Kettler: Kann Kettler die Kurve kriegen?

Stiftungsaufsicht entmachtet Führungsgremium und ermöglicht Zwischenfinanzierung – frühere Weggefährten klagen an: „Position des Testamentsvollstreckers erschlichen“.
Das Ende nahe, die Situation dramatisch, die Reaktion der Aufsichtsbehörde ungewöhnlich scharf: Als die Kettler GmbH ganz dicht vor dem endgültigen Aus stand, intervenierte die Arnsberger Bezirksregierung als örtliche Stiftungsaufsicht mit drastischen Entscheidungen. Sie entmachtete die Stiftungsspitze um den früheren Kettler-Prokuristen Manfred Sauer, installierte ein neues Führungsgremium und setzte mit dem Münchner Anwalt Christoph Schotte zur Unterstützung des Stiftungskuratoriums einen Sachwalter ein. Ziel des Kraftakts: Die Stiftungskassen öffnen, um mit einer Zwischenfinanzierung das Traditionsunternehmen Kettlerzumindest auf Zeit zu retten. Hintergrund dieser von vielen Beobachtern als „klatschende Ohrfeige“ für den bisherigen Stiftungschef Manfred Sauer verstandenen Entmachtung: Die Stiftungsspitze hatte bis zuletzt eine finanzielle Beteiligung an der Rettung des Unternehmens verweigert. Sie zeigte sich trotzig und gab sogar dem Düsseldorfer Wirtschaftsminister Professor Dr. Andreas Pinkwart einen Korb, als der quasi in letzter Minute zum Krisengipfel trommelte. Die Stiftung kam nicht. Der Kuratoriumsvorsitzende Manfred Sauer habe „unter fadenscheinigen Gründen“ abgesagt, ließ das Wirtschaftsministerium wissen. Der Gläubigerausschuss, besetzt mit Gewerkschaft, Arbeitsagentur und dem Hauptgläubiger Sparkasse Hochsauerland, hatte ebenfalls in dramatischen Verhandlungen darum gerungen, das endgültige Aus zu verhindern und zumindest eine Galgenfrist herauszuschlagen.

Stiftungskuratorium entmachtet

Da hatte sich die Stiftung längst auch den Zorn der Belegschaft zugezogen, den die Beschäftigten mit einem Protestmarsch lautstark und wütend deutlich machten. Vielleicht verdeutlichte der Protest aber auch nur die verfahrene Lage und animierte zum Eingreifen der Aufsichtsbehörde. Noch ist keineswegs klar, ob Kettler gerettet werden kann: Hohe Verbindlichkeiten drücken. Aktuell ist aber zumindest eine Zwischenfinanzierung gesichert, mit der Zeit gewonnen worden ist, um doch noch einen Investor für den Metallbauer aus Ense zu finden, der mit dem „Kettcar“ einst eine legendäre Marke entwickelte. „Kettler wirft den Rettungsanker“, formulierte die örtliche Tageszeitung. Ob es Grund für einen solchen Optimismus gibt, muss sich erst noch zeigen: In den vergangenen Jahren produziert der Sport- und Freizeitartikler aus Ense zu viele negative Schlagzeilen; es ergaben sich im Unternehmen und insbesondere in der Unternehmensfamilie zu viele dramatische Situationen, um an eine nachhaltige Lösung glauben zu können. Die Probleme des einstigen Weltunternehmens sind nicht neu. Mit dem tragischen Unfalltod der Gründertochter Dr. Karin Kettler im Jahre 2017 hat sich aber eine Konstellation ergeben, die aktuell in einen mehr als konfusen Herbst des Unternehmens Kettler GmbH führte: Erbin des wohl immer noch stattlichen Vermögens, der Immobilien und der internationalen Markenrechte wurde nämlich die nach dem Gründer benannte Heinz-Kettler-Stiftung, in der alle Vermögenswerte des ehemaligen inhabergeführten Familienunternehmens gebündelt sind. Nicht nur das ungleiche Nebeneinander von Stiftung und GmbH wurde zum Problem. Auch zwischen Stiftungsvorstand und Kuratorium entwickelten sich erhebliche Differenzen. Kurz nach der Eröffnung des Kettler-Insolvenz- verfahrens Anfang Oktober hatte das von Manfred Sauer geführte dreiköpfige Kuratorium die Stiftungsvorstände Andreas Sand und Werner Scheiwe von ihren Posten abberufen. Zu Unrecht, entschied die Bezirksregierung Arnsberg, die bei früheren Scharmützeln der Kettler-Kontrahenten einlenkend agiert hatte.

Sauer düpiert Minister Pinkwart

Das letztlich deutliche Machtwort aus Arnsberg war wohl auch eine Antwort: Der Kuratoriumsvorsitzende der Kettler-Stiftung habe unter „fadenscheinigen Gründen“, so das Ministerium, die Rettungsrunde beim Land abgesagt. Am Tag darauf folgte der Rauswurf Sauers. Mitgehen musste auch das dreiköpfige Kuratorium, und auch Werner Scheiwe vom Stiftungsvorstand musste den Schreibtisch räumen. Dies ist nicht der alleinige Ärger, dem sich Manfred Sauer stellen muss: Der einstige Kettler-Vertraute und Prokurist des Unternehmens sieht sich mit massiven Vorwürfen ehemaliger Weggefährten konfrontiert. Sie machen ihn wesentlich für den Niedergang des Traditionsunternehmens verantwortlich und bezichtigen ihn diverser Verfehlungen. Sauer habe die Position des Testamentsvollstreckers der Firmenerbin erschlichen. Karin Kettler habe ihnen vor ihrem plötzlichen Tod versichert, dass sie nichts mehr mit Sauer zu tun haben wolle, erklären Ulrich Bettermann, Rainer Textor, Horst Braukmann und Dirk Valerius per ganzseitiger Zeitungsanzeige, die sie mit einer eidesstattlichen Versicherung komplettieren (siehe Info-Kasten).

„Weniger Dramatik gewünscht“

Minister Professor Dr. Andreas Pinkwart (FDP) äußerte sich nach dem Kraftakt erleichtert: „Ich freue mich sehr, dass letztendlich doch noch buchstäblich in letzter Sekunde gelungen ist, den Weg für eine Lösung zu eröffnen. Ich hoffe, dass es jetzt sehr zeitnah zu einer Übernahme des Gesamtunternehmens und nach vielen Jahren der Ungewissheit zu einer verlässlichen Zukunft für die Beschäftigten kommt. Ich hätte mir dabei etwas weniger Dramatik gewünscht, letztlich zählt aber das Ergebnis. Besonderer Dank gilt dabei der Stiftungsaufsicht, die den jetzt beschrittenen Weg überhaupt erst ermöglicht hat. Alle Beteiligten haben mit großem Engagement für den Erhalt des Traditionsunternehmens Kettler gekämpft. Ich bin zuversichtlich, dass jetzt alles auf gutem Wege ist.“

Drei Investoren im Rennen?

„Nach Wochen der Verhandlungen mit der Heinz-Kettler-Stiftung kann das Unternehmen nun wieder neue Hoffnung auf eine positive Fortführung des Geschäftsbetriebs setzen. Die Verhandlungen mit potenziellen Investoren werden nun weiter fortgesetzt“, formulierte Kettler-Pressesprecherin Stefanie Risse. „Ich würde mir wünschen, dass wir in den kommenden Wochen den neuen Gesellschafter bekannt geben können. Mit dem gesamten Team und deren Familien freue ich mich über die positive Wendung, die nun die Rettung des Unternehmens doch noch möglich machen kann“, kommt in dieser Erklärung Kettler-Geschäftsführer Olaf Bierhoff zu Wort. Die Zwischenfinanzierung werde durch die Heinz-Kettler-Stiftung gewährt und vom Finanzierungskreis der Kettler GmbH und dem Land Nordrhein-Westfalen unterstützt. Nach Insider-Informationen soll es drei Interessenten für Kettler geben. Wieder mit im Rennen sei die luxemburgische Holding Altera Capital Group, die schon im Mai als neuer Eigentümer bejubelt worden war, im Kettler-Wirrwarr dann aber wieder abgetaucht sei. Zudem wird von Gesprächen mit einem „strategischen, deutschen Interessenten“ berichtet. Schließlich soll noch ein „Promi“ die Fühler ausgestreckt haben: Mit dem früheren ProSieben-Chef Georg Kofler sei ein Vertriebsprofi im Rennen, heißt es. Kofler ist Teilnehmer und Investor der aktuellen Staffel „Höhle der Löwen“ und mit überraschenden Entwicklungen vertraut. Reinhold Häken | redaktion@suedwestfalen-manager.de

INFO

Tragödie einer Familie

Beide Kinder starben nach Verkehrsunfällen.

Dr. Karin Kettler, die Tochter des Firmengründers Heinz Kettler, wurde 57 Jahre alt. Sie starb im Februar 2017 an den Folgen eines tragischen Verkehrsunfalls. Nach Angaben der Polizei in Soest kollidierte Karin Kettler unweit des Firmen-Stammsitzes vermutlich mit einem Dachs. Ihr Fahrzeug kam von der Fahrbahn ab und überschlug sich mehrfach. Bei dem Fahrzeug soll es sich um einen betagten BWM gehandelt haben, ein Geschenk des Vaters, wird in Ense erzählt. Das Fahrzeug soll noch nicht mit einem Airbag ausgerüstet gewesen sein, die fehlende Sicherheitsausrüstung könnte die Auswirkungen des Unfalls deutlich erhöht haben. Mit Dr. Karin Kettler verstarb auch das zweite Kind des Firmengründers tragisch: Bruder Heinz kam als Jugendlicher 1981 ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben.

Stiftung erbte

2015 wurden wirtschaftliche Probleme deutlich. Ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung solle die „unabgestimmte Übernahme durch einen Finanzinvestor vermeiden“ und sei ein Schritt „ zum Schutz des traditionellen Familienunternehmens“, bekundete eine Stellungnahme des Unternehmens. Dr. Karin Kettler habe in dieser Situation den Investor Carlyle mit rund zwölf Millionen Euro aus ihrem Privatvermögen befriedigt, wird dargelegt. Schließlich konnte die Insolvenz auch mithilfe einer stattlichen Landesbürgschaft erfolgreich abgeschlossen werden. Dr. Karin Kettler zog sich auf Druck der Gläubiger aus dem operativen Geschäft zurück, gab die Geschäftsführung auf. Teile des Unternehmens, wie die Fahrradproduktion, wurden verkauft, die Belegschaft schrumpfte auf 800 Mitarbeiter. Produktions- und Verwaltungsgebäude sowie internationale Markenrechte zählten zum Vermögen von Dr. Karin Kettler. Das Vermögen floss nach ihrem Tod in die Heinz-Kettler-Stiftung, die das Ziel verfolgt, den Behindertensport zu fördern.



INFO

Wo blieben Gold und Diamanten?

Vertraute der Kettler-Erbin klagen an: eidesstattliche Versicherungen.

Das Geschehen, das sich in den Herbstwochen im beschaulichen Ense abspielte, erinnert an einen Wirtschaftskrimi. Die Kettler GmbH, das produzierende Unternehmen mit 720 Mitarbeitern, und die Heinz-Kettler-Stiftung als Erbin des Kettler-Vermögens und Inhaberin der Immobilien und diverser Markenrechte, lieferten sich als Beiwerk des Insolvenzgeschehens einen schrillen Streit. Im Brennpunkt dabei: Manfred Sauer, ehemaliger Prokurist des Gesamtunternehmens, enger Vertrauter des Firmengründers und nach dem Tod der Unternehmenserbin Dr. Karin Kettler als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung agierend. Ende Oktober schalten Ulrich Bettermann, Chef des Mendener Elektro- und Installationstechnik-Unternehmens OBO Bettermann mit weltweit 4.000 Beschäftigten, der Kaufmann Rainer Textor (früher Prokurist Leckerland), Architekt Horst Braukmann und der Speditionsunternehmer Dirk Valerius ganzseitige Anzeigen. Die nach eigenen Angaben „engen Vertrauten von Karin Kettler“ greifen Manfred Sauer scharf an und untermauern ihre Vorwürfe mit eidesstattlichen Versicherungen. Sauer habe sich die Position des Testamentsvollstreckers der Firmenerbin erschlichen, betonen sie.

Notgroschen verschwunden?

„Karin Kettler hat mir am 29. August 2016 bei einem Abendessen darüber berichtet, dass ihr früherer Prokurist Manfred Sauer einen Geldbetrag in Höhe von circa 200.000 Euro sowie einen Goldbestand aus dem Safe entwendet hat. Heinz Kettler hat das Gold (damals acht Stücke je ein Kilogramm) auf meine Empfehlung gekauft und später seinen Goldbestand noch aufgestockt. Karin Kettler berichtete mir, dass sie den Goldbestand als ,Notgroschen‘ deponiert habe. Ebenfalls hat sie mir erzählt, dass nur Manfred Sauer und sie jeweils einen Schlüssel für den Safe hätten“, erklärt Ulrich Leo Bettermann. Sauer habe ihr gestanden, dass er sich in einer finanziellen Schieflage befand und daher das Geld und das Gold aus dem Safe entwendet habe. „Bis zu ihrem Tod hat sie mir glaubhaft versichert, dass dieser Schaden von ihm nicht wieder reguliert wurde“, erklärt Bettermann und bestätigt dies auch an Eides statt.

Kettler erpresst?

Rainer Textor berichtet von Geschehnissen des Jahres 2016 in Marbella. Dabei habe er erfahren, dass Sauer versucht habe, die dortige Kettler-Immobilie auf sich umschreiben zu lassen. Eine Legitimierung dafür habe es nicht gegeben. Dr. Karin Kettler habe auch darüber berichtet, dass Gold und Diamanten aus dem Safe verschwunden seien. Architekt Horst Braukmann, stellvertretender Bürgermeister in Ense, bestätigt diese Erklärung. Dirk Valerius aus Möhnesee, Chef einer Spedition in Arnsberg, berichtet von Gesprächen, bei denen Dr. Karin Kettler dargelegt habe, Sauer habe die Familie und das Unternehmen „betrogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet“, habe Gold und Geld aus dem Firmensafe entwendet und habe den Vater erpresst. Manfred Sauer hat die Beschuldigungen immer scharf als haltlos zurückgewiesen und kündigte an, gegen die Behauptungen angehen zu wollen.

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Ausgabe 09/2018