Blockchain: Mehr als Bitcoin …

Die Blockchain-Technologie verspricht zahlreiche Innovationen – und das vollkommen unabhängig von Bitcoin & Co.
Foto: ©LuckyStep – stock.adobe.com
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Big Data, Augmented Reality, Machine Learning – die Digitalisierung bringt zahlreiche technische Innovationen hervor. Einige davon haben bereits ihren Weg in unsere Wirtschaft bzw. die Wertschöpfungskette gefunden, andere dagegen stehen noch am Anfang ihrer Möglichkeiten. Ein aktuelles Beispiel für solch eine vielversprechende Innovation ist das Prinzip der Blockchain-Technologie. Unter „Blockchain“ versteht man eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datenblöcken, die mittels kryptographischer Verfahren miteinander verkettet sind. Jeder Datenblock enthält dabei in der Regel einen sicheren Hash des vorhergehenden Blocks, einen Zeitstempel und Transaktionsdaten. Blockchains sind absolut fälschungssicher und damit ein perfektes Mittel, um Produkte, Dokumente oder Dienstleistungen zu identifizieren und zu authentifizieren. In Form von Kryptowährungen wie zum Beispiel Bitcoin, Ethereum und Monero ist die Blockchain-Technologie bereits seit 2009 bekannt. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung bietet die Technologie nun auch zahlreiche weitere praktische Anwendungsfelder.

Blockchain im Baltikum

Blockchains können im Prinzip überall dort Anwendung finden, wo die Erfassung, der Nachweis oder die Transaktion von Kontrakten oder Objekten in der Wirtschaft auftauchen. So hat IBM im März dieses Jahres zusammen mit dem französischen Verband der Urkundsbeamten einer Blockchain-Lösung für Handelsgerichte eingeführt. Die Plattform basiert auf dem Hyperledger-Fabric-Framework, ein Open-Source-Projekt der Linux Foundation. Sie soll langfristig die Koordinierung zwischen den verschiedenen lokalen Registern erleichtern und gleichzeitig auch für mehr Transparenz sorgen. Darüber hinaus soll die Plattform bessere Dienstleistungen für Unternehmen bieten. Verwaltung und der öffentliche Sektor bieten viele weitere Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie, etwa dann, wenn es darum geht, Identitäten von Personen oder Dingen zu bestätigen oder die Echtheit von Dokumenten zu belegen. Die Absicherung von E-Payment oder Wahlen sind weitere Möglichkeiten. Digitaler Vorreiter in Sachen Blockchain ist mal wieder Estland. So bietet das baltische Land seit 2015 mit dem E-Residency-Programm einen Blockchain-basierten Notardienst. Auch wird die Integrität medizinischer Dokumente in Estland mit einer Blockchain-ähnlichen Technologie abgesichert.

Diamonds are forever

Ein anderer Ansatz bietet sich bei Everledger. Das Londoner Unternehmen ermöglicht mit seinem Diamond Time-Lapse Protocol eine auf Blockchains aufbauende Rückverfolgbarkeit für die Diamanten- und Schmuckindustrie. Ziel ist es, allen Branchenteilnehmern einschließlich der Hersteller, Einzelhändler und Verbraucher die Geschichte eines Diamanten vom Ursprung bis zum Endkunden darzulegen. Everledger erstellt bzw. verwaltet hierfür digitale Dokumente zum Ursprung, zur Identifizierung und zu den Besitzverhältnissen von Diamanten. Jeder Diamant ist dabei mit seinem optischen Verhalten eindeutig identifizierbar; vergleichbar mit dem Fingerabdruck beim Menschen. Damit kann ein Diamant nicht nur eindeutig auf seine ethisch-moralischen Aspekte hin verifiziert werden (Stichwort: Blutdiamanten), auch wird der Betrug oder der Handel mit Diebesware dank Blockchains deutlich erschwert. Entsprechende Herkunftsnachweise werden auch für andere Industriesektoren und Produktarten benötigt. So ist zum Beispiel bei einer Produktzulassung nachzuweisen, dass Konfliktmaterialien wie Zinn, Wolfram, Tantal und Gold aus der Demokratischen Republik Kongo und bestimmten Nachbarländern nicht im Produktionsprozess verwendet wurden. Weiter ist die Verwendung zertifizierter Ersatzteile (Originalteile), insbesondere im Automobilsektor und in der produzierenden Industrie, ein großes Thema. Hier gilt es allein schon aus Sicherheitsgründen, auszuschließen, dass gefälschte Bauteile verwendet werden. Beides kann nun via Blockchain-Technologie abgesichert werden.

2,2 Sekunden Römersalat

Damit kommen wir zum Supply-Chain-Management und Handel. Hier bietet das Unternehmen Skuchain aus Kalifornien in den Bereichen B2B-Trading und Supply-Chain-Management verschiedene Blockchain-basierte Lösungen – zum Beispiel zur zeitnahen Nachverfolgung von Rechnungen und Transaktionen sowie zur Dokumentation von Bauteilhistorien in der Supply Chain. Skuchain ermöglicht den Teilnehmern die Partizipation an einer globalen Wertschöpfungskette. Gleichgestellt mit dem E-Commerce bietet die Blockchain-Technologie eine Grundlage für kollaborativen Handel, bei dem Unternehmen zusammenarbeiten können, um höhere Gewinne zu erzielen und gleichzeitig die Übersicht über die gesamte Lieferkette zu erhalten. Auch im klassischen Einzelhandel wird auf die Blockchain gesetzt. So entwickelte Walmart zusammen mit IBM ein Blockchain-System zur effektiveren Nachverfolgung von Lebensmitteln. IBM Food Trust ist das Ergebnis dieser Entwicklung. Dadurch werden zunächst die Lieferanten von grünem Blattgemüse verpflichtet, bis September 2019 ihre Daten für das System bereitzustellen. Aktuell dauert es in der Regel sieben Tage, um die Quelle eines Nahrungsmittels zu eruieren. Mit der Blockchain-Technologie kann Walmart diese Zeit auf 2,2 Sekunden reduzieren. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass verdorbene oder gar infizierte Lebensmittel den Verbraucher erreichen, erheblich verringert.

Blockchain meets Smart Grid

Unter dem Slogan „Energie neu erfinden“ wollen wir das Unternehmen Power Ledger als weiteres Beispiel für die Nutzung der Blockchain-Technologie vorstellen. Das australische Unternehmen orientiert sich an der Idee des Smart Grid und ermöglicht den so genannten Peer-to-Peer-Handel von Energie. Kunden und Unternehmen können beispielsweise ihre überschüssige Energie an Nachbarn oder andere Betriebe verkaufen. Power Ledger bietet zudem die Möglichkeit, dass verschiedene Investoren etwa in große Anlagen für erneuerbare Energien, wie Solarparks und Batterien investieren und diese gemeinsam nutzen können. Dezentrale Stromgewinnung mittels Blockchains betreibt man in Zukunft auch in New York. Hier entwickelt Brooklyn Microgrid ein „community-based Microgrid“. Private Solarstrom-Produzenten sollen hier untereinander und mit anderen ihren Strom teilen; natürlich gegen eine entsprechende Bezahlung. Eine automatische Protokollierung mit Blockchains als Validierung dient dabei als Daumenabdruck für den Strom. So weiß jeder transparent, wer im letzten Abrechnungszeitraum wie viel Strom produziert oder verbraucht hat.

Wo Licht ist, ist zumeist auch Schatten

Die vielen Beispiele aus der Wirtschaft zeigen, dass die Blockchain-Technologie insbesondere im Zusammenspiel mit dem Internet der Dinge zahlreiche Möglichkeiten bietet, den Wertschöpfungsprozess zu unterstützen. Doch wo Licht ist, da ist zumeist auch Schatten. Und so möchten wir an dieser Stelle noch auf zwei Herausforderungen der Blockchain-Technologie aufmerksam machen. Da wäre zunächst die Tatsache, dass Blockchains aufgrund ihrer Eigenschaften und der kommunikationsintensiven Verfahren viel Energie und Speicherkapazität benötigen. Zum anderen muss die Technologie noch mehr an gesellschaftlicher Akzeptanz und Vertrauen gewinnen. Sind diese Herausforderungen jedoch erst mal gemeistert, so steht mit der Blockchain-Technologie ein weiteres Werkzeug der Digitalisierung und Wertschöpfung für die Wirtschaft bereit. Die Möglichkeiten im Blick prophezeit die Unternehmensberatung Gartner, dass die Anzahl an Blockchain-Implementierungen in den nächsten fünf Jahren rasant steigen wird. André Sarin | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 03/2019