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Schwarmintelligenz

Masse macht schlauer!?

Wie Schwarmintelligenz als Management-Methode Mittelständlern helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen.



Schon Aristoteles erkannte vor über 2.300 Jahren: Eine Entscheidung, die von einer größeren Anzahl von Individuen getroffen wird, ist oft intelligenter als die Entscheidung einiger weniger. Solche „Superorganismen“, zu denen sich diese Individuen zusammentun, findet man überall in der Welt – von den Ameisen im Ameisenvolk über die Menschen in einem Nationalstaat bis hin zu autonom arbeitenden Schwarmrobotern eines Unternehmens. In Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung, in denen Betriebe immer flexibler und agiler sein müssen, wird dieses Phänomen auch als Management-Methode heiß diskutiert. „Viele Unternehmen wollen sich aus ihrer hierarchischen Umklammerung befreien, um auf die veränderten Anforderungen besser reagieren zu können. Start-ups sind da schon viel weiter, die sind der Benchmark [Maßstab]“, erklärt Dr. Silvester Schmidt, Organisations- und Führungskräfteentwickler aus Siegen. „Die Widerstände in etablierten Unternehmen sind aber teilweise noch sehr ausgeprägt. Denn mehr Transparenz und Mitarbeitereinbindung bedeutet auch Abgabe von Kontrolle und Macht seitens der Führungskräfte, außerdem werden eigene Fehler eher offensichtlich.“ Auf der anderen Seite ist der Druck groß, etwas tun zu müssen. Selbst in vermeintlich krisenfesten Branchen wie dem Handwerk zeigt sich mittlerweile der große Handlungsbedarf: Anbieter wie zum Beispiel die Online-Portale myhammer.de oder Thermondo.de mischen den Wettbewerb ordentlich auf, und das deutschlandweit. Gerade Manager von kleinen und mittelständischen Unternehmen fragen sich da: Wie kann ich Schwarmintelligenz nutzen, damit ich nicht abgehängt werde?

Auch für kleinere Betriebe durchaus sinnvoll

Klar ist: Richtig eingesetzt, kann Schwarmintelligenz bessere Ergebnisse in ganz unterschiedlichen Bereichen hervorbringen – von mehr Produkt- und Prozessinnovationen über effizientere Kommunikations- und Steuerungsformen bis hin zu transparenterem Bewerten und Einschätzen einer Maßnahme. Schmidt nennt fünf Faktoren, von denen der Erfolg von Schwarmintelligenz abhängt: die Größe der Gruppe (des Schwarms), ihre Heterogenität, ihre Abhängigkeit bei Meinungsäußerungen, ihre Beeinflussung von den anderen Gruppenmitgliedern und ihre Motivation. Das gilt für den Kleinstbetrieb wie auch für den Großkonzern. „Auch bei einem Unternehmen mit, sagen wir einmal, 20 Mitarbeitern funktioniert Schwarmintelligenz gut, wenn man alle Faktoren einbezieht“, ist sich Schmidt sicher. Als Maßnahmen eignen sich bereits ganz einfache Tools wie anonymisierte Fragebögen. Damit können Meinungen und Einschätzungen zu bestimmten Themen, etwa zu Kundenbedürfnissen oder zur Marktsituation, bei den Mitarbeitern abgefragt und dann konsolidiert werden. Schwarmintelligenz bedeutet aber nicht nur die verbesserte Organisation nach innen, sondern auch nach außen: „Ich glaube, jedes noch so kleine Unternehmen sollte den Mut aufbringen, sich zu öffnen.“ Damit meint der Experte zum Beispiel die Teilnahme an Crowdsourcing- oder Open-Innovation-Plattformen.

Schwarmintelligenz konkret: Crowdsourcing und Open Innovation

Je nach Anforderung im Betrieb können unterschiedliche Crowds genutzt werden: Es gibt Free Crowds aus zufällig zusammengesetzten Personen, Informed Crowds mit fundiertem Wissen zu einem bestimmten Thema und Expert Crowds, in denen sich Fachleute austauschen. Weil ein Erfolgsfaktor der Schwarmintelligenz in der Heterogenität der Gruppe besteht, kann es durchaus sinnvoll sein, neben den eigenen Mitarbeitern Kunden, Lieferanten, Partner, Studenten und auch branchenfremde Experten in die Crowd miteinzubeziehen. Ein bekannter Crowdsourcing-Ansatz, den zum Beispiel Konzerne wie Telekom, Henkel oder Tchibo nutzen, ist das Social Forecasting. Dabei wird das kollektive Wissen genutzt, um Aussagen über zukünftige Ereignisse zu treffen und diese auch in Geschäftskennzahlen umzuwandeln. Innovationsleistungen können ebenso mithilfe der Schwarmintelligenz verbessert werden, etwa wenn neue Produkte gestaltet werden sollen: Über Open-Innovation-Plattformen werden hier Ideen für den kreativen Prozess gesammelt und ausgewertet. Und auch das Urteil einer Crowd kann sehr wertvoll sein, wenn es darum geht, im Wettbewerb zu bestehen: Beim „Crowdtesting“ testet die Masse zum Beispiel eine Webanwendung oder App und gibt Feedback, was gut und was weniger gut läuft. „Crowdsourcing eignet sich aber auch nicht für jedes Problem. Die Methode macht nur für in sich geschlossene und klar abgrenzbare Aufgabenstellungen Sinn“, erklärt Schmidt. Eignet sich eine Aufgabe dafür, gibt es verschiedene digitale Crowdsourcing-Plattformen – je nach Prozessphase. Brainfloor und Quirky etwa unterstützen dabei, überhaupt erst einmal innovative Ideen zu entwickeln. Um Innovationen umzusetzen, zählt Schmidt beispielsweise ennomotive, Hypios CrowdInnovation oder Hyve auf. Die Kosten für die Implementierung einer Crowdsourcing-Lösung liegen zwischen 2.000 und 5.000 Euro – je nach Anbieter. Die Implementierung von Schwarmintelligenz im eigenen Betrieb ist also nicht zwangsläufig mit großem Aufwand verbunden.

„Jedes Unternehmen, sei es noch so klein, hat Möglichkeiten, diese Methode für seine Bedürfnisse individuell zu gestalten und zu nutzen“, ist Schmidt überzeugt. Und da die Digitalisierung nicht warte, habe es Sinn, sich sobald wie möglich damit auseinanderzusetzen. Thomas Corrinth | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 05/2018