Telekommunikation: 5G und weitere Baustellen

Gerade was das Thema Digitalisierung angeht, hinkt Deutschland hinterher. So weit nichts Neues. Dennoch gibt es auch in der hiesigen TK-Branche einige neue Entwicklungen
(Foto: ©Rawpixel.com – stock.adobe.com)
(Foto: ©Rawpixel.com – stock.adobe.com)
Noch schnell etwas googeln oder den Podcast zu Ende hören: Die meisten Leute haben ihr Smartphone immer dabei, ob zum Surfen oder Telefonieren. Und auch das gute alte Festnetztelefon wird zumindest von Geschäftskunden weiterhin häufig genutzt. Telekommunikation, kurz TK, ist ein Riesenbusiness. Allein in Deutschland hat der Markt, ähnlich wie in den Vorjahren, ungefähr ein Volumen von knapp 59 Milliarden Euro. Bisher gab es in Deutschland drei Mobilfunknetze der Betreiber „Vodafone“, „Telefónica“ und „Telekom“. Die Anzahl der Mobilfunkanbieter hat sich aktuell aber geändert. Denn die Lizenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G in Deutschland wurden am 12. Juni für 6,6 Milliarden Euro an „Telekom“, „Vodafone“, „Telefónica“ und den neuen Anbieter „1&1 Drillisch“ versteigert.

Neuer Wettbewerber kommt dazu
Bei den 5G-Lösungen werde auch über regionale Mobilfunklösungen, so genannte Campus-Lösungen, diskutiert. „Das ist eine Chance für kleinere, regionale Anbieter, deren Dienstleistungen im Gegensatz zu denen großer Unternehmen weniger standardisiert sind“, sagt Krämer. Auch für manche Stadtwerke oder andere regionale Telekommunikationsanbieter könnte dies ein interessanter Markt sein, indem sie beispielsweise Fabrikhallen vernetzen. Eine mittelgroße Schreinerei, die etwa eine intelligente Lagerhaltung einführen möchte, könnte dafür einen regionalen Anbieter nutzen. Die Regulierung lasse es zu, dass auch lokale, geografisch abgeschirmte Netze, so genannte Campus-Netze, aufgebaut werden könnten. Die ganz großen Wettbewerber hätten zwar ähnliche Angebote. „Deren Systeme sind allerdings darauf ausgelegt, möglichst vielen Endkunden ein standardisiertes Produkt zu verkaufen“, so Krämer weiter. Um den kommenden Mobilfunkstandard 5G überhaupt nutzen zu können, müssen die Netze ausgebaut werden. Neben der Digitalisierung bleibt der Ausbau gigabitfähiger Netze, u. a. in Nordrhein-Westfalen vor allem hin zu den Unternehmensstandorten, ein weiteres Kernthema der Branche. Dieser Meinung ist Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbands für Telekommunikation und Mehrwertdienste e. V. (VATM). Auch wenn Unternehmen heute noch mit einer geringeren Datenrate klarkommen, sollten sie Grützner zufolge darauf achten, dabei zu sein, wenn Glasfaserkabel verlegt werden. „In der TK-Branche bauen wir derzeit bewusst Netze, die aktuell nur wenige sehr innovative Unternehmen benötigen“, so Grützner, „wir bauen also auf den ersten Blick zu früh, wenn es um allein unsere wirtschaftliche Sichtweise als TK-Unternehmen ginge“.

Baukapazitäten sind knapp
Wenn Unternehmen beim ersten Anlauf nicht dabei sind und mit neuen Systemen den Nutzen aus dieser Technologie ziehen, könne es laut dem Experten Jahre dauern, „bis der Bagger wieder vor der Tür steht und die Firma einen neuen Anschluss bekommt, da die Baukapazitäten so knapp sind.“ Auf Unternehmen, die beim Ausbau dabei sind, kommen vor allem Anschlusskosten zu. „Außerdem müssen möglicherweise auf dem Grundstück Anschlüsse und Kabel neu verlegt werden“, sagt Grützner. Im Vorfeld solcher Infrastruktur-Maßnahmen werden Unternehmen in der Regel angeschrieben. Aber im Unternehmen sollte es, so Grützner, jetzt schon eine Planung und klare Ansprechpartner geben, die sich um die unternehmensseitigen Maßnahmen zur Digitalisierung und Fragen des Netzausbaus kümmern. Neue Prozessketten und Dienstleistungen entstehen mit neuen Technologien. Dafür ist laut Grützner die Telekommunikationsbranche der Enabler und größte Treiber. Viele technische Lösungen basieren darauf, dass große Datenmengen digitalisiert werden und daraus neue Prozesse entstehen, beispielsweise bei der Kundenansprache, die Grützner zufolge helfen, längst vorhandene analoge Daten künftig auch zu monetarisieren. Die Daten-Analyse läuft über Cloud-Systeme und deren Anbieter. „Für diese Datenmengen brauchen wir in Deutschland schnelle Netze, die diese Daten schnell verarbeiten können“, sagt Grützner. Dafür reichen Netze mit 50 Megabit pro Sekunde auf Dauer nicht aus. Und in zehn Jahren werden ohnehin alle Firmen Glasfaser-Netze benötigen, ist Grützner überzeugt.

Umstellung auf IP dauert noch an
Derzeit sind noch viele Unternehmen mit der IP-Umstellung beschäftigt. „Bevor Fax-Geräte und ISDN-Anlagen umgestellt sind, müssen adaptive Systeme eingesetzt werden, die mit IP-Signalen arbeiten können“, so Grützner. Das funktioniere nur, wenn die privaten Unternehmen dies individuell planen. „Die praktische Umstellung aller Unternehmen von ISDN auf IP wird noch bis weit in das Jahr 2020 dauern“, sagt Guido Otterbein, Geschäftsführer von Sec-Com. Und trotz guter Vorplanung kann am Tag der Umstellung oder danach etwas schiefgehen. „Es kann am Telefon beispielsweise zu Roboterstimmen kommen, weil die Bandbreite nicht in Ordnung ist oder bestimmte Einstellungen noch angepasst werden müssen“, sagt Otterbein. Proaktiv sollten Unternehmer Otterbein zufolge ihre Kunden informieren, an welchem Tag die IP-Umstellung stattfindet, und ihnen alternative Mobilfunknummern nennen, damit der Betrieb normal weiterläuft. Aktuell sind TK-Anbieter auf der Suche nach neuen Ertragsmöglichkeiten neben den klassischen Anschlussgebühren. Denn sie verdienen hierzulande größtenteils an den Inhalten nicht mit. In den USA ist das anders. Dort ist AOL Time Warner mit dem Telekommunikationsriesen AT&T fusioniert, so dass ein Telekommunikationsanbieter gleichzeitig auch ein großer Inhalte-Anbieter ist. Das ist in Deutschland nicht der Fall.

TK-Anbieter als Daten-Marktplätze
Viele Telekommunikationsanbieter versuchen sich gerade laut Prof. Krämer auch als Daten-Marktplätze zu etablieren, die Firmen einen sicheren, vertrauenswürdigen Datenaustausch mit anderen sowie Daten-Analyse-Tools anbieten. Ein Beispiel dafür ist das Data Intelligence Hub der Telekom. „Ein Datenpool ist allerdings nur attraktiv, wenn er möglichst groß ist“, sagt Krämer. Daher werden von allen Marktplätzen wohl nur wenige übrig bleiben. Barbara Bocks | redaktion@regiomanager.de

Fotostrecke

Ausgabe 05/2019