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Wer Arbeit und Freizeit nicht im Ausgleich sieht, dem droht langfristig ein Burn-out Foto: © Kzenon – stock.adobe.com

Der Freizeit Raum geben

Auch für Chefs ist eine Work-Life-Balance möglich. Wichtig ist, auf sich selbst zu hören und auch mal Nein zu sagen.



Der Begriff Work-Life-Balance ist derzeit in aller Munde – ein Modethema also. Und so schön und wichtig das Wort auch klingen mag, gerade in Führungspositionen scheint es unmöglich umzusetzen. Schließlich ist die 40-Stunden-Woche für Chefs wenn überhaupt, dann nur auf dem Papier vorhanden. Doch auch für Manager gibt es die Chance, eine Ausgeglichenheit zwischen Beruf und Freizeit zumindest temporär zu erreichen.

Zuerst einmal ist wichtig, für sich selbst klarzumachen, was für einen persönlich die perfekte Mischung aus Arbeit und Privatleben ist. Um das herauszufinden, rät die Unternehmensberatung für Betriebliches Gesundheitsmanagement auf ihrer Seite zu einer einfachen Übung. Sie besteht darin, sich selbst zum 80. Geburtstag eine Rede zu schreiben. Leitend sollte die Frage sein: Was möchte ich, dass meine Freunde und Familienangehörige zu diesem Anlass über mich sagen? Ein zweiter Schritt besteht darin, aus der Rede fünf bis zehn Erkenntnisse zu sammeln – Dinge, die mir offenbar in meinem Leben wichtig sind. In einem nächsten Schritt werden die Stichpunkte nach Priorität sortiert. So erhält man leicht eine Liste mit den eigenen Werten. Eine ähnliche Methode beschreibt Susanne Schwerdtfeger, Mentorin für Führungskräfte, auf ihrer Internetpräsenz. Sie rät, das „Rad der Work-Life-Balance“ mit sechs Bereichen auf dem Papier zu erstellen: soziale Kontakte, emotionale Bindungen, intellektuelle Entwicklung, Gesundheit, Spiritualität sowie Arbeit/Beruf. Zuerst gilt es, den Kuchen wie bei einem Tortendiagramm nach der aktuellen Situation aufzuteilen. Welcher Bereich kriegt wie viele Prozente ab? Wichtig ist dabei: Mehr als 100 Prozent gibt es nicht. In einem zweiten Schritt werden dann den sechs Teilbereichen die Größen zugeteilt, die man ihnen selbst geben möchte.

Digitalisierung sorgt für Stress

So weit so schnöde die Theorie. Doch gerade im digitalen Zeitalter bleibt trotz allem oft nicht die Zeit für die Dinge, die einem wichtig sind. Dass das nicht immer so sein muss, zeigen beispielsweise die beiden Konzerne VW und Daimler. Bei VW wird in manchen Bereichen 30 Minuten nach Arbeitsende die E-Mail-Weiterleitung aufs Handy abgeschaltet – die Angestellten können gar nicht von zu Hause aus E-Mails kontrollieren. Noch gilt hier die Regelung allerdings nicht für Manager. Anders sieht es bei Daimler aus. Hier können auch Manager zu einer Regelung greifen, dass E-Mails, die sie im Urlaub bekommen, einfach gelöscht werden. Der Absender bekommt dann eine Nachricht, an welchen Kollegen er sich wenden kann. So kann jeder Mitarbeiter im Urlaub abschalten und kommt gar nicht in die Versuchung, ins Mailprogramm zu schauen.

Doch auch in der Freizeit hört das Thema Work-Life-Balance nicht auf. Wer sich auch in der Freizeit mit Kollegen aus ähnlichen Positionen abgibt oder sich Hobbys sucht, die in starker Nähe zum Beruf stehen, schaltet selbst in der Entspannungszeit nicht richtig ab. Nathanael Ullmann | redaktion@regio-manager.de

INFO

Fünf praktische Tipps zum Entspannen

  • Tragen Sie zuerst die Familientermine in den Kalender ein, dann die beruflichen. So gehen Sie sicher, dass die Familie nicht zu kurz kommt.
  • Atmen Sie zwischendrin kurz durch. Es gibt viele Internetvideos und Apps, die Sie kostenlos mit Entspannungsübungen versorgen – oft schon innerhalb einer Minute.
  • Üben Sie das Nein-Sagen. Nur so werden Sie nicht immer wieder ausgenutzt und verplanen sich dauerhaft.
  • Wenn Sie Pause haben, gehen Sie nach draußen. Die Natur wirkt regenerierend. Außerdem haben Sie dann auch räumlich Abstand von der Arbeit.
  • Wenn gerade gar keine Zeit für mehr Entspannung bleibt, stellen Sie täglich Ihren Schreibtischstuhl zwei Zentimeter höher oder tiefer ein. Das beugt Schulterverspannungen vor. Platzieren Sie den Bildschirm täglich zwei Zentimeter näher oder weiter weg, schult das die Augen.

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Interview mit dem Stress-Experten Louis Lewitan

Louis Lewitan ist Diplom-Psychologe und Stress-Experte. Zu seinem Fachgebiet hat er mehrere Bücher veröffentlicht (u.a. das Buch Stressless) und berät regelmäßig Manager. Wir sprachen mit ihm zum Thema Work-Life-Balance.

Herr Lewitan, wie würden Sie Work-Life-Balance beschreiben?
Als die vergebliche Illusion, dass es einen Ausgleich geben kann zwischen Arbeit und Privatleben.

Inwiefern eine Illusion?
Die Schnelligkeit in Verbindung mit dem Arbeitsvolumen führt zu einer andauernden Anspannung, sodass man in der knappen Zeit, die einem übrig bleibt, vergeblich versucht, sich auf die Schnelle zu erholen. Wer jedoch ständig im On-Modus ist und nicht regelmäßig Pausen einlegt, wird erleben, dass die Batterien, ähnlich wie beim Handy, schon wieder leer sind. In einer Zeit, in der man ständig erreichbar ist und sein muss, ist es jedoch unsinnig, zu glauben, dass es einen permanenten Ausgleich gibt. Ich sollte mich nicht schlecht fühlen, weil ich es nicht schaffe, diese angebliche Balance zu erreichen. Work-Life-Balance ist nie von Dauer, genauso wenig wie das Glück.

Kann eine Person in leitender Position überhaupt Erholung finden?
Ich sehe ein Problem bei Managern: Sie denken nicht langfristig im Hinblick auf ihre eigenen Ressourcen. Sie betrachten ihr Managerleben nicht als Marathonlauf, sondern eher als 110-Meter-Sprint mit Hindernissen. Je länger man sich verausgabt und über seine Grenzen geht, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, sich schnell erholen zu können. Die Gefahr liegt darin, dass Manager sich nahezu ausschließlich über die Arbeit definieren. Sprich: Ich bin, weil ich Außerordentliches leiste und ständig beschäftigt bin. Hierbei wird verkannt, dass der Mensch keine Maschine ist, sondern Zeit zur Erholung braucht, um nicht nur leistungsfähig zu bleiben, sondern kreativ und innovativ zu sein.

Viele Manager würden wohl sagen, Erholung komme mit den Anforderungen des Alltags nicht überein.
Die Frage ist: Sind Sie der Getriebene oder sind Sie der Steuermann? Sind Sie getrieben, dann glauben Sie, auf alles sofort reagieren zu müssen und werden damit zum Springball externer Anforderungen und überhöhter Erwartungen anderer. Wenn ich nicht im Krankenhaus in der Notfallchirurgie arbeite, muss ich nicht immer alles sofort beantworten und alles sofort unterbrechen. Ich sollte stattdessen lernen, besser meine Zeit und Ressourcen einzuteilen. Manager sein bedeutet ja, dass ich mir bewusst bin, dass ich ersetzbar sein kann.

Inwiefern?
Managen bedeutet ja nicht, dass ich alles an Wissen für mich behalte. Ich muss mein Netzwerk, mein Wissen und meine Erfahrung auch anderen zur Verfügung stellen, nur so lässt sich Arbeit delegieren. Wenn ich als Manager im Übermaß misstrauisch bin und glaube, alles kontrollieren zu müssen, weil keiner es so gut macht wie ich, dann hat es zur Folge, dass ich nicht delegieren kann, mich niemanden anvertrauen kann und eben nicht loslassen kann. Wer nicht loslassen kann, findet keine Ruhe.

Wie viel Zeit sollte man sich für sich selbst nehmen?
Es geht nicht darum, dass man sich sklavisch einem Zeitmanagement unterordnet, sondern vielmehr darum, dass man spürt, wann man was braucht, und sich gönnt, dem nachzugeben.

Ausgabe 10/2017