Arbeiten im Urlaub: Immer erreichbar?

Viele Arbeitnehmer arbeiten auch im Urlaub. Was Arbeitgeber hierbei berücksichtigen sollten.
Arbeiten im Urlaub dient weniger dem Ziel,  sich von der Arbeitsbelastung zu erholen (Foto: ©olezzo– stock.adobe.com)
Arbeiten im Urlaub dient weniger dem Ziel, sich von der Arbeitsbelastung zu erholen (Foto: ©olezzo– stock.adobe.com)
Endlich Urlaub, zwei Wochen lang nichts tun! So stellen sich zwar viele Menschen gerne den Urlaub vor, die Realität sieht dann doch oft anders aus. Rund zwei Drittel der Arbeitnehmer geben an, auch im Urlaub für ihren Arbeitgeber erreichbar zu sein – so lautet ein Ergebnis der repräsentativen Umfrage des XING-Urlaubreports 2018 „Urlaub ohne Ende“. Nur 36 Prozent sind wirklich offline und nicht erreichbar. Immerhin 64 Prozent der Befragten geben zu, dass sie in den Ferien für Vorgesetzte und Kollegen erreichbar sind, zumindest in Ausnahmefällen. Und zwei Drittel von ihnen checken mindestens einmal pro Tag die E-Mails, um auf dem aktuellen Stand der Dinge zu sein. Das sind dann meistens auch die Arbeitnehmer, die vor dem Urlaub noch viel Stress im Job hatten oder die Sorge, ausstehende Aufgaben vor dem Urlaub nicht zu schaffen (das gaben 30 Prozent der Befragten an). Eine längere Auszeit oder ein Sabbatical würde gern ein Viertel nehmen – doch die Chancen stehen schlecht: In deutschen Unternehmen werden die Hälfte alle Sabbatical-Anfragen komplett abgelehnt, ein Drittel wird nur mit Einschränkung genehmigt. Interessant ist auch der Aspekt, wer eine längere Auszeit in Anspruch nehmen möchte. Das sind in der Regel nämlich nicht die Chefs und auch nicht Job-Einsteiger, sondern vielmehr Mitarbeiter ohne leitende Position sowie Teamleiter bzw. Mitarbeiter mit Führungsposition. In einer dänischen Studie unter 1.500 skandinavischen Führungskräften gaben 43 Prozent an, im Urlaub zu arbeiten. Jeder Vierte gab dabei an, rund ein Viertel der Urlaubszeit mit Arbeit zu verbringen. Elf Prozent arbeiten nach eigenen Angaben sogar die Hälfte der Urlaubszeit.

Fließende Grenzen

Der Urlaub dient der Erholung des Arbeitnehmers. Er soll sich von vorangegangenen Belastungen erholen und sich für kommende Aufgaben wieder fit machen. Daher ist es laut Bundesurlaubsgesetz auch verboten, dass ein Arbeitnehmer während seines Urlaubs einer anderen Erwerbstätigkeit nachgeht. Der Mitarbeiter soll sich also erholen – doch das Gefühl, erreichbar sein zu müssen, ist möglicherweise ein Stressfaktor, der der Erholung zuwiderläuft. So darf der Chef niemanden verpflichten, während des Urlaubs zu arbeiten. Selbst wenn das im Arbeitsvertrag schriftlich festgehalten wurde, so ist dieser Passus nicht rechtens, da es sich um eine gesetzliche Bestimmung handelt. Zu tolerieren ist in absoluten Notfällen jedoch, dass der Mitarbeiter im Urlaub telefonisch erreichbar ist, seine E-Mails abruft, liest und beantwortet. Auf der anderen Seite spielt hier wohl die moralische Verpflichtung eine größere Rolle als das Gesetz, ebenso wie die Angst, den Job zu verlieren. In den meisten Fällen ist es wohl eine unausgesprochene Erwartungshaltung, dass der Mitarbeiter zumindest teilweise erreichbar ist. Die Grenzen zwischen Entgegenkommen und Ausnutzen sind jedoch fließend. Ebenso wie die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem, die viele Mitarbeiter kaum mehr ziehen können. Zu beachten ist hierbei, dass auch im Urlaub das Arbeitszeitgesetz wirksam ist. Einzelne Arbeitsstunden im Urlaub können durch Freizeit oder Entgelt wieder ausgeglichen und als Überstunden bzw. Mehrarbeit verbucht werden. Bei Urlaubsabbruch wird wieder die Regelarbeitszeit aufgenommen. So kommt das Marktforschungsinstitut Innofact zu dem Ergebnis, dass Führungskräfte beispielsweise sich stärker flexibel zeigen müssen. Je mehr Verantwortung, umso häufiger kommt es zu Geschäftsreisen. So zeigt sich, dass Führungskräfte viel reisen, aber sich im Urlaub auch ebenfalls oft stören lassen. 56 Prozent haben aus beruflichen Gründen einen Urlaub bereits abgesagt oder verschoben, 38 Prozent sogar unterbrochen. Für 81 Prozent ist es selbstverständlich, auch im Urlaub erreichbar zu sein, sie arbeiten auch während der eigentlichen Erholungszeit. Es gibt auch Arbeitnehmer, die nehmen sich extra einen Urlaubstag, um Berufliches in Ruhe erledigen zu können.

Entspanntes Arbeiten

Der „Gesundheitsreport 2018“ der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt, dass der Anteil der psychisch bedingten Fehlzeiten wieder gestiegen ist – Stressempfinden, Angst und Belastungsstörungen sind hierfür die Auslöser. „Seit 2006 verzeichnet der Gesundheitsreport einen kontinuierlichen Anstieg der psychisch bedingten Fehlzeiten um rund 90 Prozent“, teilt die Krankenkasse mit. Und auch dass in Unternehmen nicht über das Thema „Arbeiten im Urlaub“ gesprochen wird, löst bei vielen Mitarbeitern Unsicherheit und negativen Stress aus. Daher sollten Mitarbeiter oder auch Vorgesetzte das Thema ansprechen und klären, wie viel Erreichbarkeit im Urlaub oder in der Freizeit erwartet wird. Vorgesetzte sollten hier auch mit einem guten Beispiel vorangehen. So kann innerhalb eines Teams auch geregelt werden, zu welcher Zeit niemand zu erreichen ist – die Führungskraft eingeschlossen. Mitarbeiter orientieren sich an dem Verhalten ihres Chefs. Ist dieser immer erreichbar, gehen sie davon aus, dass das auch von ihnen erwartet wird. Vorgesetzte machen zwar häufiger Überstunden, dennoch sollten sie ihre Mails an Mitarbeiter besser während der regulären Arbeitszeiten senden. Hilfreich kann es auch sein, einen Bereitschaftsplan zu erarbeiten, der dem Team Sicherheit für den Notfall gibt. Ob Urlaubszeit oder Krankheitsfall: Es ist immer hilfreich, wenn Kollegen sich gegenseitig vertreten können. Das können Vorgesetzte möglicherweise schon im Vorfeld und vorausschauend organisieren. Mitarbeiter sollten ihren Vorgesetzten darauf ansprechen, welcher Kollege wichtige Aufgaben während des eigenen Urlaubs übernehmen kann. Außerdem sollten Mitarbeiter, wenn sie unter dem Gefühl der ständigen Erreichbarkeit leiden, das Problem gegenüber ihrem Chef ansprechen und gemeinsam versuchen, eine praktikable Lösung zu finden. Karin Bünnagel | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 06/2019