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Wie Oldtimer bewertet werden, weiß Frank Wilke von classic-analytics.

Oldie but Goldie!

Oldtimer sind nicht nur ein schönes Hobby. Auch als Wertanlage werden sie immer interessanter.



Selbst für einen Laien strahlen sie etwas Faszinierendes aus: Mit ihren teils sehr ausladenden Kühlerhauben und Stoßstangen, ihren glubschaugenartigen Frontscheinwerfern, ihren markanten Hecks und ihren gemütlichen Ledersesseln ziehen Oldtimer die Blicke auf sich. In Zeiten, in denen neue Autos immer stromlinienförmiger, digitaler, einheitlicher und vielleicht auch etwas langweiliger werden, bringen die guten Alten etwas Vertrautes, Verbindliches – wenn man so will Charakter – zurück auf die Straßen. Immer mehr Menschen entdecken die Individualität auf Rädern, und zwar längst nicht mehr nur die gut Betuchten, die die Oldies wie Spielzeuge sammeln. Oldtimer-Liebhaber erfreuen sich daran, sich mit einem Stückchen Kulturgeschichte fortzubewegen und dieses zu hegen und zu pflegen. Einen Oldtimer zu haben ist aber nicht nur ein wunderschönes Hobby. In Zeiten von Zinsniedrigständen sind die in die Jahre gekommenen Gefährte auch zunehmend interessant als Wertanlage.

Gesamtmarkt ist im Aufwind


Die Jahresstatistik des Kraftfahrtbundesamtes zeigt: Oldtimer werden immer beliebter. Ende 2014 waren erstmals mehr als 300.000 Oldtimer-PKW mit einem H-Kennzeichen auf deutschen Straßen zugelassen, Ende 2015 waren es bereits fast 344.000. Dieses Kennzeichen dürfen mindestens 30 Jahre alte Fahrzeuge tragen, „die technisch einwandfrei sind und sich im originalen Zustand befinden“. Zwei Drittel davon in Deutschland sind heimische Fabrikate. Unangefochten an der Spitze steht nach wie vor der VW Käfer (32.750 Zulassungen) vor Mercedes Typ W 123 (17.543) und Mercedes SL R 107 (11.325). Erstmals in die Top Ten schaffte es der VW Golf, der gerade bei jüngeren Menschen immer beliebter wird. Nicht nur die Anzahl an Oldtimern wächst, auch ihr Wert legt insgesamt stetig zu: 2015 stieg der Deutsche Oldtimer Index OTX um 5,6 Prozent, das ist ziemlich genau der durchschnittliche jährliche Anstieg seit Beginn der Erhebung im Jahr 1999. Gelistet sind in diesem Index 88 Fahrzeuge, die aufgrund ihrer Spezifikation, ihres Herstellerlandes und ihrer Häufigkeit den deutschen Oldtimer-Markt repräsentativ abbilden. 2015 hat beim Wertzuwachs erstmals ein Japaner die Spitze erklommen: das Toyota Celica Coupé der Baujahre 1972-1978 rangiert vor dem Pontiac Firebird (1978 und 1979) und dem Porsche 356 C-Modell (1964 und 1965). Betrachtet man die gesamte Wertentwicklung seit 1999, hat am meisten ein Klassiker zugelegt: Der Flügeltürer Mercedes 300 SL ist mittlerweile um die 1.300.000 Euro wert – vor fünf Jahren waren es rund 400.000 Euro. Auf den Plätzen der All-Stars folgen der VW „Bulli“ Bus Typ 2 T und die „Ente“ Citroen 2 CV. „Waren es früher Teilmärkte wie Rennautos oder seltene Einzelstücke, die eine gute Wertentwicklung vorzeigen konnten, trifft dies seit ein paar Jahren auf fast den gesamten Oldtimer-Markt zu“, sagt Frank Wilke, Geschäftsführer des Bochumer Bewertungsspezialisten classic-analytics. „In Zeiten von Niedrigzinsen ist der Oldtimer als Wertanlage einfach noch interessanter geworden.“

Wie findet man das passende Modell?



Wer mit dem Gedanken spielt, sich einen Oldtimer zuzulegen, sollte aber nicht nur auf die Rendite schauen. „Zunächst sollte ein potenzieller Käufer herausfinden, welchen Typ Oldtimer er überhaupt schön findet. Der emotionale Bezug muss da sein, vor allem, wenn es mit der Wertentwicklung doch mal nicht so klappen sollte“, rät Wilke. Und was schön ist – da gehen die Geschmäcker nun mal auseinander. Ist für den einen ein VW Käfer der Traum schlafloser Nächte, muss es für den anderen ein rassiger italienischer Sportwagen sein. Bei der Geschmacksfrage können zum Beispiel Fachzeitschriften, Online-Portale und Bildbände oder der Besuch einer Oldtimer-Messe wie die Techno Classica in Essen helfen. In fast jeder größeren Stadt gibt es Oldtimer Clubs, in denen sich Liebhaber treffen, sich über ihr Hobby austauschen und gemeinsame Aktionen starten. Hat man sein Objekt der Begierde gefunden, ist es empfehlenswert, einen Experten bei den Kaufverhandlungen zur Seite zu haben – das kann zum Beispiel ein Vereinskollege aus dem Oldtimer Club sein oder auch ein auf Oldtimer spezialisierter KFZ-Sachverständiger. Wer einen Oldtimer unterhält, muss zudem einige Dinge berücksichtigen, um die Kosten im Zaum zu halten und möglichst lange etwas von seinem Schätzchen zu haben. „Einen Oldtimer fährt man nicht wie einen Neuwagen. 2.500 bis 3.000 Kilometer im Jahr sind ein Richtwert, damit sich die Wartungs- und Benzinkosten in Grenzen halten“, sagt Wilke. Auch sollte man eine Garage oder einen überdachten Stellplatz einplanen, zumal die meisten Oldtimer-Versicherungen diese Schutzmaßnahmen ohnehin voraussetzen. Erfreulich ist, dass Vater Staat kaum zulangt: Die jährliche Steuer auf einen Oldtimer beträgt 191 Euro – unabhängig vom Hubraum. „Bei einem Oldtimer mit einem Kaufpreis zwischen 15.000 und 20.000 Euro heben sich die genannten Kosten und die Wertsteigerung in etwa auf. Ab dieser Größenordnung hat man also, wenn man so will, ein schönes kostenloses Hobby“, erklärt Wilke. Wer darüber hinaus noch eine Rendite erwirtschaftet, kann sich noch glücklicher schätzen. Diese Chance bietet nicht nur das hochpreisige Segment mit Klassikern wie dem Mercedes 300 SL oder Porsche 911, auch günstigere Fabrikate können stark im Wert steigen. „Autos werden immer schneller zu Liebhaberstücken und dadurch wertvoller. Das trifft auch auf solche zu, die noch nicht den Oldtimer-Status haben. Schaut man sich zum Beispiel den aktuellen Marktpreis eines gebrauchten BMW 1er M Coupé an, ist der fast identisch mit dem Neuwagenpreis vor fünf Jahren“, so Wilke. Und wer sich selbst mal auf Trendsuche machen will: Einfach mal eine Auto-Fachzeitschrift aus den 90er-Jahren durchblättern! Was dort als tolles Auto gelobt wurde, hat auch gute Chancen, ein beliebter Oldtimer zu werden. Thomas Corrinth I redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 06/2016