Raumausstatter: „Meistertitel ist Qualitätssiegel“

Der Markt für Raumausstatter ist groß. Hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen.
(Foto: ©virtua73 – stock.adobe.com)
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„Kreieren – erarbeiten – umsetzen – bestaunen.“ So beschreibt Ralf Vowinkel, Vorsitzender des Zentralverbandes Raum und Ausstattung (ZVR), die Arbeit. „Du siehst, was du geschaffen hast. Es gibt nur wenige Berufe, bei denen das möglich ist.“ Der Beruf ist abwechslungsreich, das Tätigkeitsspektrum weit gefächert: „Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen jeden Tag etwas anderes und sind stolz auf das, was sie geschaffen haben.“ Die Raumausstatter sind die Allrounder unter den Handwerkern. Sie wählen passende Bodenbeläge aus und verlegen sie, gestalten, bekleiden und beschichten Wände und Decken mit Tapeten, Täfelungen oder textilen Wandbespannungen, montieren Sicht-, Licht-, Sonnen- und Insektenschutzvorrichtungen (Jalousien, Rollos, Plissees, Markisen, Fliegenfenster), fertigen Polstermöbel an, arbeiten sie auf, reparieren sie, dekorieren Räume und setzen sie ins richtige Licht. Der ZVR vertritt als Bundesverband die Interessen des Raumausstatter-, Sattler-, Feintäschner- und Bodenlegerhandwerks. Im Jahr 2019 gab es rund 30.000 Raumausstatter-Betriebe in Deutschland. Ein großer Teil davon sind Kleinstbetriebe. Einer EU-Definition zufolge fallen darunter die Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von höchstens zwei Millionen Euro. Sie arbeiten in erster Linie oder ausschließlich für Privatkunden und nicht im Objektgeschäft.

Bedeutung des Meistertitels

Rund 7.000 der 30.000 Betriebe sind erst in den letzten zehn Jahren in den Markt eingetreten. Begonnen hatte der Zustrom bereits 2004, ausgelöst worden war er durch die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Abschaffung der Meisterpflicht in 53 von 94 Handwerksberufen. Raumausstatter gehörten ebenso dazu wie Fliesenleger und Gebäudereiniger und sie machten die gleiche Erfahrung: Viele Quereinsteiger hätten diese Gelegenheit genutzt und Unternehmen gegründet, darunter viele Ein-Mann-Unternehmen, erzählt Wolfgang Dapprich, Geschäftsführer der Raumausstatter- und Sattler-Innung Essen. „Schwarze Schafe“ seien natürlich auch darunter. Der Innung gehören 30 Betriebe an, die Zahl der im Innungsbezirk tätigen schätzt Dapprich auf 500. Viele Quereinsteiger beschränkten sich auf den Bereich Boden, aber, so Dapprich, mit dem Verlegen allein sei es ja nicht getan, man müsse bei Bodenbelägen die Gütesiegel beurteilen können. Potenziellen Auftraggebern rät er daher, sich genauestens über die ins Auge gefassten Unternehmen zu informieren: „Fragen Sie nach der Qualifikation. Nehmen Sie nicht den Billigsten! Achten Sie darauf, ob es ein Meisterbetrieb ist und ob er in der Innung ist. Der Meistertitel ist ein Qualitätssiegel.“ Seit Anfang 2020 gilt die Meisterpflicht wieder in mehr Gewerken, der Raumausstatter gehört dazu. Inzwischen machten auch wieder mehr Leute den Meister, berichtet Vowinkel, der nicht nur ZVR-Präsident ist, sondern auch Obermeister der Raumausstatter-Innung Rhein-Haardt.

Corona bringt neue Kunden

Als „befriedigend bis gut“ beschreibt Rainer Thom, Obermeister der Raumausstatter- und Sattler-Innung Essen, die Auftragslage. „Wir hatten Schlimmeres befürchtet. Als im März die Ladenlokale schließen mussten, bekamen alle Angst.“ Die erwies sich als unbegründet. „Weil die Leute nicht wegfahren konnten, haben sie zu Hause viel gemacht.“ In Thoms Betrieb etwa bekamen die Polsterer alle Hände voll zu tun. „Die Leute brachten ihre Lieblingssessel zum Aufpolstern und Neubeziehen, und auch Stühle. Polsterei ist nicht gerade billig, aber es gibt eben Stücke, an denen man einfach hängt.“ Vowinkel, zu dessen Betrieb zwei Ladengeschäfte gehören, berichtet von starker Nachfrage bei Sonnen- bzw. Blendschutz und Insektenschutz: „Durch die Corona-Krise verbringen die Menschen viel mehr Zeit zu Hause. Dann fällt ihnen auf, dass sie bei der Arbeit im Homeoffice die Sonne blendet. Oder wo renoviert werden müsste. Und wenn man ohnehin zu Hause ist, kann man ja auch den Handwerker kommen lassen.“ Die Terminfindung sei wesentlich einfacher gewesen als sonst, erzählt er, Probleme bereiteten lange Lieferzeiten für die benötigten Materialien.

Trends auf der Fläche

Bei den Bodenbelägen, so Vowinkel, gehe der Trend hin zu glatten, und bei Gardinen weg von Organza und anderen sehr feinen Stoffen. Angesagt sind Materialien wie Leinen, Wolle, Velours und Samt. Gardinen sind zunehmend gefragt, allerdings weniger als Sicht- und Sonnenschutz oder optisch ansprechende Fensterdekoration, sondern zur Verbesserung der Raumakustik. In vielen Neubauten sind Betonböden, glatte Bodenbelege – Vinyl, PVC, Laminat, Linoleum, Parkett – und große Fensterflächen Standard. Unschön daran ist: Es hallt. Hallende Räume sind aber nicht behaglich. „Im Neubau merkt man das erst, wenn man drin wohnt“, weiß Rainer Thom. Gardinen dämpfen den Schall und tragen zu einem angenehmeren Raumklang bei, desgleichen Wandbespannungen, Kork- und Akustiktapeten. Thom rechnet mit wachsender Nachfrage für die akustische Nachrüstung von Wohn-, aber auch von Geschäftsräumen – „da wird noch eine Menge kommen.“

Licht und Sound

Dass sich hier ein lukratives Betätigungsfeld entwickelt, diese Einschätzung teilt auch der mit der Branche vertraute Unternehmensberater Dieter Perk (Osnabrück). Das Thema Akustik habe das Potenzial eines Alleinstellungsmerkmals, findet er und rät dazu, entsprechende Expertise auf- oder auszubauen und sie offensiv zu vermarkten, etwa durch die Zertifizierung als geprüfter Akustikberater. Analog dazu ist Beleuchtung ebenfalls ein Gebiet, auf dem es sich lohnt, mittels Spezialisierung und erweiterter Fachkompetenz das Unternehmensprofil zu schärfen. Licht beeinflusst den Biorhythmus, das Wohlbefinden und die Leistungskraft. Gutes Licht fördert sie, schlechtes beeinträchtigt sie. Die richtige Beleuchtung ist also eminent wichtig. Moderne Lichtmanagement-Systeme ermöglichen, durch Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur Tageslicht zu simulieren.

Büros in 3D-Ansicht

Simulieren lässt sich auch der Rundgang durch eine neue Wohnung oder ein neues Büro. 3D-Programme machen es möglich und erlauben dem Kunden, Veränderungen vorzunehmen und herumzuprobieren. Diese Tools werden aber nach Meinung Dieter Perks in der Kundenberatung viel zu selten genutzt: „Die Digitalisierung in der Beratung mit Mitteln der Virtual und Augmented Reality wird noch zu wenig als Chance gesehen.“ Vielleicht ändert sich das ja, wenn die Raumausstatter-Kompetenz bei der Umgestaltung der Bürolandschaften gefragt ist. Digitalisierung und die flächendeckende Verlagerung von Arbeit in Homeoffices legen die Axt an die bisher übliche Bürostruktur mit vielen Schreibtischen und Einzelbüros. Stattdessen werden „Meeting Points“ benötigt, um Teamtreffen der Homeworker durchzuführen, kommunikationsfördernde Bereiche, um das soziale Miteinander im Betrieb zu unterstützen, aber auch Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten. Auch in mittelständischen Unternehmen sind die neuen Formen der Arbeit ein großes Thema. Und mittels 3D-Visualisierung lässt sich selbst bei eingefleischten Skeptikern wertvolle Überzeugungsarbeit leisten.
Anne Schneller | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 05/2020