Kolumne

Mikroaggressionen vs. Makroaggressionen

Wenn Menschen Mikroaggressionen anprangern, zu realen Angriffen jedoch schweigen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit, meint Simone Harland.

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von REGIO MANAGER 16.11.2023

Kennen Sie den Begriff Mikroaggression? Darunter versteht man alltägliche Äußerungen, Fragen oder auch Gesten, die von einer Person oder einer Bevölkerungsgruppe als diskriminierend oder übergriffig empfunden werden – unabhängig davon, ob sie so gemeint waren. So stellt für manche Menschen die Frage „Woher kommen Sie?“, die an eine Person wegen ihres fremdländischen Aussehens gestellt wird, eine Mikroaggression dar. Denn die Frage könnte ja suggerieren, dass der Fragensteller Vorurteile gegenüber Menschen hegt, die aus anderen Ländern stammen. Als subtilere Form der Mikroaggression kann auch gelten, dass zum Beispiel Gebäude auf einem Gelände nur nach Menschen ein- und derselben Hautfarbe oder des gleichen Geschlechts benannt werden. Sogar wenn das nicht aus Böswilligkeit geschieht, sondern es Gründe dafür gibt – etwa, weil die Gebäude nach ihren Erbauern oder ihren Stiftern benannt wurden.
Mich überfordert die Welt der Mikroaggressionen. Ich möchte in Gesprächen nicht ständig die Schere im Kopf haben, ob ich etwas sagen oder fragen darf, weil mein Gegenüber es unter Umständen als Angriff auffassen könnte. Denn diese Furcht erschwert meiner Meinung nach die Verständigung mit anderen und zugleich das Verständnis für andere. Eine Frage wie „Woher kommen Sie?“ stelle ich nicht, um Unterschiede zwischen der anderen Person und mir herauszustellen, sondern aus Interesse. Lautet die Antwort dann „Aus Oberammergau“, können mein Gesprächspartner und ich immer noch lachen. Lautet sie „Aus Indien“, kann dies der Anknüpfungspunkt für ein weiteres Gespräch sein, in dem das gegenseitige Verständnis für die Denk- und Lebensweise des jeweils anderen wächst. Natürlich kann die andere Person auch zu verstehen geben, dass ihr die Frage aus bestimmten Gründen nicht gefällt oder sie sie nicht beantworten möchte. Dann gebietet es der Respekt, nicht auf einer Antwort zu beharren. Doch diese oder eine ähnliche, auf den ersten Blick nicht als diskriminierend erkennbare Frage in vorauseilendem Gehorsam nicht zu stellen, weil sie als Mikroaggression empfunden werden könnte, halte ich für falsch. Denn Menschen müssen miteinander reden, um sich zu verstehen.
An diesem Verständnis mangelt es derzeit in einer Welt, die voller „Makroaggressionen“ ist. Neuestes Beispiel ist der Angriff der Hamas auf Israel und die damit verbundenen Folgen für Juden in aller Welt. So zeigt sich etwa durch die zahlreichen antiisraelischen Demonstrationen in zahlreichen europäischen Ländern, wie stark der Antisemitismus in den Köpfen vieler verankert ist. Die Worte, die dort zum Teil fallen, sind keine Mikroaggressionen, sondern klar antisemitische Äußerungen. Und noch schlimmer: Es gibt wieder Angriffe auf Juden, jüdische Synagogen und Geschäfte. Häuser, in denen Juden leben, werden – auch in Deutschland – wieder markiert.
Ein nicht gerade kleiner Teil derjenigen, die sich sonst über jede vermeintliche Mikroaggression aufregen, schweigt dazu. Diese Menschen schweigen in einer Situation, in der es angebracht wäre, laut zu werden. Sie schweigen – aus welchen Gründen auch immer. Doch wer schweigt, stimmt zu. Oder macht sich zumindest mitschuldig.
Wer Fragen wie „Woher kommen Sie?“ als Übergriff auffasst, in dieser Situation jedoch den Mund hält, hat für mich seine Glaubwürdigkeit als Streiter für eine gerechtere Welt verloren. Ich werde jedenfalls keinen Menschen mehr ernstnehmen, der sich über Mikroaggressionen aufregt, aber nicht gegen Antisemitismus positioniert.

Simone Harland | redaktion@regio-manager.de

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