Logistik-Innovation: Potenziale heben

Durch intelligente Logistik ermöglicht es Unternehmern, neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die zuvor überhaupt noch nicht möglich waren.
(© Dilok – stock.adobe.com)
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Man mag es ja kaum noch hören: „Die Corona-Pandemie hat zu einer komplett neuen Bewertung der Situation geführt!“ Und selbst wenn es nur ein Perspektivwechsel ist: Viele Dinge muss man heute aus einem anderen Blickwinkel betrachten als vor Corona. So führte uns die Pandemie klar vor Augen, wie fragil der globalisierte Warenverkehr ist. Fällt nur ein Glied der Kette aus, so verliert die ganze „Supply Chain“ das Gleichgewicht. Es muss sich nur ein Container-Schiffsgigant für ein paar Tage im Suezkanal verkanten und schon bricht das nächste Glied. Der Brexit tut sein Übriges und schadet massiv den einst so gut funktionierenden Handelsbeziehungen zwischen der Insel und Rest-Europa. Die Logistik spielt in allen Branchen eine wichtige Rolle und der Wunsch, mögliche Krisen durch vorausschauendes Handeln präventiv zu vermeiden, ist das Ziel einer Vielzahl digitaler Anwendungen, die mittels Datentransparenz eine bessere Planung möglich machen sollen. Es geht am Ende darum, die durchgängige Verfügbarkeit von Waren gewährleisten zu können, um nicht durch einen schlechten Lieferservice oder zu hohe Preise den Kunden zu verlieren.

Der E-Commerce-Boom

Komplikationen in den etablierten Prozessen sind für alle Marktteilnehmer teuer und ineffizient. Ein Ventil haben dabei in der Pandemie all die Anbieter geöffnet, die möglichst schnell und erfolgreich auf Online-Vertrieb umschalten konnten oder hier bereits über langjährige Erfahrungen verfügten. Nach einem schwachen ersten Quartal 2020 erlebte der E-Commerce bei Produkten des täglichen Bedarfs in der ersten Corona-Welle mit 51,2 Prozent Zuwachs einen regelrechten Boom. „E-Commerce hat sich im zweiten Quartal nachhaltig als zusätzliche Versorgungs-Infrastruktur etabliert“, fasst Christoph Wenk-Fischer zusammen. Er ist Hauptgeschäftsführer des E-Commerce-Verbandes bevh und analysiert: „Das zeigt sich nicht nur an den absoluten Zahlen, sondern auch am erklärten Willen der Konsumenten, auch künftig mindestens so viele, wenn nicht mehr Güter des täglichen Bedarfs und Medikamente online zu kaufen.“ Einen dramatischen Einbruch um 71,6 Prozent erlebten jedoch gleichzeitig die Anbieter digitaler Dienstleistungen wie elektronischer Event-Tickets, Downloads oder Reise- und Hotelbuchungen. Außerdem hat man nun in vielen Branchen erkannt, dass es sinnvoll ist, die Produktion breiter aufzustellen und auch Kapazitäten in EU-Ländern mit vergleichsweise niedrigem Lohnniveau vorzuhalten. Dabei spielt auch die Einhaltung von Sozial- und Öko-Standards zunehmend eine Rolle, wie sie erst kürzlich mit dem neuen Lieferkettengesetz im Bundestag verabschiedet wurden.

Digitalradar Münsterland

Insbesondere für preisaggressive Konsumgüter ist die Produktion in Deutschland nach der Logik des etablierten Systems weitgehend unrentabel, es sei denn, bestimmte Produkte müssen oder können just in time zur Verfügung stehen. Hierbei sind Innovationen im Denken, Handeln und Produzieren gefragt, wie sie z.B. am Institut für Prozessmanagement und Digitale Transformation (IPD) der Münster School of Business (MSB) erforscht werden. Anwendungen für künstliche Intelligenz und digitalisierte Geschäftsmodelle, die heute zu einem Innovations-Turnaround genutzt werden können, präsentiert hier das „Digitalradar Münsterland“ an zahlreichen Beispielen vom 3D-Druck über Augmented-Reality- und Robotik-Lösungen bis hin zum sogenannten „Internet of Things“. Die unglaublichsten Produkte vom Maschinenersatzteil bis hin zum kompletten Zahnersatz werden heute bereits mit 3D-Druckern hergestellt, wobei die jederzeit vor Ort verfügbaren und kurzfristig abänderbaren digitalen CAD-Produktionsdaten frühere Transportwege für diese Gegenstände einfach unnötig machen. Das wirkt sich positiv auf das Klima, die Geschwindigkeit und den Preis aus. Durch die Nutzung der Drohnentechnologie haben sich vielerorts in der Industrie schon smarte Flugroboter für vielfältige Anwendungen etabliert, ob es sich um Kontrollflüge handelt oder die Lieferung von Paketen, für die sich kein Mensch und kein Fahrzeug mehr bewegen muss. Vergleichbar smart sind auch Einsparungen bei den Reiseaufwänden, die sich durch die bereits mehr als etablierten Videokonferenzen im Business ergeben haben oder durch Augmented-Reality-Anwendungen, mit denen z.B. von NRW aus eine Automationslösung am anderen Ende der Welt in Betrieb genommen werden kann. Auch Analyse-, Kontroll- oder Wartungsarbeiten an vernetzten Systemen lassen sich heute just in time per Datenbrille erledigen und bedürfen keiner Termin- oder Reiselogistik.

Die Potenziale im Unternehmen nutzen

„War die Logistik in den letzten Jahren stark von der Globalisierung geprägt, schlägt das Pendel nun offensichtlich in die andere Richtung aus und neben digitalen Lösungen werden die Vorteile der regionalen oder lokalen Lieferketten deutlich. Sie sind viel leichter beherrschbar als ein weltweit vernetztes System“, so Professor Dr. Wolfgang Buchholz, der zu digitalen Plattformen forscht. Dabei spielen auch Plattformen für eine Sharing Economy eine Rolle, bei der das Teilen von Dingen den Vorrang vor dem Kauf bekommt – auch hier verbunden mit einer Reduzierung von Aufwand für die Transportlogistik. Professor Buchholz: „Vielleicht war ja Corona auch ganz hilfreich, um zu erkennen, dass man hier mal Schritte in eine andere Richtung gehen sollte.“ In großen Technologiekonzernen beschäftigen sich heute ganze Abteilungen damit, innovative Applikationen und Produkte auf ihre Nützlichkeit für den jeweiligen Business-Case zu prüfen, bevor sie später auch von der Vielzahl kleiner und mittelständischer Unternehmen effizient genutzt werden können. Professor Buchholz möchte genau hier der regionalen Wirtschaft eine Hilfestellung geben und bietet mit dem neuen, berufsbegleitenden Masterstudiengang Digital Supply Chain Management (DigiSCM) eine einfache Möglichkeit für den Know-how-Transfer: „Nutzen Sie die Potenziale der Digitalisierung, didaktisch und logistisch“, lautet sein Appell an die Unternehmer der Region und dazu empfiehlt er das DigiSCM-Studium an der FH Münster als elegantes Mittel für die interne Personalentwicklung von innovativ denkenden und technisch interessierten Nachwuchskräften im Betrieb.
Emrich Welsing | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 03/2021