Gamestop: Spaß am Spekulieren

Vom „Kampf der Kleinanleger gegen die Wall Street“ war beim Run auf die Gamestop-Aktie die Rede. Nun zeichnet eine aktuelle Studie der Universität Paderborn ein ganz anderes Bild.
Spekulativer Kursverlauf der Gamestop-Aktie (© asiraj  – stock.adobe.com)
Spekulativer Kursverlauf der Gamestop-Aktie (© asiraj – stock.adobe.com)
„Game over“ hieß es Ende Juni für den Londoner Hedgefonds-Anbieter White Square Capital. Das Haus machte seinen Hauptfonds dicht, das eingeflossene Kapital soll im Juli an die Investoren ausgezahlt werden, wie die Financial Times berichtete. White Square gehörte der Wirtschaftszeitung zufolge zu den Hedgefonds, die sich zu Jahresbeginn bei Zockereien mit Aktien des US-Händlers für Videospiele Gamestop die Finger verbrannt hatten. Mit Gamestop habe das Aus nichts zu tun, betonte Fondsmanager Florian Kronawitter nach dem Bericht der Financial Times in einem Brief an seine Anleger zwar. Der Hedgefonds habe sich von den Verlusten einigermaßen erholt und sogar frisches Geld bekommen. Grund für die Schließung sei vielmehr, dass das Geschäftsmodell insgesamt nicht mehr funktioniere. Klar ist aber, dass Kronawitter zu seinen besten Zeiten 440 Millionen US-Dollar verwaltete und mit Wetten gegen Gamestop Verluste im zweistelligen Prozentbereich verbuchen musste. Doch was genau war im Januar 2021 passiert? White Square Capital und weitere Hedgefonds wie Melvin Capital hatten sich bei Wetten gegen Gamestop verzockt. Die Investoren hatten darauf spekuliert, dass die Aktie des Videospielehändlers im Kurs fallen würde, und hatten das Papier daher „leerverkauft“. Bei solchen Leerverkäufen leihen sich Investoren wie Hedgefonds Aktien bei anderen Fonds und veräußern sie. Dann warten sie ab, bis der Kurs wie vermutet sinkt, kaufen die Aktie möglichst günstig ein und geben sie dem Verleiher zurück. Die Differenz aus Verkaufs- und Kaufpreis abzüglich einer Leihgebühr ist ihr Gewinn.

Investoren in der Bredouille

Solche Leerverkäufe sind für Hedgefonds nichts Ungewöhnliches und bescheren ihren Investoren meist recht gute Erträge. Im Falle der Gamestop-Aktie ging das Spiel jedoch anders aus. Kleinanleger hatten sich online im Reddit-Forum Wallstreetbets vernetzt. Die Community trieb den Kurs des Videospielehändlers durch konzentrierte Käufe immer weiter in die Höhe, sodass professionelle Investoren wie White Square Capital, die auf fallende Aktienkurse gesetzt hatten, in die Bredouille kamen. Der Kurs des Gamestop-Papiers verzehnfachte sich innerhalb weniger Tage und koppelte sich von der tatsächlichen Geschäftsentwicklung des Videospielehändlers vollkommen ab. Den Hedgefonds brachte die Wette auf Gamestop zum Teil enorme Verluste. Für Beobachter hingegen war die Zockerei der beteiligten Parteien eine spannende Spekulationsschlacht. Diese sorgte für so viel Aufsehen, dass sich nun sogar die Universität Paderborn in einer Studie mit der Gamestop-Wette beschäftigt hat. Die Wirtschaftswissenschaftler um Matthias Pelster, Professor am Department „Taxation, Accounting and Finance“ der Universität Paderborn, untersuchten, wer an der Spekulation teilgenommen hat und wie sich die Anleger verhalten haben. Zudem nahmen sie unter die Lupe, inwieweit sich die persönlichen und handelstechnischen Merkmale der Investoren von denen regulärer Kleinanleger unterscheiden. Die Ergebnisse zeigten, dass der Vorfall – anders als in den Medien häufig dargestellt – kein Protest gegen die Wall Street gewesen sei, sondern spekulativer Handel einer Gruppe von Kleinanlegern, schreiben die Studienautoren. Aus Sicht der Forschung ist das Ereignis Professor Pelster zufolge deshalb so interessant, weil es den ersten Fall von „räuberischem Handel“ darstellt, der Kleinanlegern zuzuschreiben ist. „Man spricht hier von ‚Predatory Trading‘, das dann auftritt, wenn Anleger dem Markt Liquidität entziehen, anstatt sie bereitzustellen, indem sie in die gleiche Richtung wie ein – möglicherweise Not leidender – Großanleger handeln, um ihn zur Liquidation zu zwingen“, erläutert Professor Pelster. Die Liquidation führt zu einem Überschießen des Preises, was es den „Räubern“ ermöglicht, Gewinne zu realisieren.

Identität und genaue Motive nicht bekannt

Interessant ist auch: Trotz der immensen Aufmerksamkeit der Medien, die die Kleinanleger auf sich gezogen haben, bleiben ihre Identität und ihre Motive in Bezug auf die Gamestop-Aktie im Verborgenen, denn diese konnte die Studie nicht genauer ermitteln. Die Aktion der Community habe aber klar gezeigt, wie Kleinanleger durch eine Vielzahl von Käufen und Verkäufen, den sogenannten Orderflow, innerhalb kürzester Zeit die Aktienkurse bewegen können, so die Autoren. Sehr wahrscheinlich sei es, dass die Gamestop-Händler bereits in der Vergangenheit häufig in spekulative Instrumente investiert hätten, darunter in Aktien mit lotterieähnlichen Merkmalen. Die Untersuchung zeigt auch, wie sich das Profil der Kleinanleger mit zunehmender Medienpräsenz geändert hat. Anfang Januar hätte eine Vielzahl von Kleinanlegern sogenannte Short-Positionen gegen Gamestop eingenommen. Sie setzten also genauso wie die großen US-Investoren auf sinkende Kurse. Der in den Medien heraufbeschworene Kampf der Kleinanleger gegen die Wall Street sei daher eine eher unvollständige Beschreibung, so Professor Pelster. Zudem schlossen gerade die spekulativen Anleger ihre Short-Positionen bereits vor dem Höhepunkt der Episode im Januar 2021. „Das wiederum legt nahe, dass die Entscheidung, mit Gamestop-Aktien zu handeln, mit einer Anziehungskraft des Glücksspiels am Aktienmarkt einhergeht“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Nicht nur räuberische Interessen

Um die jeweiligen Entscheidungen der Kleinanleger zum Handel mit Gamestop-Aktien zu identifizieren, haben die Forscher bestimmte statistische Analyseverfahren angewandt. Dabei nahmen sie verschiedene Zeiträume unter die Lupe, um die unterschiedlichen Phasen des Börsenrauschs zu erfassen. „Wir haben zu jeder Zeit Käufe und Verkäufe beobachten können“, erläutert Professor Pelster. Einige der Gamestop-Investoren, die Teil der Stichprobe waren, hätten sicherlich keine räuberischen Interessen verfolgt. „Bei unseren Studien haben wir uns nur auf Privatanleger konzentriert und können daher nicht sagen, wie sich institutionelle Anleger verhalten haben.“ Klar sei aber, dass es tatsächlich Kleinanleger waren, die den Short Squeeze, also die Angebotsknappheit des Gamestop-Papiers, verursacht haben. Seit dem Kursabsturz von Anfang Februar hat die Gamestop-Aktie zwar kleinere Höhen und Tiefen verzeichnet, bewegt sich aber kontinuierlich nach oben. Gamestop selbst hat Ende Juni bei seiner zweiten Aktienausgabe innerhalb weniger Monate fünf Millionen neue Aktien verkauft und rund 1,126 Milliarden US-Dollar an Kapital eingesammelt. Und welche Lehre können deutsche Privatanleger aus der spektakulären Geschichte ziehen? Im Grunde nur die eine: Sie sollten den Spaß am Spekulieren besser den Spekulanten lassen – und ihr Depot weiterhin breit diversifiziert aufstellen.
Andrea Martens | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 03/2021