Personal

Personaldienstleister: Brücke in den Arbeitsmarkt

Über eine Million Menschen finden Beschäftigung über Zeitarbeit. Kopfzerbrechen bereiten der Branche Gesetzesverschärfungen und der Fachkräftemangel.

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von Regiomanager 01.07.2018
Foto: ©Robert Kneschke – stock.adobe.com

Der Lehrer ist ausgefallen? Die Ärztin im staatlichen Krankenhaus ist krank? Kein Problem: Eine Zeitarbeitsfirma schickt fix Ersatz. Ganz normal – in Großbritannien, wo die Zeitarbeit als tragendes Element der Wirtschaft große Anerkennung erfährt, ähnlich wie in Skandinavien oder den Niederlanden. Nach langem Ringen ist ihre Wertschätzung im Lauf der Jahre auch hierzulande gewachsen. Allerdings ist die Struktur dessen, was auch Arbeitnehmerüberlassung genannt wird, in Deutschland anders: einerseits indem Zeitarbeitskräfte Beschäftigte des Zeitarbeitsunternehmens bleiben und dieses nicht nur als Vermittler auftritt, andererseits in der Art der Tätigkeiten. Etwa die Hälfte der Zeitarbeitskräfte in Deutschland übt Helfertätigkeiten aus, schätzt Thomas Hetz, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP). „Die gewerbliche Wirtschaft braucht diesen Arbeitskreis nicht mehr dauerhaft und baut ihn ab.“ Etwa, wenn eine Firma eine Lagerhalle aufräumen lassen will. Ist diese Aufgabe nach zwei Monaten erledigt, dann gibt es in der Firma vielfach auch nichts mehr zu tun. Hier verschafft die Zeitarbeit ihren Kunden den nötigen Spielraum. Die Zeitarbeitskräfte ihrerseits, die in Deutschland in der Regel unbefristet bei der Zeitarbeitsfirma angestellt sind, kommen im Anschluss bei einem anderen Unternehmen zum Einsatz. Neben der großen Gruppe der Helfer machen Facharbeiter grob gesehen die andere Hälfte der Zeitarbeitskräfte aus. Die Branchen Verkehr/Logistik und Metall/Elektro nutzen Zeitarbeit am stärksten. Akademiker spielen mit 7,9 Prozent der Kräfte – halb so viele wie auf dem Gesamtarbeitsmarkt – in der deutschen Zeitarbeit nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings gibt es vor allem in Süddeutschland Zeitarbeitsfirmen, die sich zum Beispiel auf Ingenieurdienstleistungen spezialisiert haben.

Arbeitnehmermarkt

„Die Lage der Zeitarbeit ist gut – im Prinzip“, meint BAP-Hauptgeschäftsführer Hetz. Derzeit sind in Deutschland knapp über eine Million Zeitarbeitskräfte tätig. „Die Crux ist der Facharbeitermangel.“ So steigen viele Firmen inzwischen aus dem Bereich Medizin aus. Denn es ist zum Beispiel nicht einfach, Zahnarzthelferinnen zu bekommen. „Auch im Logistikbereich ist es schwierig. Sie finden keine Lkw-Fahrer in Deutschland, aber in Rumänien auch nicht.“ Mehr und mehr entwickeln sich Zeitarbeitsfirmen dahin, für ihre Auftraggeber die Personalabteilung zu sein. „Früher haben die Zeitarbeitsfirmen für ihre Kundenfirmen die passenden Arbeitskräfte gesucht. Heute gehen die Zeitarbeitsfirmen auf potenzielle Kandidaten zu und sagen dann zu ihren Kundenfirmen: „Wir haben hier jemanden, der gut bei euch reinpassen würde.“ Thomas Hetz erkennt darin einen grundlegenden Wandel in der Beschäftigung: „Wir sind auf dem Weg von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt.“ Er berichtet von Studenten, die über Zeitarbeit Unternehmen austesten, um anschließend direkt beim interessantesten anzuheuern.

Mitarbeitergewinnung

Auf einem Arbeitnehmermarkt wird es zunehmend wichtig, Anziehungskraft auf potenzielle Arbeitnehmer auszuüben. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC hat sich bei Zeitarbeitsfirmen erkundigt, wie sie für Mitarbeiter attraktiver werden und bleiben wollen. Überdurchschnittliche Bezahlung nannten 77 Prozent der befragten Zeitarbeitsfirmen, 55 Prozent Rekrutierung im Ausland. 52 Prozent nannten „Fokus auf Training und Talententwicklung“. Der BAP hat ein Modell entwickelt, wie Menschen ohne Berufsabschluss – diese haben ein besonderes Armutsrisiko – sich über Zeitarbeit in drei Stufen qualifizieren können: Fachhelfer, Fachassistent, Fachkraft. Beteiligte waren der TÜV Rheinland, die Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern und natürlich die Kundenunternehmen. Doch dieselben Politiker, die sich in Hintergrundgesprächen begeistert von diesem Modell zeigten, hätten kurze Zeit später die „Höchstüberlassungsdauer“ eingeführt, beklagt Thomas Hetz.

„Höchstüberlassungsdauer“

Seit April 2017 dürfen Zeitarbeitskräfte höchstens 18 Monate bei einem Kundenunternehmen eingesetzt werden. So ist nicht nur das Qualifizierungsmodell des BAP schon wieder Makulatur. „Die Höchstüberlassungsdauer ist vor allem schlecht für Arbeitnehmer“, sagt Thomas Hetz. „Wenn sich einer einen bestimmten Lohn erarbeitet hat und nach diesen 18 Monaten das Unternehmen wieder verlassen muss, fängt er wieder beim Standardtariflohn an.“ Für schlecht durchdacht hält Hetz die 18 Monate auch aus einem anderen Grund. Durch häusliche Pflege, bei Krankheit oder im Reha-Fall können Arbeitskräfte oft auch länger als 18 Monate ausfallen. Diese könnten über Zeitarbeit nun nicht mehr so einfach ersetzt werden. Und bei hochqualifizierten Berufen werden Arbeitskräfte für Projekte gesucht, die in vielen Fällen ebenfalls länger als anderthalb Jahre dauern.

„Equal Pay“

Ebenfalls seit April 2017 gilt nach der Überarbeitung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes „Equal Pay“ (gleiche Bezahlung): Zeitarbeitskräfte müssen nach neun Monaten in einem Kundenunternehmen denselben Lohn erhalten wie vergleichbare Arbeitnehmer dort. Allerdings bemängelt Thomas Hetz, dass „Equal Pay“ im Gesetz nicht sachgerecht definiert worden sei, so dass viele Fragen wohl bei den Arbeitsgerichten landen würden. „Was machen Sie, wenn es im Kundenunternehmen gar keine vergleichbaren Arbeitnehmer gibt? Wie geht man bei Zeitarbeitskräften damit um, wenn Kundenunternehmen eine Betriebsrente zahlen oder mit einem Bierdeputat für ihre Beschäftigten?“ Equal Pay beschneide auch unnötig die Freiheit hochqualifizierter Arbeitskräfte, die bei ihrem regelmäßig guten Verdienst des Schutzes durch eine solche Regelung nicht bedürften. Inwieweit die Gesetzesverschärfungen Branchenunternehmen den Boden unter den Füßen entziehen, könne man erst 2019 beurteilen. Gegenüber Equal Pay zieht BAP-Mann Thomas Hetz die sogenannten Branchenzuschläge vor, die in vielen Branchen tarifvertraglich vereinbart wurden. Außerdem gilt in der Branche bereits seit 2012 ein Mindestlohn. Er liegt derzeit bei 9,49 Euro im Westen und bei 9,27 Euro im Osten – also über dem normalen Mindestlohn. Claas Möller | redaktion@regiomanager.de

INFO

Etwa 2,3 Prozent aller Erwerbstätigen sind Zeitarbeitnehmer – ihr Anteil schwankt seit Jahren zwischen 1,9 und 2,3 Prozent. Bundesweit gibt es rund 7000 Zeitarbeitsunternehmen. Etwa 35 Prozent von ihnen haben weniger als 20 Mitarbeiter, nur 17 Prozent über 100. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Zeitarbeit ist besonders hoch. Er liegt bei 93 Prozent. Während 63 Prozent aller Beschäftigten auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Vollzeit arbeiten, sind es in der Zeitarbeit sogar 78 Prozent. Zeitarbeit hat einen starken Anteil daran, Menschen aus der Arbeitslosigkeit wieder in Beschäftigung zu bringen. Rund 70 Prozent der neu eingestellten Zeitarbeitskräfte waren vorher ohne Beschäftigung. Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) bleiben über 60 Prozent der ursprünglich Arbeitslosen, die über Zeitarbeit einen Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben, nachhaltig in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Etwa ein Viertel der Arbeitslosen, die aus der Grundsicherung heraus ihre Arbeitslosigkeit beenden, erreicht dies laut BA durch Zeitarbeit. Die Zeitarbeit ist die wichtigste Branche bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Der Ausländeranteil in der Zeitarbeit ist mit 27 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft.

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