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Ein gutes Raumklima zu schaffen,ist eine komplexe Angelegenheit Foto: ©kexchen – stock.adobe.com

Lüftungstechnik

Gute Luft im Inneren

Menschen verbringen mehr als 80 Prozent ihrer Lebenszeit in Gebäuden. Die Lüftungstechnik-Branche hat volle Auftragsbücher.



Nicht nur der Mensch, auch ein Bürogebäude atmet: Hier sind Ventilatoren und Filter die Lunge. Geht man für Einzelbüros von einem Zuluftvolumenstrom von mindestens 40 Kubikmeter und für Großraumbüros von 60 Kubikmeter pro Stunde pro Person aus, so verbraucht – nach einer beispielhaften Rechnung des Fachverbandes Allgemeine Lufttechnik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) – ein klimatisiertes Bürogebäude, in dem 100 Personen arbeiten, in einer Stunde 4.000 bis 6.000 Kubikmeter Luft. Unter Annahme gängiger Betriebsstundenzahlen macht das in einem Jahr bis zu 22.000 Tonnen bewegter Luft aus – „mehr als das doppelte Gewicht des Eiffelturms“, so die VDMA-Experten.

„Nur eine moderne Klima- und Lüftungstechnik ist, im Gegensatz zur Fensterlüftung, geeignet, hygienische und der Gesundheit zuträgliche Innenraumluftverhältnisse zu schaffen“, sagt Günther Mertz, Geschäftsführer des Fachverbands Gebäude-Klima (FGK). Moderne Filtertechnik gewährleistet eine gesunde Atemluft im Gebäude. „Über die Arbeitsstätten-Standards zur Sicherheit und Gesundheit hinausgehend, müssen wir mit unseren Technologien letztlich Lebens- und Arbeitsqualität in Gebäuden schaffen“, betont Dr. Thomas Schräder, Geschäftsführer des Fachverbands im VDMA. „Immerhin verbringen Menschen in unseren modernen Gesellschaften über 80 Prozent ihrer Lebenszeit in Gebäuden.“ Nicht nur Wohlbefinden, sondern auch Leistungsfähigkeit hingen unmittelbar von der Raumluftqualität ab – in Schulen, an Universitäten und an Arbeitsplätzen. Die Bereitstellung guter Raumluftqualität kann allerdings ein durchaus energieintensiver Prozess sein, woraus sich zwangsläufig Umweltauswirkungen ergeben.

Viele Gesetze und Verordnungen

Nicht nur der Austausch, auch das „Konditionieren“ von Luft, also das Befeuchten oder Entfeuchten, das Erwärmen oder Abkühlen sowie das Herausfiltern von Schadstoffen, kostet Energie. Nahezu alle technischen Produkte, die in Gebäuden installiert sind, sind inzwischen laut Fachverband Allgemeine Lufttechnik durch Effizienzanforderungen geregelt, sei es durch Gesetze und Verordnungen auf EU-Ebene oder aber durch die von der Industrie freiwillig installierten Programme für Effizienz-Zertifizierung und -Klassifizierung. Damit sind faktisch lückenlose „Regelwerks-Kaskaden“ entstanden: Effiziente Gebäude benötigen eine effiziente Anlagentechnik, zusammengesetzt aus effizienten Geräten, die wiederum mit effizienten Komponenten, Ventilatoren, Filtern, Wärmetauschern und anderem mehr ausgestattet sind. „Unsere Branche hat in den letzten Jahren gelernt, mit dieser unvergleichlich hohen Regelwerksdichte umzugehen und optimiert ihre Produkte auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. Die Energieeffizienz komplexer Systeme – und darüber reden wir bei Klima- und Lüftungstechnik in großen Gebäuden – setzt sich also kettenförmig aus den Wirkungsgraden von Komponenten, Geräten und Anlagenteilen zusammen. Dies ergibt sich zwangsläufig aus physikalischen Zusammenhängen“, sagt Dr. Thomas Schräder. „Die Gebäudetechnik spielt eine wesentliche Rolle zur Erreichung der Klimaschutz- und Energieeffizienzziele“, sagt sein Kollege vom FGK. Die Branche habe hierfür innovative Komponenten und Systemlösungen entwickelt.

Über leere Auftragsbücher können sich die Lüftungsspezialisten nicht beschweren, im Gegenteil. Wichtige Zielbranchen für die Lüftungs- und Klimatechnik, wie die Bauwirtschaft, boomen. Der Bausektor wuchs im vergangenen Jahr um sechs Prozent, für das laufende Jahr werden noch einmal vier Prozent erwartet. Lufttechnik wird darüber hinaus in sämtlichen Industriebereichen und vielen gewerblichen Einrichtungen eingesetzt. Der gesamte Maschinen- und Anlagenbau etwa erwartet 2018 ebenfalls einen deutlichen Zuwachs von fünf Prozent. Die Unternehmen der hoch spezialisierten Teilbranchen der Allgemeinen Lufttechnik sind somit fast ausnahmslos bis an ihre Kapazitätsgrenzen ausgelastet. Der VDMA-Fachverband rechnet für das laufende Jahr ebenfalls mit fünf Prozent Wachstum und mit einem Produktionsvolumen von deutlich mehr als 15 Milliarden Euro.

Dominante Rolle qder Digitalisierung

Angesichts voller Auftragsbücher und Grenzauslastung dürfe die Branche nicht die wichtigen technologischen Transformationsprozesse verpassen, lautet die Warnung des Fachverbandes Allgemeine Lufttechnik im VDMA. Diese seien einerseits ausgelöst durch eine „extrem ehrgeizige Klimaschutzpolitik, welche herausfordernde, ordnungsrechtliche Impulse zur CO2-Emissionsminderung und damit zu mehr Effizienz beim Einsatz von Energie setzt“. Der zweite Transformationsprozess, die Digitalisierung, hat sich unter Stichworten wie Industrie 4.0 oder planen-bauen 4.0 aus der Wirtschaft selbst entwickelt, „also ohne politischen, ordnungsrechtlichen Druck“. Das Motiv sei auch hier: Effizienz- und Produktivitätssteigerung. Von beiden Transformationsprozessen ist die Branche in vollem Umfang betroffen. Die daraus resultierenden Herausforderungen anzugehen sei bei gleichzeitiger Vollauslastung keine leichte Management-Aufgabe.

„Die Digitalisierung erhält massiv Einzug in das Gebäude und spielt eine dominante Rolle im Gebäudebetrieb“, sagt FGK-Geschäftsführer Günther Mertz. „Allerdings müssen wir hier sehr streng auf die Faktoren Datenschutz und Datensicherheit achten.“ Beide Verbände nennen in Zusammenhang mit der digitalen Entwicklung das Stichwort Building Information Modeling, kurz BIM. „Es reicht natürlich nicht aus, wenn unsere Produkte unter Laborbedingungen die Effizienzanforderungen von Ökodesignanforderungen erfüllen und ihnen hohe Wirkungsgrade bescheinigt werden. Ihre Effizienzpotenziale müssen im individuellen komplexen Anlagendesign, maßgeschneidert auf jedes einzelne Gebäudeobjekt, auch genutzt werden“, betont Dr. Schräder. Die Einführung digitaler Planungs- und Bau-Methoden, eben BIM, bietet aus seiner Sicht eine einmalige Chance. Solche Methoden ermöglichten eine deutlich bessere Anpassung von Gebäudetechnik auf individuelle Objekte. „Im Idealfall erfolgt die Planung von Architektur und Gebäudetechnik in digitalen Modellen synchron in einer sehr frühen Phase – nicht wie in den meisten Fällen heute noch sequenziell, nacheinander. Es wäre von großem Vorteil, die Klima- und Lüftungstechnik unter der Zielsetzung von Lebens- und Arbeitsqualität, aber auch der Betriebskostenoptimierung in digitalen Modellen über Simulation zu entwickeln, bevor der erste Spatenstich gemacht ist“,
ergänzt Dr. Schräder.

Eine spürbare Veränderung in den letzten Jahren ist, dass die Planungs- und Ausführungsprozesse am Bau stärker unter den Aspekten „integral“ und „gewerkeübergreifend“ gesehen werden. „Wir als Branche arbeiten mit Hochdruck daran, den ständigen Austausch zu den Fachplanern, den Architekten, dem Projektmanagement und den Projektsteuerern zu suchen“, sagt Günther Mertz. Für seine Branche blickt er „mit gemischten Gefühlen“ in die Zukunft: „Einerseits können wir davon ausgehen, dass der Bauboom, in welcher Intensität auch immer, noch eine Zeit lang anhalten dürfte. Allerdings können wir überhaupt nicht abschätzen, in welchem Maße die dringend erforderliche energetische Sanierung im Gebäudebestand weiterläuft.“ Mit den derzeit beobachtbaren Sanierungsquoten würden die Klimaschutzziele der Bundesregierung und der EU „mit Sicherheit“ nicht erreicht. „Leider stehen die Themen Klimaschutz, Energieeffizienz und Ressourcenschonung bei der Bundesregierung nicht allzu weit oben auf der Tagesordnung. Klare politische Rahmenbedingungen und Vorgaben könnten den Blick in die Zukunft deutlich optimistischer gestalten
lassen.“ Daniel Boss | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 07/2018