinschaft Konrad Zuse. Welche Bedeutung die einzelnen Technologien dabei haben und welche Wertschätzung ihnen entgegengebracht wird, zeigt die Studie „Digitalisierung der Wirtschaft“. So geben aktuell auf der einen Seite rund 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland an, Big Data zu nutzen, den Einsatz zu planen oder zumindest darüber zu diskutieren. Immerhin mehr als jedes dritte Unternehmen sagt das über das Internet of Things, 3D-Druck oder Robotik. „Auf der anderen Seite sind gerade einmal elf Prozent der Unternehmen bei künstlicher Intelligenz mit an Bord; und nur sechs Prozent bei Blockchain“, so Dr. Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation beim Digitalverband Bitkom. „Gerade eine Querschnitts- und Schlüsseltechnologie wie KI wird große Auswirkungen auf praktisch jede Branche haben. Unternehmen sind deshalb gut beraten, sich bereits heute mit den Technologien zu beschäftigen – auch weil sie dadurch einen Wettbewerbsvorteil erzielen können.“ Lassen Sie uns an dieser Stelle einen kurzen Blick hinter den Ladentisch wagen. Bereits jetzt nutzt der Handel die technischen Möglichkeiten von Electronic Shelf Labels bzw. elektronischen Regaletiketten, Augmented Reality In-Store Navigation oder Platzierungs-Apps. Auch zeigen Ansätze wie zum Beispiel Produktion im Store, wie die Digitalisierung am Point of Sale gelingen kann. „In Zukunft werden diese und weitere technologische Entwicklungen es dem Handel ermöglichen, noch besser auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen und maßgeschneiderte Angebote sowie eine individuelle Handelswelt für die Verbraucher zu schaffen“, erklärt Olaf Roik, Bereichsleiter des Handelsverbands Deutschland. „Der eindeutige Trend der Zukunft ist die künstliche Intelligenz. Denn KI ist nicht einfach eine weitere technische Entwicklung. Es ist vielmehr eine Basis-Innovation, die zahlreiche Geschäftsmodelle verändern und neue ermöglichen wird.“ Länder wie China und die USA haben früher als Deutschland diese Tragweite erkannt. So hat das Land aus Fernost angekündigt, bis 2020 einen KI-Markt von 150 Milliarden Dollar schaffen zu wollen. „Deshalb hat Deutschland bei der Förderung des heimischen KI-Standorts keine Zeit zu verlieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben“, mahnt Roik.

Reallabore-Strategie – the german way

Und was macht die Politik? Die Bundesregierung versucht, dem Trend zu disruptiven Technologien mit ihrer Reallabore-Strategie ein Stück weit Rechnung zu tragen. Mit der Strategie des Bundeswirtschaftsministeriums soll die Regulierung in Deutschland zukunftsgerichteter und anpassungsfähiger werden. Mit zeitlich und räumlich begrenzten Reallaboren werden dabei Testräume für Innovationen und Regulierung geschaffen; ein Anwendungsfall ist etwa die Erprobung der Paketzustellung durch Drohnen. „Mit der Reallabore-Initiative wollen wir nicht nur eine Mentalität des Austestens fördern. Wir wollen auch unseren Rechtsrahmen fit für die Ideen von morgen machen und die notwendigen Freiräume schaffen, damit kluge Ideen auch in Zukunft in Deutschland getestet und umgesetzt werden – und nicht nur in China oder den USA“, so Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Der Trend zur Plattformökonomie hält an

Die Reallabore-Strategie hilft vor allem Technologieunternehmen und Start-ups. Doch was ist mit den vielen Mittelständlern, die keine Forschung und Entwicklung betreiben? Auf welches technologische Pferd sollen diese Unternehmen setzen? „Der Trend zu Plattformökonomien dürfte weitergehen“, sagt Knebel. Weiter zunehmen wird auch die Bedeutung von Vernetzung, maschinellem Lernen, Assistenzsystemen sowie automatisierten Entscheidungen. Das Vermögen, aus Daten möglichst wertvolles Wissen zu generieren, wird künftig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. „Marktstrukturen ändern sich. Insbesondere für Mittelständler steigt daher die Bedeutung sinnvoller Vernetzung“, weiß Knebel. In Unternehmen besteht darüber hinaus ein zunehmender Bedarf, Disruption interdisziplinär anzugehen und zu verstehen. „Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Initiative ‚Disraptor‘ in Niedersachsen, bei der auch unser Mitgliedsinstitut IPH mit im Boot ist“, so Knebel. Disraptor unterstützt Unternehmen auf kultureller und technischer Ebene dabei, neue Strategien und Produkte für die Zukunft zu entwickeln. Vorhandene Kompetenzen werden dabei, weg von aussterbenden Märkten hin zu zukunftsträchtigen, neu eingesetzt. Und eben diese Transformation beschreibt die disruptiven Entwicklungen in der deutschen Wirtschaft am besten. André Sarin | redaktion@suedwestfalen-manager.de
Ausgabe 02/2019