Finanzielle FREIHEIT: Nie mehr arbeiten müssen?

Finanzielle Freiheit hat ihren Preis, aber sie ist erreichbar. Wie sich ein Leben ohne Geldsorgen erreichen lässt, erklärt Geldcoach und Autorin Gisela Enders.
Foto: ©gguy  – stock.adobe.com
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REGIO MANAGER: Sie haben in Ihrem Buch „Finanzielle Freiheit: Wie Menschen leben, die nicht mehr arbeiten müssen“ anhand von Interviews ganz unterschiedliche Wege zur finanziellen Freiheit beschrieben. Lässt sich finanzielle Unabhängigkeit allgemeingültig definieren?

Gisela Enders: Das ist je nach Mensch ganz unterschiedlich. Es gibt da keine eindeutige Definition, ich würde es aber so definieren, für Geld nicht mehr arbeiten zu müssen.

REGIO MANAGER: Finanziell frei bedeutet also nicht unbedingt reich.

Gisela Enders: Überhaupt nicht. Ich habe unter anderem Menschen interviewt, die von 500 Euro im Monat leben. Wer seine Ausgaben so gering hält, dass er nicht mehr braucht, benötigt auch nicht viel Kapital, um diese 500 Euro zu erwirtschaften. Es ist eine Lebensstilentscheidung, durch ein sehr sparsames Leben finanziell frei zu werden.

REGIO MANAGER: Wie funktioniert das?

Gisela Enders: Der zentrale Dreiklang bei der Erreichung der finanziellen Freiheit ist: Geld zu verdienen, viel zu sparen und das zu investieren und sich dabei mit dem Zinseszins zu motivieren. Den Zinseszins müssen wir nicht im Kopf berechnen – dafür gibt es Rechner im Internet. Und die zeigen einem, wie sehr es sich lohnt, schon in jungen Jahren monatlich 100 Euro monatlich beiseitezulegen und die mit 6 Prozent zu verzinsen, sprich in Aktien zu investieren. Man merkt dann plötzlich: 100 Euro, das ist so viel wie eine neue Jeans. Auf die könnte ich aber auch verzichten, ich habe nämlich schon vier im Schrank. Eine meiner Interviewpartnerinnen hat im Alter von 18 anhand einer Tabelle berechnet, wie lange sie Tagesgeld – damals noch mit sechs Prozent verzinst – ansparen müsste, um finanziell frei zu sein. Es kam heraus, dass sie dafür bis 40 sparen musste. Es hat etwas länger gedauert, aber mit 45 hatte sie ihr Ziel erreicht.

REGIO MANAGER: Legt, wer finanziell frei ist, dann die Beine hoch?

Gisela Enders: Nein. Vor allem bei denen, die zum Zeitpunkt des Interviews gerade finanziell frei geworden waren, setzte danach eine spannende Entwicklung ein: Alle haben wieder gearbeitet. Nach zwei oder drei Monaten Nichtstun merken viele, dass es mit 40 nicht so witzig ist, sich jeden Morgen zu überlegen: Sehe ich heute fern, mache ich einen Ausflug mit dem Fahrrad oder was sonst? Solche Menschen habe ich zwar auch interviewt, aber vor allem Deutsche gingen wieder arbeiten. Es könnte mit unserem Arbeitsethos zusammenhängen.

REGIO MANAGER: Ist finanzielle Freiheit vor allem für alleinstehende Gutverdienender möglich?

Gisela Enders: Diese Annahme ist verbreitet. Darum bin ich sehr froh, dass ich beispielsweise ein Pärchen mit zwei kleinen Kindern gefunden habe, das trotzdem finanziell frei geworden ist, noch bevor sie 40 waren. Die haben einfach sehr systematisch nacheinander Immobilien gekauft, sie geschickt abbezahlt und dabei sehr sparsam gelebt. Witzigerweise handelt es sich bei diesem Pärchen um eine Schottin – mit der sprichwörtlichen Sparsamkeit – und einen Rumänen. Der Mann berichtete auch, dass er arbeitsmäßig sehr reingehauen hat.

REGIO MANAGER: Auf dem Weg zur finanziellen Freiheit sollte man sich also mit 60- oder 80-Stunden-Wochen anfreunden?

Gisela Enders: Das haben viele meiner Interviewpartner gemacht. Die finanzielle Freiheit gibt es nicht ohne gewisse Einbußen. Man muss sich entscheiden: Sind das Einbußen, die mich stören? Und man muss geschickt verhandeln. Das hat der Rumäne geschafft. Er war selbstständig und sagte seinem Hauptauftraggeber: Ich suche dir jemanden, der meine Routinetätigkeiten übernimmt. Um ihn einzuarbeiten und für die schwierigen Aufgaben will ich in Zukunft das doppelte Geld, sprich ich will weniger arbeiten und das Doppelte verdienen. Das hat aber geklappt, weil es für den Auftraggeber trotzdem ein Mehrwert war.

REGIO MANAGER: Gibt es ein durchgängiges Muster bei allen Biografien in Ihrem Buch?

Gisela Enders: Ich finde ja: einen kritischen Blick auf unsere Konsumwelt. Man überlegt, was man wirklich braucht und hinterfragt viele Dinge, die in unserer Gesellschaft als gesetzt erscheinen, wie zum Beispiel: Wenn du deinen ersten Job hast, ziehst du in eine größere Wohnung und gönnst dir ein größeres Auto.

REGIO MANAGER: Inwieweit haben Ihre Interviewpartner auf dem Weg zur finanziellen Freiheit Lehrgeld zahlen müssen?

Gisela Enders: Da gibt es einen Meteorologen, der brauchte erst einen Wachschuss. Er hat immer Geld ausgegeben, so wie es kam, und bekam dann irgendwann am Geldautomaten kein Geld mehr. Dann hat er sich schlau gemacht, wie man Geld spart. Er kam darauf, es relativ systematisch in Aktien zu investieren. Es hat ihm Freude bereitet und nach einigen Jahren hatte er viel Geld zusammen. Das andere Moment war Sparsamkeit. Er hat aufgehört zu rauchen und sein Auto abgeschafft, hat also viele Konsumentscheidungen hinterfragt. Irgendwann war er dann finanziell frei. Bei ihm kam hinzu, dass er gesundheitlich angeschlagen war und seinem Unternehmen und seinen Kollegen seine Ausfallzeiten nicht aufbürden wollte. Er gehört zu denen, die nach Erreichen der finanziellen Freiheit drei Monate Pause gemacht haben. Inzwischen besteht sein Business darin, anderen Investmentstrategien zu erklären.

REGIO MANAGER: Wo lernt man, richtig anzulegen?

Gisela Enders: Die Informationen sind sehr einfach im Internet zu finden. Es kostet aber Zeit und den Mut, Glaubenssätze zu überwinden – etwa den, dass Aktien unsicher seien. Vor allem in Deutschland sieht man dabei das Risiko und weniger die Chancen. Von denen, die in Deutschland finanziell frei geworden sind, haben es mehr mit Immobilien als mit Aktien geschafft. Es liegt uns mehr und der Immobilienboom in den Ballungsräumen hat auch dazu beigetragen.

REGIO MANAGER: Welches Investment empfehlen Sie?

Gisela Enders: Es ist egal, welche Investmentform man sucht, Einzelaktien, ETFs … Man kann mit Optionen handeln, man kann es mit Kryptowährungen oder Immobilien machen, man kann selber eine Firma gründen und damit Wachstum generieren. Es ist Geschmackssache.

REGIO MANAGER: Was passiert, wenn man an die falschen Ratgeber gerät?

Gisela Enders: Geldbildung heißt nicht, zu einem Geldberater zu gehen, sondern sich selber schlau zu machen. Und diesen Leitsatz würde ich immer gelten lassen: Investiere nie in irgendwas, was du nicht verstehst.

REGIO MANAGER: Was halten Sie von den Vermögensabteilungen der Banken?

Gisela Enders: Die Vermögensabteilungen der Banken sind Verkaufsabteilungen. Die wollen Produkte verkaufen, mit denen sie Geld verdienen. Das ist ein ganz legitimes Geschäft, aber das Geschäft ist auf der Seite der Banken. Ich habe noch nie gehört, dass einer dabei das Gefühl hat, ein gutes Geschäft zu machen.

REGIO MANAGER: Haben Sie nur Menschen interviewt, die ihr Ziel mit Sparsamkeit und Konsumverzicht erreichen oder auch solche, die auf großem Fuß leben?

Gisela Enders: Ich habe eher nach den ganz normalen Menschen mit eher moderaten Durchschnittseinkommen geschaut. Ein Polizist aber hat mit Immobilien im Münchener Raum gut verdient. Nach seinem ersten großen Deal fuhr er mit einer Rolex und einem Porsche bei der Polizei vor. Er sagte, er wollte den anderen einfach mal zeigen, dass er auch als Beamter richtig Geld verdienen könne. Auf Facebook sehe ich, dass er hin und wieder dicke Autos kauft. Er ist eher nicht asketisch sparsam.

REGIO MANAGER: Gibt es Fehler auf dem Weg zur finanziellen Freiheit, die immer wieder auftreten und die man vermeiden sollte auf dem Weg zur finanziellen Freiheit?

Gisela Enders: Es haben alle Fehler gemacht. Und das ist gut so. Denn Fehler führen dazu, dass man die Angst vor Fehlern verliert. Bei Investments wird man Fehler machen. Das ist auch gar nicht schlimm. Denn wenn man die Fehler wieder korrigiert und daraus lernt, wird man danach weniger Fehler machen. Es ist eigentlich eher ein Problem, dass Menschen Angst davor haben, beim Investieren Fehler zu machen. Claas Möller | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2019