Gesundes Schlafen: Work-Life-Sleep in Balance?

Immer mehr Unternehmen erkennen die Bedeutung von gesundem Schlaf. Das ist auch gut so, denn ohne ihn leidet die Produktivität – und nicht nur die!
(Foto: ©oatawa – stock.adobe.com)
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Noch hat Schlafen ein Imageproblem in unserer Leistungsgesellschaft: Viele Menschen assoziieren damit unproduktive Zeit, ja sogar Faulheit. Gleichzeitig zeigen Statistiken, dass Schlafstörungen omnipräsent sind: Dem Gesundheitsreport 2017 der DAK zufolge klagen rund 30 Prozent der männlichen und 40 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen (Befragung von rund 5.200 Erwerbstätigen zwischen 18 und 65 Jahren) über Störungen beim Ein- oder Durchschlafen. Über 80 Prozent dieser Menschen haben damit schon länger als ein Jahr Probleme. Das alles hat dramatische Folgen für unsere Gesundheit – und damit auch für unsere Leistungsfähigkeit. In den letzten Jahren jedoch scheint sich zunehmend Verständnis zu entwickeln für die Bedeutung von Schlaf. Die bekannte Verlegerin Arianna Huffington etwa sagt: „Wir brauchen eine Schlaf-Revolution!“ Ihr Bestseller aus dem Jahr 2016 reiht sich ein in eine Vielzahl von Büchern zum Thema Schlaf, die derzeit erhältlich sind (siehe Info-Kasten). Das Einrichtungshaus IKEA wirbt aktuell in großem Format für eine bessere „Work-Life-Sleep-Balance“. In Kalifornien wurde kürzlich der Schulunterricht nach hinten verlegt, um dem natürlichen Schlafbedürfnis der Jugendlichen besser zu entsprechen – auch DIE WELT diskutierte Anfang November über ein derartiges Modell in Deutschland. „Schlaf wird das Gesundheitsthema der nächsten zehn Jahre. Bewegung, Stress und Ernährung standen schon im Fokus. Nun geht es für die Unternehmen darum, das Potenzial der Schlafoptimierung für sich zu nutzen“, sagt Dr. Utz Niklas Walter, Schlafexperte und Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) mit Standorten in Konstanz und Eckernförde.

Warum gesunder Schlaf so wichtig ist

Dass wir rund ein Drittel unseres Lebens mit Schlafen verbringen, hat gute Gründe. Während wir schlummern, regenerieren und reparieren wir unseren Organismus, und unser Gehirn verarbeitet Erlebtes. Wenn dieses komplexe System dauerhaft empfindlich gestört wird, hat das weitreichende Folgen für Körper und Geist. Zum Beispiel nimmt die kognitive Leistungsfähigkeit ab, die Stimmung ist getrübt, das Risiko für Depressionen steigt. Schlafstörungen bringen unser Immunsystem aus dem Gleichgewicht, fördern Übergewicht und begünstigen zahlreiche Erkrankungen. Zum Beispiel im Bereich Herz-Kreislauf: „In unserer Cardiopraxis beschäftigen wir uns auch intensiv mit dem Schlaf, weil eine zu kurze Schlafdauer und/oder eine schlechte Schlafqualität auch einen wesentlichen Einfluss auf Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und auf das Risiko für einen Herzinfarkt hat“, sagt PD Dr. Frank-Chris Schoebel, einer der Inhaber der Cardiopraxis mit Standorten in Düsseldorf und Meerbusch. Er hält es auch für immens wichtig, dass Menschen ihre genetisch festgelegte „innere Uhr“, also ihren Chronotypen, kennen und entsprechend danach leben: Sind sie etwa eher Frühaufsteher (Lerche) oder Nachtmenschen (Eulen)? Denn wer sein Leben lang gegen seine eigene Genetik ankämpft, schadet ebenfalls seiner Gesundheit.

So fördern Betriebe gesunden Schlaf

Eine der größten Errungenschaften des Betrieblichen Gesundheitsmanagements in Deutschland ist aus Sicht vieler Experten die Einführung der Gleitzeit in zahlreichen Unternehmen. Die Lerche kann so schon um sechs Uhr produktiv sein, die Eule legt erst am Abend richtig los – zum Beispiel. „Den Chronotypen sollten Unternehmen schon bei Stellenausschreibungen berücksichtigen – vor allem wenn sie auf der Suche nach Schichtarbeitenden sind. Damit tun sie sich und dem zukünftigen Mitarbeiter einen großen Gefallen“, sagt Dr. Utz Niklas Walter. Für mindestens genauso wichtig wie den nächtlichen Schlaf hält der Experte das Thema Napping: „Wer zwischendrin, etwa in der Mittagspause, 15 Minuten schlummert, steigert seine Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit beträchtlich. Wissenschaftlich nachgewiesen sind Leistungsverbesserungen von bis zu drei Stunden, sofern man den Kurzschlaf wirklich auf 15 Minuten begrenzt.“ Betriebe sollten dafür ruhige Räumlichkeiten mit Liegemöglichkeiten bereitstellen, denn dann ist Napping am effektivsten. Oft wissen Beschäftigte aber gar nicht genau, welches individuelle Schlafverhalten sie haben und wie wichtig gesundes Schlafen ist. Um dafür zu sensibilisieren, können Betriebe entsprechende Angebote bereitstellen bzw. über externe Dienstleister anbieten. Mögliche Maßnahmen reichen dabei von Fachvorträgen über Einzelberatungen direkt an den Arbeitsplätzen bis hin zu „Schlaf-Parcours-Aktionen“, bei denen Teilnehmende sich oft spielerisch mit dem Thema auseinandersetzen können. „Besonders effektiv sind solche Maßnahmen natürlich, wenn das Topmanagement persönlich mit gutem Beispiel vorangeht und die Bedeutung von gesundem Schlaf verdeutlicht“, erklärt Dr. Utz Niklas Walter.

Für einen gesunden Schlaf zuhause

Wer seine eigene innere Uhr kennt und akzeptiert, schafft schon mal eine gute Basis für gesundes Schlafen. Sehr wichtig ist aber auch, sich wohlzufühlen, bevor es ins Reich der Träume geht. Das fängt zuallererst bei der Gestaltung des Schlafraums an. Warme und natürliche Farben im Schlafzimmer beruhigen bereits optisch. Möglichst unbehandelte Vollholz-Möbel sind nach Ansicht vieler Schlafexperten empfehlenswert. Eine ausreichende Belüftung und angenehme Temperatur spielen ebenso eine große Rolle. Hier gibt es zwar individuelle Unterschiede, als ideal gelten aber Zimmertemperaturen zwischen 15 und 18 Grad Celsius und eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 50 Prozent in unseren Breitengraden. Es gibt zahlreiche Fachgeschäfte, die bei einer optimalen Gestaltung beratend zur Seite stehen. Mindestens genauso wichtig ist es aber auch, Störfaktoren für einen schlechten Schlaf zu beseitigen. Zum Beispiel sollte man nicht zu spät essen und dabei möglichst auf Alkohol, Koffein und scharfe Gewürze verzichten. Lärmquellen gilt es aus dem Schlafzimmer zu verbannen, ebenso Elektrosmog. „In den letzten Jahren hat der Einsatz von Computerlicht mit seinem hohen Blauanteil zur Störung des natürlichen Schlafs beigetragen“, erklärt PD Dr. Frank-Chris Schoebel. „Abhilfe schaffen kann die Blaufilterfunktion bzw. Night-Shift-Funktion, die die Blauanteile herausfiltert.“ Noch besser wäre es, digitale Devices aus dem Schlafzimmer komplett zu entfernen. Auch die Psyche kann ein Störfaktor sein: Wer gerade viel Stress empfindet und Sorgen mit sich rumträgt, kann zum Beispiel vor dem Schlafen eine Art Tagebuch schreiben – und den Geist dadurch etwas befreien. Die Ursachen für Schlafstörungen aktiv angehen ist immer zielführender, als zu Hilfsmitteln wie Schlaftabletten zu greifen. Wer diese Dinge berücksichtigt, seinem Chronotyp gemäß sieben bis acht Stunden in der Nacht schläft und vielleicht sogar Napping in sein Leben integriert, ist definitiv produktiver. Thomas Corrinth | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 08/2019