Sharing Economy: Sharing is Caring

Warum Shared Economy dem Wesen des mittelständigen Wirtschaftens entspricht
(Foto: Fairmondo, Kristoffer Schwetje)
(Foto: Fairmondo, Kristoffer Schwetje)
Nutzen statt Besitzen – ob Auto, Wohnung, Büro oder Filme, das Teilen von Gütern ist ein weltweiter Trend, der auch hierzulande immer beliebter wird. Es führt zu einer besseren Auslastung von Gebrauchsgütern, senkt den Ressourcenbedarf, stärkt den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft und bietet zudem die Möglichkeit, viele neue soziale Kontakte zu knüpfen. Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten, Schenken oder Helfen werden dabei unter dem Schlagwort der Shared Ecomony zusammengefasst.

Vom Teilen in schweren Zeiten zum wirtschaftlichen Erfolgsmodell
Shared Economy ist keine grundlegend neue Form des Wirtschaftens. Aus dem Alltag oder dem Urlaub kennen wir Bibliotheken, Waschsalons, Mitfahrzentralen oder Skiverleih. Auch gibt es seit Jahrzehnten landwirtschaftliche Genossenschaften, die sich teure Erntemaschinen teilen. Doch die Dynamik der Shared Economy 2019 ist anders. Ihren Erfolg verdankt dieses Prinzip mehreren Faktoren. Da wäre zunächst die fortschreitende Digitalisierung: Dank Internet, Smartphone, Social Media, Big Data und vielen weiteren technischen Neuerungen können Menschen heutzutage immer alles und überall teilen. Als Zweites hätten wir den Mangel durch die Krisen. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ließ sich europaweit beobachten, dass das Teilen und das Tauschen deutlich zunahmen. Ebenso erlebte Griechenland 2012, also in Zeiten der größten Not, einen regelrechten Tauschboom. Das Teilen von Ressourcen in schwierigen Zeiten ist dabei fest in unserem genetischen Code verankert und lässt sich sogar bei anderen Primaten beobachten.

Abkehr vom Besitz
Drittens wäre da noch die Abkehr vom Besitz. Dieses Phänomen hängt mit der Bedeutung von Besitz zusammen. So empfinden immer mehr Menschen, insbesondere die Generationen Y und Z, den Besitz als Belastung. Lassen Sie uns das am Beispiel des Autos durchdeklinieren: Das Auto ist in unserer urban geprägten Umgebung nur ein Baustein im Kasten der Mobilität. Seinen Stellenwert als Statussymbol hat es gesellschaftlich mit wenigen Ausnahmen fast gänzlich eingebüßt. Dennoch fallen für ein Auto zahlreiche Kosten wie Versicherung, Parkplatz oder Wartung und Reparatur an. Zudem wird das Auto im besten Fall für ein paar Stunden pro Tag bewegt. Carsharing ist daher eine beliebte Alternative zum Besitz eines Autos. Daimler und BMW haben diesen Trend erkannt und bieten mit Car2Go sowie Drive Now zwei Sharing-Angebote, die zweistellige Wachstumsraten schreiben. Andere Anbieter werden bald folgen und ihre eigenen Konzepte vorstellen. Derzeit nutzen allein in Deutschland über 2,1 Millionen Kunden Carsharing-Angebote.

Shared Economy und der Mittelstand
Carsharing ist eines der populärsten Beispiele der Shared Economy. Weitere bekannte Beispiele sind Uber oder Airbnb. Behält man den Gedanken, dass Shared Economy vor allem gesellschaftlichem oder sozialem Nutzen folgt, so finden sich viele weitere spannende Beispiele. Die Plattform Mundraub ist ein solches Beispiel. Hierbei handelt es sich um eine Plattform für alle, die heimisches Obst im öffentlichen Raum entdecken und die essbare Landschaft gemeinsam gestalten wollen. Mehr als 70.000 Menschen engagieren sich sowohl online als auch im realen Leben, um Fundorte miteinander zu teilen, gemeinsame Pflanz- und Ernteaktionen durchzuführen oder sich in regionalen Gruppen auszutauschen. Dabei folgen die Nutzer der Regel, dass beim Ernten keine Eigentumsrechte verletzt werden. „Ich freue mich über das nachhaltige Engagement von Mundraub bei der Gestaltung und Nutzung der Kulturlandschaft“, beschreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Projekt. Für Unternehmen eignet sich eine Kooperation mit Mundraub bei Ausgleichspflanzung oder im Rahmen von Umweltbildung sowie Teambuilding-Kampagnen. Ein anderes Beispiel ist Pumpipumpe. Was müssen wir wirklich selbst besitzen und was können wir gut teilen? Bohrmaschine, Staubsauger, Kuchenform – Pumpipumpe macht all diese nützlichen Dinge, die in Wohnungen, Schränken, Schachteln und Kellern versteckt nur selten genutzt werden, erst sichtbar. Durch die Sticker am Briefkasten können die Nutzer ihre Nachbarn darauf aufmerksam machen, was man zu verleihen hat. Ziel ist der Dialog zwischen Nachbarn und eine Diskussion um die Potentiale von urbanen Nachbarschaften und realen Netzwerken, gerade im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung. Pumpipumpe wurde Ende 2012 in Bern als Atelierprojekt gestartet und ist seit 2014 ein nicht-gewinnorientierter Verein, an dem sich bereits über 20.000 Haushalte europaweit beteiligen. Doch es geht noch mehr, und das zeigt Fairmondo, eine genossenschaftliche Alternative zu den Marktriesen im Onlinehandel aus Berlin. Fairmondo ist vollständig im Eigentum seiner Nutzer und Mitarbeiter und bietet in vielen Kategorialen wie Mode, Freizeit, Sport oder Medien zahlreiche Angebote. In der Kategorie Bücher kann der Marktplatz bereits über zwei Millionen Artikel bieten. Fairmondo ist offen für alle: Private und gewerbliche Anbieter können jede Art von Artikeln verkaufen. Anhand dieser drei Beispiele zeigt sich bereits sehr gut, dass Shared Economy mit seinen Werten wie sozialem und gesellschaftlichem Engagement oder Nachhaltigkeit die Prinzipien des mittelständischen Wirtschaftens in sich trägt. Speziell bei den genossenschaftlichen Ansätzen bieten sich daher lohnende wirtschaftliche Anknüpfungspunkte für regional verwurzelte Unternehmen, indem sich diese beispielsweise einen Fuhrpark oder innerhalb eines Gewerbegebietes auch andere Ressourcen wie Medien- und Konferenzräume oder eine gemeinsame Cafeteria teilen können.

Die dunkle Seite der Shared Ecomony
Doch wo Licht ist, da ist auch immer Schatten, und so ist es legitim, dass manche Kritiker die konzernbasierte Shared Ecomony als Kapitalismus in Reinkultur, ohne jegliche Rücksicht auf soziale Standards oder gesellschaftliche Normen, betrachten. Ein Beispiel dafür ist Home Sharing via Airbnb. Die Onlineplattform bietet Privatleuten die Möglichkeit, ungenutzte Räume oder ganze Wohnungen in Abwesenheit an Touristen zu vermieten. Airbnb hat damit das Couchsurfing auf einen neuen Level gehoben. Eine gute Idee, die zudem wieder einen sozialen Aspekt in sich trägt. Airbnb wirbt sogar damit. So sollen die Gastgeber ihre Gäste wie Freunde behandeln und damit den Aufenthalt in einer fremden Stadt unvergesslich machen. Tatsache ist jedoch, dass die Plattform vermehrt zur Kapitalisierung von Wohnungen in guten Stadtteilen beiträgt. Insbesondere in Berlin, München, Hamburg oder Stuttgart, also in jenen Großstädten, in denen Wohnraum knapp ist, wird Airbnb zudem zu einem weiteren Mitspieler. Hinzu kommt, dass die Onlineplattform dem lokalen Hotelgewerbe quasi professionell organisierte Konkurrenz von Privatleuten entgegenstellt. Diese Privatleute sind nicht an gewerbliche Regeln wie zum Beispiel zum Brandschutz gebunden und nutzen so einen unlauteren Wettbewerbsvorteil. Dies hat in den letzten Jahren in internationalen Metropolen wie Paris, London oder Budapest bereits dazu geführt, dass komplette Wohnhäuser nur noch Airbnb-Nutzern zur Verfügung standen und diese Häuser zentral organisiert mit Portier und Zimmerservice quasi wie ein Hotel geführt wurden. Sollte Sharing Economy also in Zukunft eine wirklich positive wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung für uns entwickeln, dann sollte dabei der Aspekt des Teilens und der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen vor der Kapitalisierung von Produkten und Dienstleistungen stehen. André Sarin | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 05/2019