Sicherheitsdienstleister: Wachen und Schließen 2.0

Der Sicherheitswirtschaft geht es gut: Ihre Umsätze steigen dank neuer Aufgaben und die Wertschätzung aus der Politik nimmt zu.
(Foto: Andrey Popov)
(Foto: Andrey Popov)
Bei den privaten Sicherheitsdienstleistern und bei Geld- und Wertdienstleistern arbeiten deutschlandweit rund 260.000 Beschäftigte. Der Umsatz der Branche lag 2018 bei 8,76 Milliarden Euro – eine bedeutende Steigerung im Vergleich zu 1990, als es umgerechnet erst 1,2 Milliarden Euro waren. Auf etwa 18 Milliarden Euro beläuft sich der gesamte Sicherheitsmarkt. Er umfasst neben den Sicherheitsdienstleistungen auch Waren, vor allem der Sicherheitstechnik.

NRW überproportional wichtig

Die Bedeutung Nordrhein-Westfalens als wirtschaftsstarkes und bevölkerungsreichstes Bundesland spiegelt sich auch in der Sicherheitsbranche wider: Etwa 750 der bundesweit 6.500 Sicherheitsunternehmen haben hier ihren Sitz und stellen 52.000 Beschäftigte, was etwa 20 Prozent der bundesweit Beschäftigten der Branche entspricht. Sie erzielen nicht weniger als 30 Prozent (2,54 Milliarden Euro) der bundesweiten Umsätze. Kein Wunder, dass hier auch traditionsreiche Unternehmen ihren Sitz haben, zum Beispiel die 1901 gegründete Kölner W.I.S. oder Kötter aus Essen, gegründet 1934.

Mehr Sichtbarkeit als früher

Sicherheitsdienstleister sind dann unterwegs, wenn die meisten Menschen schlafen – und dort, wo eher wenig los ist. Oberflächlich betrachtet stimmt dieses Bild auch heute noch, denn die Hälfte der Umsätze erzielt die Branche noch mit Objektschutz – also dem klassischen Aufgabenfeld, das man mit einer „Wach- und Schließgesellschaft“ verbindet. Allerdings wandelt sich das Bild: „Unsere Branche ist stärker in der Öffentlichkeit präsent als vor 20 Jahren“, meint Hauptgeschäftsführer Dr. Harald Olschok vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Private Sicherheitskräfte werden zunehmend im öffentlichen Personenverkehr eingesetzt. „DB Sicherheit“, eine Tochter der Deutschen Bahn, stellt zum Beispiel bundesweit an die 3.000 Kräfte. „In vielen Verkehrsverbünden werden inzwischen Private eingesetzt für die unterschiedlichsten Aufgaben, manchmal auch nur für die Kontrolle von Fahrausweisen“, so Olschok.

Die Folgen der Loveparade

Aber auch bei der Vorbereitung von Veranstaltungen werden fast immer Sicherheitskonzepte gefordert und zu ihrem Schutz ist der Druck auf die Veranstalter, sich gute Sicherheitspartner ins Boot zu holen, enorm gewachsen. Auslöser war hier vor allem die Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg 2010. Im Sommer 2019 kommt der Schutz von Schwimmbädern vor Gruppen vor allem junger Männer, die die Ordnung stören, als relativ neue Aufgabe hinzu. Viele Kommunen lassen private Sicherheitsdienste auf Streife gehen. Das ist nicht nur in gering besiedelten Gebieten im Osten Deutschlands ein Thema, wo sich die Polizei laut Olschok mancherorts aus der Fläche zurückgezogen hat. Die Reaktion der Politik bringt in solchen Fällen die Bürgermeister allerdings immer wieder dazu, doch wieder die Polizei einzusetzen, womit die privaten Sicherheitsdienstleister wieder draußen sind, so Olschoks Erfahrung. Insgesamt resümiert er: „In den deutschen Städten sind heutzutage in den Nachtstunden mehr private Sicherheitsfahrzeuge unterwegs als Polizeifahrzeuge.“ Er betrachtet dies nicht als Gegeneinander: „Qualifizierte private Sicherheitsdienste tragen zu einer wirkungsvollen Entlastung der Polizei bei.“

Aufwertung der Sicherheitswirtschaft

Für einen Meilenstein hält Hauptgeschäftsführer Olschok darum auch den Plan der im Bund regierenden Großen Koalition. Werden die Branchenbelange seit 1926 in der Gewerbeordnung geregelt, so ist nun ein eigenes Gesetz geplant: „Private Sicherheitsbetriebe leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit“, so steht es im Koalitionsvertrag. „Durch die Neuordnung der Regelungen für das private Sicherheitsgewerbe in einem eigenständigen Gesetz werden wir die Sicherheitsstandards in diesem Gewerbezweig verbessern und so für noch mehr Sicherheit und Verlässlichkeit sorgen.“ Künftig, so hofft Olschok, werde damit die Sicherheitsdienstleistungsbranche nicht mehr dem Bundeswirtschaftsministerium zugeordnet, sondern dem Bundesinnenministerium – also dem Fachministerium für innere Sicherheit.“

Verschärfung der Anforderungen

Die in der Öffentlichkeit stärkere Sichtbarkeit der Branche ist auch auf die Fluggastkontrollen auf den Flughäfen im Zeitalter eines weltweit stark ansteigenden Passagierwachstums nicht nur durch Billigflieger zurückzuführen. Diese Kontrollen, die nach den Attentaten des 11. Septembers 2001 international noch verschärft wurden, werden dadurch heute von viel mehr Menschen als früher bemerkt. Früher führten Angestellte der Landespolizeibehörden die Kontrollen durch, heute rund 9000 private Sicherheitskräfte im Auftrag der Bundespolizei. Mit der Ankunft vieler Flüchtlinge in Deutschland kamen auch Schutz- und Sicherheitsaufgaben in Flüchtlings-Sammelunterkünften hinzu. Die 2014 ans Licht gekommenen Vorkommnisse in einem Burbacher Asylbewerberheim, wo Sicherheitskräfte Bewohner misshandelten, haben inzwischen zu einer gesetzlichen Verschärfung der Anforderungen geführt. Führungskräfte in solchen Einrichtungen müssen nicht mehr nur ein Führungszeugnis vorlegen, sondern sich auch einer Regelanfrage beim Verfassungsschutz stellen. „Der Flüchtlingszustrom 2014/2015 hat die Umsätze der Branche um 40 Prozent erhöht, was natürlich absolut ungesund war“, meint Harald Olschok. „Da kamen auch Glücksritter, die versucht haben, großes Geld zu machen.“

Gepanzerte Transporte besonders sicher

Besonders stolz ist Harald Olschok – in Personalunion auch Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) – darauf, dass Deutschland bei gepanzerten Werttransporten das sicherste Land Europas ist. Dies führt er auf eine Verfeinerung der Sicherheitsvorschriften seit über 30 Jahren zurück. 2018 wurden 30 Milliarden Banknoten im Wert von knapp einer Billion Euro in 2500 Panzerfahrzeugen von A nach B gebracht – im Vergleich dazu sind die sechs Überfälle, die 2018 auf solche Werttransporte in Deutschland verübt wurden, gering; in Großbritannien waren es 161, in Italien 45.

Ausbildungsoffensive

Unterm Strich hat die Branche einen durchaus respektablen Ruf in der Öffentlichkeit. Der Aussage „Private Sicherheitsdienstleister sind unverzichtbar für die innere Sicherheit in Deutschland“ stimmten in einer Umfrage von Insa Meinungstrend 71 Prozent der Befragten zu – Frauen etwas häufiger als Männer. Um die Qualität langfristig zu sichern und zu heben, gibt es bereits seit 20 Jahren ein Qualitätsmanagement nach ISO 9001. Dem BDSW ist aber vor allem wichtig, dass es mit verschiedenen, neu geschaffenen Ausbildungen inzwischen von der Weiterbildung für Seiteneinsteiger bis hin zum Masterstudiengang eine regelrechte Ausbildungspyramide gibt. Hauptgeschäftsführer Olschok bedauert jedoch, dass die Suche nach geeignetem Personal und ausbildungswilligem Nachwuchs auch in dieser Branche nicht einfach ist. Immer leistungsfähigere elektronische Sicherheitsanlagen ermöglichen allerdings auch eine höhere Wertschöpfung und die Wegrationalisierung von Personal für einfache Überwachungstätigkeiten. In Nordrhein-Westfalen werden – Olschok führt dies auf eine starke Verhandlungsposition und -führung der Gewerkschaft ver.di zurück – fast durchweg die höchsten Tariflöhne gezahlt. Das macht den Beruf auf Dauer interessanter und erhöht die Qualität der erbrachten Dienstleistungen. Claas Möller | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 06/2019