Prof. Dr. med. Siffert im Interview: Wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen, nutzen und davon profitieren

Der Mediziner Prof. Dr. med. Winfried Siffert ist seit über 16 Jahren Direktor des Instituts für Pharmakogenetik am Universitätsklinikum Essen. Im Interview spricht er über die Neurobiologie der Kommunikation sowie seine Tätigkeit als Coach und Kommunikationstrainer.
(© baluchis − stock.adobe.com)
(© baluchis − stock.adobe.com)

RM:Herr Professor Siffert, Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Neurobiologie und der Gehirnforschung. Nach mehreren speziellen Ausbildungen sind Sie nun schon seit knapp zehn Jahren auch als Coach tätig. Wie kam es dazu und wie würden Sie Ihre Rolle als Coach definieren?

Prof. Siffert: Ich bin eigentlich zu dem Thema gekommen, weil ich damals unter einer starken beruflichen Belastung gelitten habe und mir zu diesem Zeitpunkt jemand geraten hat, eine Coaching-Ausbildung zu machen, um besser mit der Situation umgehen zu können. Dabei lernt man ja unter anderem auch, wie man kommunizieren kann, besser auf die Signale des eigenen Körpers hört und vieles mehr. Nachdem ich diese Ausbildung gemacht hatte, haben mich das Thema und speziell die neurobiologischen Grundlagen davon sehr interessiert, und da bin ich dann vertieft eingestiegen. Bis ich dann letztlich auch noch eine ärztliche Psychotherapie-Weiterbildung gemacht habe. Beim Coaching handelt es sich im Grunde um Hilfe zur Selbsthilfe für Probleme unterschiedlichster Art, sei es privat oder beruflich. Vielen Menschen ist zwar bewusst, dass sie ein Problem haben oder irgendetwas nicht stimmt. Sie haben aber Schwierigkeiten, das konkret für sich zu formulieren, und sehen häufig keinen Ausweg aus der Situation bzw. wissen nicht, wie sie das Problem allein lösen sollen. Genau das wird dann beim Coaching bearbeitet.

RM: Eines Ihrer zentralen Themen als Dozent und Coach ist die Neurobiologie der Kommunikation. Könnten Sie dieses Konzept einmal näher erläutern?

Prof. Siffert: Meiner Erfahrung nach entstehen die meisten Probleme und Konflikte aufgrund von Fehlern in der Kommunikation. Normalerweise geht man ja davon aus, dass bei der Kommunikation das Gesagte vom Gegenüber einfach nur gehört und dann mithilfe einer Art „Wörterbuch“ im Gehirn in eine Bedeutung übersetzt wird, die wir verstehen. Das ist auch richtig. Aber: Viele Wörter aktivieren beim Hören bestimmte Gehirnregionen, die z. B. mit Sinneseindrücken oder sogar der Motorik verknüpft sind. Das bedeutet im Grunde, dass bei der Kommunikation der ganze Körper beteiligt ist, was man auch als „Embodiment“ bezeichnet. Wenn man diese Zusammenhänge verstanden und auch eingeübt hat, dann kann man bewusst eine Sprache wählen, die beim Zuhörer zu einer körperlichen Aktivierung führt. Häufig ist dies bei Worten der Fall, die mit Körperbewegungen, Tönen oder Gerüchen verkoppelt sind. Die Verwendung solcher Worte ist dann viel eindrücklicher als die Verwendung von unkörperlichen und völlig abstrakten Begriffen. Das Wissen darüber hilft natürlich sowohl im Privatleben als auch im beruflichen Kontext. Daher behandele ich die Themen Neurokommunikation und empathische Kommunikation auch in meinen modular aufgebauten Seminaren, die ich für Unternehmen anbiete. In diesen Firmenseminaren kombiniere ich neueste Erkenntnisse aus der Medizin und Hirnforschung mit wirtschaftswissenschaftlichen Aspekten wie z. B. Erkenntnissen aus dem Projekt- und Prozessmanagement. Die Seminarthemen haben fast alle etwas mit Kommunikation zu tun. Es wird beispielsweise erörtert, wie man Konflikten und schwierigen Situationen kommunikationsgerecht begegnet, wie man überzeugend präsentieren und auftreten oder wie man seine Körpersprache und Rhetorik verbessern kann. In diesem Zusammenhang thematisiere ich auch die Psychologie des Überzeugens und das schon erwähnte Embodiment als Wechselwirkung zwischen Körper und Denken.

RM: Sie coachen nicht nur Privatpersonen, sondern bieten auch Coachings für Firmenkunden an. Welche Themen stehen dabei im Vordergrund?

Prof. Siffert: In der Tat sind es überwiegend Firmenkunden, die für ein Coaching an mich herantreten. Hier geht es beispielsweise um Themen wie die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit und Selbstsicherheitstrainings, Selbstmanagement und Optimierung des Zeitmanagements, Rollenflexibilität und Souveränität für Führungskräfte oder die Optimierung von Führungskompetenz. Auch die Stärkung der eigenen Konfliktfähigkeit sowie der Umgang mit belastenden Situationen und die Burnout-Prävention sind häufige Themen. Nicht selten ist es auch der Fall, dass berufliche und private Probleme sich überlagern. Im Unterschied zu einer Beratung liegt der Sinn des Coachings darin, dass der Coachee im Rahmen der Gespräche die Lösung für seine Probleme selbst findet, indem der Coach ihm neue Denkräume eröffnet. So kommt der zu Coachende von innen heraus unter einer genauen Betrachtung seiner Lebenswirklichkeit oder seiner beruflichen Situation zu bestimmten Schlussfolgerungen und erkennt, was er verändern möchte.

RM: Welche besonderen Zusammenhänge können Sie Führungskräften als Coach, der zugleich Facharzt für Physiologie und Pharmakologie ist, aufzeigen?

Prof. Siffert: Natürlich nützt mir mein wissenschaftlicher Background beim Coaching, da ich sehr viele sozialpsychologische Studien im Original gelesen und mir ein umfassendes Hintergrundwissen angeeignet habe. Insofern kann ich vieles aus einem anderen Blickwinkel sehen. Zum Beispiel kann ich erkennen, ob bei einem Coachee eventuell eine Anpassungsstörung oder eine Depression vorliegt und derjenige vielleicht ärztliche Hilfe benötigt. Ich glaube aber, dass meine psychotherapeutische und sexualmedizinische Ausbildung mir beim Coaching mehr von Nutzen ist als mein fachspezifisches medizinisches Know-how. Davon abgesehen muss ein guter Coach natürlich unbedingt die eigenen Grenzen kennen. Er muss in der Lage sein zu erkennen, ob die Problematik, die der Coachee beschreibt, seine Kompetenzen übersteigt und der zu Coachende sich besser an einen Psychiater wenden sollte. Als Coach muss man sich voll und ganz auf sein Gegenüber einstellen können und darf auch ruhig ein bisschen provokativ sein, weil das Ganze ja keine todernste Sache sein soll. Man kann zum Beispiel fragen: „Stellen Sie sich doch mal vor, Sie machen genauso weiter wie im Moment. Wo stehen Sie Ihrer Meinung nach dann in zehn Jahren?“ Schließlich darf beim Coaching auch mal gelacht werden; das tut dem Erfolg keinen Abbruch, eher im Gegenteil.

RM: Herr Professor Siffert, herzlichen Dank für das Gespräch.

Miriam Leschke | redaktion@regiomanager.de

Fotostrecke

Ausgabe 05/2021