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Frank-Uwe Petri (Geschäftsführer Weisstalwerk), Gerhard Hillmann (Geschäftsführer Weisstalwerk und DIGITSTEEL) und Wilhelm Barthen (Verkaufsleiter DIGITSTEEL) (v.l.n.r) Foto: ©Jan Schmitz Werbefotografie
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Weisstalwerk

Erste smarte Fertigungslinie für Stahlbau in Deutschland

Weisstalwerk-Geschäftsführer Gerhard Hillmann über Stahlbau 4.0.



Die Firma Weisstalwerk in Wilnsdorf hat in diesen Tagen die modernste Fertigungsstraße für Stahlbauelemente in Deutschland aufgebaut und in Betrieb genommen. Eine für Deutschland einmalige Investition, die termingerecht und erfolgreich gemeinsam mit den Mitarbeitern umgesetzt wurde. Zu diesem unternehmerischen Meilenstein sprachen wir mit Weisstalwerk-Geschäftsführer Gerhard Hillmann.

SWM: Ihr Unternehmen hat in seiner 86-jährigen Unternehmensgeschichte sicher Hunderte von Projekten realisiert. An welches denken Sie persönlich am liebsten zurück?

Gerhard Hillmann: Es gibt eine Reihe von Projekten, an die man sich über die Jahre gerne erinnert, sodass es schwerfällt, eines herauszuheben. Die großen, komplexen Bauvorhaben bleiben sicherlich im Gedächtnis, wie der Neubau des Stahlwerks Unna, ein komplett neuer Fertigungsbetrieb mit circa 15.000 Quadratmetern Hallenfläche und dazugehörigem Bürogebäude. (Siehe Bild...)

SWM: Beschreiben Sie uns kurz Ihr neuestes Projekt.

Gerhard Hillmann: In den vergangenen 18 Monaten wurde eine komplett neue und derzeit die für den Individual-Stahlbau in Deutschland modernste Fertigungslinie errichtet. Diese verkörpert zusammen mit unserer digitalen Konstruktion unsere Vision der Industrie 4.0 für den Stahlbau. Wir möchten mit dieser robotergestützten Fertigungsstraße nicht nur unseren eigenen Stahl- und Hallenbau weiter stärken, sondern auch neue Kunden aus Bereichen gewinnen, die entweder nicht weiter im Ausland kaufen möchten oder aufgrund des immer größer werdenden Fachkräftemangels ihre eigene Produktion einstellen.

SWM: Um solche Projekte umsetzen zu können, benötigen Sie doch sicherlich einiges an Kapazität und Ausstattung. Welche Fertigungsfläche und Ausrüstung außerhalb der neuen Anlage steht Ihnen zur Verfügung?

Gerhard Hillmann: Unsere Fertigungsfläche beträgt mehr als 10.000 Quadratmeter mit insgesamt 20 Brückenkränen, aufgeteilt in sieben Hallenschiffe. Wir konnten die neue Fertigungsstraße integrieren, ohne die bestehende Fertigung abzubauen. Neben die bereits vorhandene Bohr-Sägeanlage sowie die Sandstrahlanlage, Kantbänke, Autogen- und Plasma-Schneidanlage stehen alle notwendigen Ausstattungen zur Verfügung. Hier sind schon Einzelteile bis 54 Meter und Stückgewichte bis 40 Tonnen gebaut worden.

SWM: Sie und Ihre Partner haben sich dabei zu einer beachtlichen Investition entschlossen. Was war der hauptsächliche Beweggrund dafür?

Gerhard Hillmann: Als Stahlhallenbauer gibt es praktisch nur zwei Wege, um im Wettbewerb auf Dauer zu bestehen: einmal, die eigene Fertigung so weit wie möglich zu optimieren. Oder aber den Weg, handwerklich aufwendige Stahlbauteile als Ganzes einzukaufen. Mit dieser Investition haben wir unsere Möglichkeit des „Made in Germany“ weiter umgesetzt und, da sind wir sicher, zusätzlich einige Firmen zum Nachdenken gebracht.

SWM: So eine Pilot-Anlage stellt fast immer ein Risiko hinsichtlich Terminen und Kosten dar. Wie verlief der Prozess bei Ihnen?

Gerhard Hillmann: Wir haben von Anfang an sehr viel Mitarbeit der Geschäftsführung eingebracht. Die Zusammenarbeit mit den Automations-Spezialisten war sehr effektiv, sodass die Anlage im vorgesehenen Termin- und Kostenrahmen geblieben ist. Die von Weisstalwerk selbst konzipierte Aufstellung als Fertigungsstraße wurde parallel erarbeitet und umgesetzt. Wir sind stolz, dass wir gemeinsam die Idee aus unseren Köpfen eins zu eins in die Realität umsetzen konnten.

SWM: Die Anlage ist jetzt im störungsfreien Echtbetrieb. Wie sind die ersten Ergebnisse bzw. Erfahrungen?

Gerhard Hillmann: Durchweg sehr positiv. Sowohl die Fehlerfreiheit wie auch die Produktions-Geschwindigkeit sind weit oberhalb der bisherigen Möglichkeiten.

SWM: Sie hatten zuvor erwähnt, dass der Fokus zwar auf der Roboter-Anlage liegt, aber es mehr eine automatische Verkettung von Bearbeitungsstationen ist. Können Sie das bitte eingehender erklären?

Gerhard Hillmann: Richtig. Die roboterbestückte Fertigung von Stahlbaustützen oder -riegeln ist noch eine sehr neue Technik gegenüber den bisher favorisierten Standardanlagen und -lösungen. Wir haben den Investitionsrahmen erheblich größer gefasst und eine neue Bohr-Sägeanlage bis 1.100 Millimeter Bearbeitungsbreite und eine Sandstrahlanlage in Front gestellt und diese mit angetriebenen Rollengängen verbunden. Das heißt, das Material wird einmal aufgegeben und erst wieder in die Hand bzw. an den Kran genommen, wenn alle Löcher, Kopf- und Fußplatten sowie Knotenbleche angebracht sind. Die neue Bohranlage hat zudem zwei Zusatzausstattungen: Langlochfräsen und Gewindelöcher schneiden. Diese Bearbeitungen sind zeitaufwendig und wurden bisher manuell erbracht. Neben dem Anlagenauslauf schließt direkt der Beschichtungsbereich an. Entweder wird das Material dort beschichtet oder auf unseren Lkw verladen und geht zur externen Feuer-Verzinkung. Der Durchlauf ist so optimal gestaltet. Als weiteres außergewöhnliches Feature unserer Anlage ist zu erwähnen, dass alle Anbauteile mit einem Scanner auf Fehlerfreiheit und Maßhaltigkeit vor Anbau geprüft werden. So erfüllen wir eine fortlaufende Fertigungskontrolle.

SWM: Erwarten Sie von dieser Fertigungsstraße Aufwind für Ihr bestehendes Geschäft?

Gerhard Hillmann: Sicherlich. Die Anlage ist ausgelegt für Stücklängen bis zu 15 Metern und Bauteilgewichten bis 6,5 Tonnen. Solche Einzelteile sind in Hallen- oder Brückenkonstruktionen vielfach enthalten. Die Durchlaufzeiten werden kürzer und die mögliche maximale Tonnage je Monat wird steigen, sodass wir auch neue Kunden ansprechen möchten, für die wir auch eine komplett neue Plattform haben: die DIGITSTEEL GmbH.

SWM: Mit DIGITSTEEL haben Sie doch nicht nur eine neue Plattform, sondern auch eine neue Firma ins Leben gerufen. Was ist deren Kernkompetenz?

Gerhard Hillmann: DIGITSTEEL hat die Aufgabe, die Vorteile der neuen Fertigungsstraße bekannt zu machen und auch gezielt Firmen anzusprechen, bei denen Stahlbau ein „notwendiges Übel“ ist. Gemeint ist, dass zum Beispiel Aufsteller von Futter-Salz oder sonstigen Silos und Anlagenbauer für Filtertechnik ein Stahluntergestell benötigen. Diese Teile können weiterhin mit in deren Gesamtzeichnungsmodell erarbeitet werden und nach Abschluss der Konstruktion ohne eine weitere Schnittstelle uns direkt zur Fertigung übergeben werden. Die angesprochenen Hersteller können sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren und wir fertigen ihr Produkt nach ihren Vorgaben.

SWM: Wen möchten Sie mit der Vermarktung der innovativen Einrichtung erreichen?

Gerhard Hillmann: Zum Teil die schon erwähnten Hersteller, aber auch Stahlbaufirmen, deren Geschäftsausrichtung eher im Engineering und in der Montage liegt. Hier werden wir Überzeugungsarbeit leisten, dass es vorteilhafter ist, auf einen wettbewerbsfähigen, deutschen Zulieferer mit erheblich höherer Qualität zu setzen als auf Erzeugnisse, die kaum merklich günstiger und umständlich aus anderen Ländern zu beziehen sind.

SWM: Sie betonen bei DIGITSTEEL sehr den Bereich Serviceleistung am Kunden. Wo genau liegt der Mehrwert?

Gerhard Hillmann: Wie schon erwähnt, gehen im optimalen Fall die von Kunden erstellten Daten direkt an die Fertigungsstationen. Fehler, die durch Abzeichnen entstehen, entfallen. Dateiformate, die nicht direkt in die Fertigung eingespeist werden können, werden von Spezialisten bei DIGITSTEEL in geeignete Formate umgewandelt. Auch ohne ein möglicherweise fehlerbehaftetes Abzeichnen. Wenn nur Blaupausen vorliegen, erstellen wir daraus CAD/CAM-Dateien.

SWM: Wie läuft es konkret ab, wenn DIGITSTEEL einen Kundenauftrag realisiert?

Gerhard Hillmann: DIGITSTEEL kann komplett auf die Gesamtstruktur zugreifen. Der Materialeinkauf läuft mit dem Gesamtbedarf zusammen, um preiswert einkaufen zu können. Die Fertigungskapazität wird mit dem Werksplan abgeglichen und termingerecht eingeplant.

SWM: Neben der sehr modernen Fertigung ist in Ihrem Hause auch viel digitales Know-how zu CAD/CAM vorhanden, das die Möglichkeiten der digital gesteuerten Fertigung umsetzen kann. Wie können Ihre Kunden davon profitieren?

Gerhard Hillmann: Es entfällt eine Schnittstelle. Der Kunde kann sicher sein, dass das, was er konstruiert hat, auch genau so gefertigt wird. Die Anbauteile werden gescannt und somit Form und Ausführung schon qualitätsgeprüft. Das Know-how muss nicht in der ganzen Weltgeschichte umhergeschickt werden, sondern bleibt bei uns in guten Händen.

SWM: Höre ich aus Ihren Schilderungen, dass Sie auch in der Lage sind, Fertigungsunterlagen, die analog vorliegen, digital aufzuarbeiten?

Gerhard Hillmann: Ja, das ist auf Kundenwunsch möglich. Zum Teil gibt es ja noch Vorgänge bzw. Bauteile, die immer wieder ausgeliefert werden und bei denen der Zeitpunkt der Digitalisierung verpasst wurde. Die Digitalisierung holen wir in diesem Zusammenhang nach.

SWM: Heißt das, bei Vorliegen geeigneter CAD/CAM-Dateien und Einsatz handelsüblicher Materialien sind auch mal sehr kurze Lieferzeiten möglich?

Gerhard Hillmann: Das lässt sich nicht jederzeit bejahen. Aber wir sind schon sehr flexibel und können einiges möglich machen.

SWM: Die Vorteile des Kunden sind so weit klar. Welche Branchen sehen Sie als weitere potenzielle Kunden an?

Gerhard Hillmann: Man kann hier nahezu alle Hersteller, bei denen Stahlbau mit im eigenen Produkt ist, aufführen, da es die Anlage ja kein zweites Mal gibt.

SWM: Ihre Einschätzung ist, dass einige Betriebe, die die Fertigung eingestellt bzw. auf ihr Kernprodukt reduziert haben, bei Ihnen anklopfen werden.

Gerhard Hillmann: Ja, das erwarten wir. Dazu kommt sicher auch unser Standortfaktor. Wilnsdorf liegt fast mittig in Deutschland und ist zudem nahe an einer Autobahn, die das Ruhrgebiet und auch die Rhein-Main-Region mit Wilnsdorf verbindet.

SWM: Industrie 4.0 ist allerseits ein Thema und Sie sprechen von Ihrer Umsetzung für den Stahlbau. Sehen Sie für sich den Stahlbau 4.0 als umgesetzt an?

Gerhard Hillmann: Wir finden, ja. Durch die durchgängig digitale Konstruktions-Arbeitsvorbereitung und digitale Steuerung der Bearbeitungsstationen sind wir in der Lage, von Stückzahl eins an aufwärts durchgängig digital zu arbeiten. Je höher die Stückzahl, umso effektiver. Und je weiter wir uns in die Thematik einarbeiten, umso mehr zusätzliche Impulse nehmen wir auf, um das Thema für die Zukunft mit neuen Kunden weiterzuentwickeln.


INFO

Wer ist Weisstalwerk?

Der Ursprung des Unternehmens Weisstalwerk liegt im Krisenjahr 1932. Damals machten sich die drei Firmengründer auf, zunächst Fenster, Türen und Wellblechbauten zu fertigen, bevor man in den 50er-Jahren den Stahl- und Hallenbau forcierte. Seitdem wurde das Portfolio ständig den Erfordernissen angepasst und das Unternehmen weiterentwickelt. Mit derzeit über 50 Mitarbeitern werden am Standort Wilnsdorf qualitativ langlebige Produkte insbesondere im Stahl- und Hallenbau, aber auch im Sonderbau gefertigt. Durch ganzheitliche Symbiose von Konstruktion, Fertigung und Montage in einer Hand, mit hoher Flexibilität und kurzen Umsetzungszeiten ist Weisstalwerk weit über das Siegerland hinaus bekannt.

Ausgabe 07/2018