Parallelwelten: Einfach zu doof

Julia Dombrowski weiß manchmal nicht, dass sie nichts weiß. Und damit ist sie absolut nicht allein.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski
Ist doch auffallend: Es kommt eigentlich so gut wie nie vor, dass ein Autofahrer seine eigenen Fahrkünste für weniger als mindestens souverän hält. Grundsätzlich gilt: Schuld sind immer die anderen! Die anderen nämlich fahren wie die letzten Idioten, passen nicht auf, sind rücksichtslos und überhaupt eine pure Zumutung. Ich jedenfalls habe höchst selten erlebt, dass ein Fahrer, in dessen Gesellschaft ich mich gerade befinde, eigene Unaufmerksamkeit, Rücksichtslosigkeit oder Idiotie feststellen würde. Nicht, dass ich dafür kein Verständnis hätte: Ich bin ja schließlich auch selbst eine hervorragende, umsichtige Fahrerin. Und wie steht’s mit Ihnen? Sie haben doch auch immer alles im Blick und unter Kontrolle, oder? Dieser weit verbreiteten Selbsteinschätzung haben sich schon mehrere Studien gewidmet; eine repräsentative Befragung dazu erzielte ein beachtliches Ergebnis: 90 Prozent der Teilnehmenden fanden, dass sie zu den überdurchschnittlich guten Autofahrern gehören. Wenn nun aber 90 Prozent denken, sie wären besser als die allermeisten anderen – dann muss man nicht unbedingt ein Zahlengenie sein, um zu ahnen: Irgendwas stimmt da nicht. Wenn es ums Autofahren geht, erwischt der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt einen Mammutteil der Erwachsenenwelt in voller Breite. Die Herren Dunning und Kruger, nach denen dieser Effekt benannt ist, erklärten 1999 ein interessantes Phänomen: die Unfähigkeit, eigene Inkompetenz zu erkennen, bei gleichzeitiger Unterschätzung anderer Personen, die es besser machen. Kurz gesagt: Man muss bereits Kompetenz besitzen, um zu merken, dass man inkompetent ist. Wenn man die anderen für unfähig hält, ist man möglicherweise nur zu doof, ihre Überlegenheit zu erkennen. Und das Schlimme: Allein kann man sich kaum aus diesem Irrtum befreien. Dafür fehlt schließlich die Kompetenz. Au wei! Selbstverständlich beschränkt sich der Dunning-Kruger-Effekt nicht nur aufs Autofahren. Eigentlich begegnet er einem andauernd: Idioten allerorten, die nicht bemerken, wie idiotisch sie sind. Aber Moment – sind wirklich sie die Vollpfosten? Oder – ist man es nicht doch gerade selbst? Ein erkenntnistheoretisches Dilemma ohne Ausweg? Als Dunning und Kruger ihre Tests durchführten, haben sie ein bisschen damit experimentiert, wie man den Inkompetenten ihre Inkompetenz vor Augen führen kann. Sie ließen zunächst Probanden Logik-Tests absolvieren und baten danach die schlechtesten Teilnehmer um eine Selbsteinschätzung. Selbst als diejenigen, die sich nicht als die hellsten Birnen in der Leuchte erwiesen hatten, ihre Testergebnisse erfuhren, waren sie nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer Unfähigkeit realistisch einzuschätzen. Ist aber auch kein Wunder, ein Stück durchgedrehter Autofahrer steckt schließlich in schätzungsweise 90 Prozent aller Menschen. Erst als die Probanden Logik-Nachhilfe bekamen, näherte sich die Einschätzung der eigenen Fähigkeit ihrer tatsächlichen Leistung. Und was ist die Moral der Geschichte? Zum einen: Richtig klug war nur Sokrates, der wenigstens wusste, dass er nichts wusste. Zum anderen: Fahren Sie künftig lieber ein bisschen umsichtiger Auto – vorsichtshalber! Julia Dombrowski | redaktion@revier-manager.de

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Ausgabe 02/2016