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Effizienzfalle Niedrigzins

In Zeiten, da Kredite günstig zu haben sind, denkt so mancher Unternehmer nicht daran, die finanziellen Strukturen der Firma zu optimieren. Doch das kann wichtig sein. So geht’s.



Dauerhaft niedrige Zinsen, Private-Equity-Häuser und neuerdings auch Family Offices auf der Suche nach renditeträchtigen Anlageobjekten: Selten war es für mittelständische Unternehmen leichter, an Fremd- oder Eigenkapital für Investitionen zu kommen. Jetzt darüber nachzudenken, wie die Innenfinanzierung verbessert werden könnte, sei die reinste Zeitverschwendung, meint da so mancher Firmenchef. Doch das ist falsch.

Die finanziellen Strukturen des Unternehmens zu optimieren, ist keine Aufgabe, der sich Mittelständler lediglich in Krisensituationen widmen sollten, wenn anderswo ohnehin kein Geld mehr zu haben ist. Auch in Zeiten, da die Geschäfte bestens laufen, sollten Firmenlenker prüfen, ob es Liquiditätspotenziale in der Firma gibt, bevor sie über die Aufnahme von Fremd- oder Eigenkapital nachdenken. Werden solche Puffer gehoben, reduziert sich Kapitalbedarf möglicherweise deutlich – und damit sinken die Finanzierungskosten. Auch wer kein Geld von außen benötigt, stellt sein Unternehmen auf stabilere Beine, wenn die Innenfinanzierung optimiert wird.

Um Liquiditätspotenziale auszumachen, reicht es bei Weitem nicht aus, einen schnellen Blick auf die betrieblichen Tagesgeldkonten zu werfen. Zwar sind dort in der Tat zuweilen Gelder schlecht verzinst geparkt. Dann gilt es natürlich, diese Konten aufzulösen und das Kapital ins Unternehmen zu investieren. Soll die Innenfinanzierung jedoch generalüberholt werden, so geht dies nicht ohne eine detaillierte Kostenanalyse.

Künftige Umsätze planen

Diese beginnt mit einer genauen Analyse des aktuellen Umsatzes, gefolgt von einer realistischen Planung der künftig angestrebten Umsätze. Erst wenn feststeht, welche Erträge das Unternehmen in Zukunft erzielen soll, kann die Kostenseite angegangen werden. Dafür sollten Firmenlenker ihre Produkte, Leistungen und Services kritisch unter die Lupe nehmen. Welche Produkte versprechen wirklich noch Gewinn? Welche können weiterentwickelt oder modifiziert werden? Sind die Fragen beantwortet und die zukunftsträchtigen Produkte und Leistungen bestimmt, kann ein korrespondierender Kostenplan erarbeitet werden. Hier sollte nur das einfließen, was wirklich nötig ist, um die angepeilten Erträge zu erwirtschaften. Dieser Prozess ist natürlich langwierig. Gut ist es, wenn Unternehmen mehrere Teams bilden, die sich die einzelnen Kostenarten genau anschauen. Ein Stichwort heißt dabei Contracting, also geschickt verhandeln. Für Unternehmen im produzierenden Gewerbe etwa, bei denen Energie einen Großteil der Gesamtkosten ausmacht, können sich Neuverhandlungen lohnen.

Was wird wirklich benötigt?

Auch bei den Material- und Sachausgaben ist die Frage zu stellen, was das Unternehmen tatsächlich benötigt. Vielleicht zeigt sich, dass bestimmte Materialien gar nicht unbedingt in der bisher bezogenen Menge gebraucht werden. Oder zumindest nicht auf einen Schlag. Dann bieten sich Teillieferungen an. Diese erlauben oft ein sofortiges Verarbeiten eines Roh- oder Hilfsstoffes, wodurch sich Lagerkosten verringern. Auch über Abrufverträge können mittelständische Firmenlenker mit ihren Lieferanten sprechen.

Parallel zur Erarbeitung des Kostensparplans sollte das Liquiditätsmanagement kontrolliert werden. Dabei kommt es auf eine funktionierende Finanzabteilung an. Dort müssen alle Daten zusammenfließen: Wie ist das Fälligkeitsprofil der Forderungen? Gibt es mutmaßlich wackelige Bonitäten unter den Schuldnern? Wie sieht der zukünftige Liquiditätsbedarf aus? Besonderes Augenmerk sollte dabei auf das Umlaufvermögen gelegt werden. Räumen Mittelständler Zahlungsziele bis zu 90 Tage ein, so ist das deutlich zu lang. Wer seine Leistung bekommen hat, soll auch zügig zahlen.

Was für die Kunden gelten soll, ist natürlich nicht das eigene Ziel. Dies kann nur lauten: Rechnungen möglichst spät begleichen. Dafür müssen Unternehmer meist Anreize bieten. Solche Skonti sollten allerdings mit Augenmaß eingesetzt werden, damit sie nicht zu teuer ausfallen.

Andrea Martens | redaktion@regio-manager.de

INFO

Lieferantenkredit

Wie funktioniert die Finanzierung?

Das Unternehmen handelt mit dem Lieferanten verlängerte Zahlungsziele aus und nutzt diese, um mit zu zahlenden Summen länger arbeiten zu können.

Wer ist der Kapitalgeber?

Lieferanten, Zulieferer

Für wen ist der Lieferantenkredit geeignet?

v. a. für Unternehmen im produzierenden Gewerbe, alle Branchen, jede Größe

  • Finanzierungsanlass?
  • Verbesserung der Liquidität
  • Finanzierungsvolumen?
  • individuell
  • Kosten?
  • individuelle Preisabschläge
  • Verlängerung des Zahlungsziels
  • oft 3 Monate, individuell verhandelbar

 

INFO
Factoring

Wie funktioniert die Finanzierung?
Das Unternehmen verkauft Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft (Factor). Der Factor stellt eine Kreditlinie zur Verfügung, die auf einmal oder schrittweise abgerufen werden kann. Die Rechnungen werden an den Factor weitergeleitet, der Ausgleich erfolgt zu 90 Prozent sofort, die restlichen 10 Prozent werden nach maximal 120 Tagen bezahlt.

Wer ist der Kapitalgeber?
Factoring-Gesellschaften

Für wen ist Factoring geeignet?
Für Unternehmen meist ab einem Umsatz von fünf Millionen Euro. Das Instrument ist nur für unbestrittene Forderungen möglich, in der Forderungsstruktur darf es keine Klumpenrisiken geben. Forderungen aus dem Bereich Bau oder Spezialfinanzierungen werden nicht akzeptiert.

Finanzierungsanlass?
Verbesserung der Liquidität.

Finanzierungsvolumen?
je nach Anbieter

Kosten?
je nach Umsatzgröße und Forderungsvolumen: ca. 2-6 Prozent des finanzierten Volumens
(Factoringgebühr und Zinsen)

 

INFO
Sale-and-lease-back


Wie funktioniert die Finanzierung?
Das Unternehmen verkauft Gegenstände des mobilen Anlagevermögens (Maschinen, technische Anlagen und Zubehör) an den Leasinggeber. Anschließend least das Unternehmen die Maschinen wieder zurück. Die Liquidität steht sofort zur Verfügung. Die Transaktion bleibt ohne Einfluss auf den laufenden Betrieb. Eigenkapitalquote und Rating verbessern sich. Die Leasingraten gehen in die Gewinn- und Verlustrechnung ein. Der Kapitalgeber hat keinen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen, es sind keine zusätzlichen Sicherheiten und kein Rating notwendig. Eventuell in Maschinenparks enthaltene stille Reserven können gehoben werden.

Wer ist der Kapitalgeber?
Banken, die dieses Finanzierungsmodell anbieten

Für wen ist die Sale-and-lease-back-Finanzierung geeignet?
Für alle klassischen Mittelständler, die im produzierenden Gewerbe tätig sind. Es können alle Branchen finanziert werden, die über mobiles, zweitmarktfähiges Anlagevermögen verfügen. Die Finanzierung ist umsatzunabhängig.

Finanzierungsanlass?
Kauf oder Entwicklung von Produktionsmitteln, Investitionen in Forschung und Entwicklung, Wachstum (neue Werke, neue Geschäftsmodelle)

Finanzierungsvolumen?
abhängig vom Wert des verkauften Assets, meist zwischen 400.000 Euro und 5 Millionen Euro

Kosten?
etwa ab 4–5 Prozent des Finanzierungsvolumens

Laufzeit?

kann individuell vereinbart werden

Ausgabe 02/2018