Trend geht zur Selbsthilfe

Die Frage nach dem Brandschutz lastet immer mehr auf den Betrieben selbst. Denn die Feuerwehr kommt oft zu spät.
Foto: © Lukas Gojda – stock.adobe.com
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Brandschutz ist ein schwieriges Thema. Denn kaum einer macht sich wohl gerne Gedanken über die Folgen eines Brandes in seiner Wohnung oder seinem Betrieb. Und trotz allem: Nach einer Studie des Bundesverbandes Brandschutz-Fachbetriebe e.V. (bvbf) befürchten 60 Prozent der Berufstätigen einen Brand in ihrem Unternehmen. Dass diese Sorge geschmälert werden kann, dafür sorgt die Brandschutz-Branche.

Drei Verbände sind verantwortlich


Wie groß dieses Gewerbe ist, ist nur schwer in Gänze einzusehen. Denn der Brandschutz wird durch drei Verbände vertreten. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) ist zuständig für den Bereich Brandmeldung. Dazu zählen neben der Brandmeldetechnik (wie z.B. Rauchwarnmelder) auch Sprachalarmanlagen und Rufanlagen. Allgemein verzeichnete der ZVEI in der elektronischen Sicherheitstechnik, zu der allerdings auch die Überfall- und Einbruchmeldetechnik zählt, im Jahr 2015 ein Umsatzwachstum von 7,8 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Der größte Anteil mit 1,7 Milliarden Euro und 11,2 Prozent Wachstum entfiel dabei auf die Brandmeldetechnik.
Als zweiter Verband vertritt der Bundesverband Technischer Brandschutz e.V. (bvfa) die Brandschutz-Branche. Unter diesem Verband sind die Betriebe zusammengefasst, die dafür sorgen, dass ein größerer Brand gar nicht erst entsteht. Der Verband gliedert sich in verschiedene Unterkategorien wie beispielsweise Wasserlöschanlagen (unter anderem Sprinkleranlagen), Löschmittel, Feuerlöscher und baulicher Brandschutz. Insgesamt schätzt der Geschäftsführer Dr. Wolfram Krause den Umsatz der Unternehmen im Verband auf vier Milliarden Euro. Für den Rauch- und Wärmeabzug ist schließlich der Fachverband Tageslicht und Rauchschutz e.V. (FVLR) zuständig, der allerdings keine Umsatz-Statistiken anlegt. Alle drei Bereiche zusammen sorgen dafür, dass Feuer frühzeitig entdeckt und gemeldet, eingedämmt oder gelöscht werden.

Brandgefahr steigt stetig


Innovationen sind beim Brandschutz eine Notwendigkeit, denn die Brandgefahr steigt laut Dr. Wolfram Krause stetig: „In der Industrie bedeuten Verbesserungen immer auch größere Brandgefahr.“ Ein Produktionsausfall durch ein Feuer kann für ein mittelständisches Unternehmen das Aus bedeuten. Gleichzeitig hat die Feuerwehr jedoch mit Einsparungen zu kämpfen – die Firmen müssen sich also selbst helfen. Spätestens seit das extrem wirksame Halon als Löschmittel in Deutschland mittels der FCKW-Halon-Verbots-Verordnung verboten wurde, ist die Branche mit Innovationen gezwungen, alternative Wege für das steigende Risiko zu finden. Die Wege sind teils sehr unterschiedlich. Das Altbewährte hat dabei meist seinen festen Platz: „Ein Feuerlöscher, wie er heute auf dem Markt ist, funktioniert nicht sonderlich anders als vor 30 Jahren“, so Krause. Ähnlich sehe es bei den Sprinkleranlagen aus. Etwa zehn Jahre auf dem Markt und deshalb vergleichsweise neu ist die Methode, den Sauerstoff in Räumen so weit zu verhindern, dass ein Brand gar nicht mehr aufkommen kann. Diese teure Technik ist allerdings nur in geschlossenen, kleineren Bereichen sinnvoll, beispielsweise bei Rechenzentren oder im Tiefkühlbereich, in dem das Löschwasser gefrieren würde.
Eine weitere nützliche Innovation nennt Raimund Bücher, der Vorsitzende des Werkfeuerwehrverbands Deutschland e.V. (WFVD) und Leiter der Werkfeuerwehr von Henkel AG&Co KGaA. Er sieht die Löschspraydose als sinnvolle Investition für geeignete Betriebe. „Die Handhabung ist extrem einfach“, erklärt Bücher. Für Industrie eignen sie sich zwar nicht, in Büros können sich die Spraydosen allerdings zu einer geeigneten Feuerlöscher-Alternativen entwickeln. Denn die Dosen haben eine Lebenszeit von drei Jahren (Feuerlöscher müssen alle zwei geprüft werden), sind selbst im Bauhaus zu besorgen und auch für Ungeübte zu bedienen. Unter anderem greift die Deutsche Post auf diese Methode zurück.

Vernetzung schafft Vorteile


Bücher bemerkt ebenfalls eine Neuerung im Bereich der Vernetzung: „Mittlerweile haben wir Tablet-PCs auf den Löschfahrzeugen.“ Auf einen Blick sind alle Informationen direkt verfügbar, eine analoge Ordnersuche braucht es nicht mehr, die Daten sind also schneller verfügbar.
Eine große und teils umstrittene Veränderung hat sich in der Betriebssicherheitsverordnung, genauer der Arbeitsstätten-Richtlinie „Maßnahmen gegen die Entstehung von Bränden ASR A2.2“, vollzogen. Gab es vor einigen Jahren noch eine strikte Vorschrift, wurde diese nun aufgelockert. Die Verantwortung liegt dadurch jedoch mehr und mehr beim Betreiber. Weicht jener vom allgemeinen Fahrplan ab, braucht er einen Sachverständigen, der eine Gefährdungsbeurteilung ausstellt. Die Vorschriften, die noch existieren, sind nach Bücher allerdings teils zu streng. Die Spraydosen würden als Alternative zum Feuerlöscher beispielsweise gar nicht aufgezählt, Feuerlöscher, die zehn Jahre hielten, würden mit der Pflicht, sie alle zwei Jahre zu kontrollieren, ausgehebelt. Der Sachverständige, der alternative Lösungen absegnet, kann jedoch teuer werden. Als eine wichtige Frage der Zukunft sieht Raimund Bücher auch die nach der Industrie 4.0: Wie werden die voll automatisierten Fabriken aussehen in Bezug auf Brandschutz, welche Materialien werden dort verwendet? Abläufe und Techniken im Brandschutz werden mit einer neuen Art der Industrie angepasst werden müssen.

Brandschutz ist maßgeschneidert


Um einen Betrieb heutzutage brandschutztechnisch optimal auszustatten, gibt es nach Dr. Wolfram Krause keine Standardlösung: „Brandschutz ist immer maßgeschneidert.“ Seien Brandwände oft eine sinnvolle Lösung, würden sie einer langen Fertigungsstraße im Weg stehen. Hier sei eine Sprühwasseranlage die bessere Lösung. Auch eine Sprinkleranlage könne an manchen Stellen falsch sein. „Und selbst Handfeuerlöscher bringen nur etwas, wenn die Mitarbeiter im Umgang damit ausgebildet sind“, so Krause. Wichtig sei, dass der Brandschutzplaner eines Gebäudes stets auf dem aktuellen Stand der Technik sei, um die richtige Brandschutzlösung herauszufiltern. Sinnvoll sei es auch, einen Risikoexperten von der Versicherung oder einen unabhängigen Gutachter den Brandschutz vor Ort unter die Lupe nehmen zu lassen. Mitunter würden dadurch auch Vergünstigungen bei der Versicherung möglich, beziehungsweise Konditionen dafür aufgetan. Entscheidend ist nach Krause in jedem Fall, das Bewusstsein dafür zu haben, dass Brandschutz notwendig ist: „'Die Feuerwehr kommt schon rechtzeitig' ist ein Irrglaube. Die Feuerwehr wird oft zu spät kommen.“ Denn ein Feuer hat mitunter in zwei bis drei Minuten eine Größe angenommen, die nicht mehr einfach zu bewältigen ist. Als bestes Beispiel dafür gilt nach dem bvfa-Geschäftsführer der fehlende Brandschutz in Seniorenheimen. Obwohl die Feuerwehr oft nur vier Minuten entfernt sei, komme durch fehlende Sicherheit jeden Monat in Deutschland im Altenheim mindestens eine Person bei einem Brand ums Leben. Nur die Hilfe zur Selbsthilfe sorgt also für die notwendige Sicherheit vor einem Brand oder im
Brandfall.

Nathanael Ullmann | redaktion@revier-manager.de

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Ausgabe 07/2016