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Serie – Geldanlage, Teil 1: Regionale Aktien

In Bekanntes investieren

Wer in Aktien investiert, sollte als Beimischung im Depot über Papiere von Unternehmen nachdenken, die aus der eigenen – und damit wohl bekannten – Region oder Branche stammen.



Vor zehn Jahren konnten sich wohl allerhöchstens Top-Wirtschaftsexperten vorstellen, dass die Krise am US-Häusermarkt auch deutsche Mittelständler in ein wirtschaftliches Tief ungeahnten Ausmaßes reißen würde. Doch so heftig die Krise ausfiel, so schnell stellten sich mittelständische Unternehmen hierzulande wieder auf die Beine. Heute, nicht einmal ein Jahrzehnt später, zeigen die Aktienindizes für kleine und mittlere Firmen – der S-Dax und der M-Dax –, dass der Mittelstand wirklich vorangekommen ist und wieder gute Zahlen schreibt. Angesichts der erfreulichen Zahlen stellt sich die Frage: Wie legen Firmenchefs erzielte Überschüsse eigentlich an? Eine Antwort darauf gibt die „Studie zum Finanzanlagenverhalten und Finanzanlagenbedürfnis mittelständischer Unternehmen“, die die Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Bielefeld und die Commerzbank 2017 zum achten Mal erstellt haben. Dafür wurden 10.000 Entscheider aus mittelständischen Unternehmen befragt. Die Mehrheit der Befragten schreibt einen jährlichen Umsatz zwischen 2,5 und 15 Millionen Euro und hat zehn bis 50 Mitarbeiter.

Höheres Anlagevolumen

Die Ergebnisse belegen, dass sich das Anlagevolumen deutscher Mittelständler dieser Größenordnung aufgrund der guten Erträge in den Jahren seit der Finanzkrise kontinuierlich erhöht hat. Zwar liegt das durchschnittliche Volumen mit rund 3,6 Millionen Euro aktuell unter der Summe des Jahres 2016 von knapp 4,7 Millionen Euro. Dennoch ist dies der dritthöchste Wert seit 2007. Auch bei der Wahl der Instrumente vollzieht sich allmählich ein Wandel. Hatten im Jahr 2016 rund drei Viertel der Befragten Geld in Fest- oder Termingeldkonten geparkt, so waren es ein Jahr später nur noch 58 Prozent. Angesichts von Guthabengebühren, die viele Banken inzwischen verlangen, klingt das plausibel. Auch die Risikobereitschaft mittelständischer Unternehmen beginnt sich zu verändern. So war 2017 erstmals rund ein Drittel der Befragten bereit, für einen Ertrag zwischen einem und zwei Prozent überschaubare Kursschwankungen in Kauf zu nehmen. Für eine Rendite von drei Prozent waren 22 Prozent sogar willens, stärkere Schwankungen zu akzeptieren. Auf Aktien haben die Befragten nach wie vor nicht so richtig Appetit. Immerhin waren 2017 aber neun Prozent der Studien-Teilnehmer in solche Unternehmenspapiere investiert oder wollten in Zukunft in Aktien anlegen. Das sind zumindest drei Prozent mehr als 2016. Wenn kleinere Mittelständler Überschüsse in Aktien investieren, dann bleiben sie meist in der eigenen Branche, haben Experten beobachtet. „Bei größeren Unternehmen mit Umsätzen von mehr als 250 Millionen Euro sieht die Sache schon anders aus“, sagt der Studienleiter Volker Wittberg, Professor an der FHM Bielefeld und Leiter des Instituts für den Mittelstand. Diese seien viel eher bereit, auch in Aktien internationaler Konzerne zu investieren.

Breit streuen

Natürlich sollten kleinere Unternehmen ein Wertpapierportfolio ebenfalls breit aufstellen, um über eine Diversifizierung das Risiko zu vermindern. Hier bieten sich etwa aktiv gemanagte Investmentfonds oder sogenannte passiv gemanagte börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF) an. Das Depot lediglich mit Aktien aus der eigenen Branche oder Region zu bestücken, wäre zu riskant. Schließlich würde das gesamte Portfolio im Falle einer Branchenkrise oder einer Konjunkturflaute in Deutschland oder der Region an Wert verlieren. Als Beimischung können regionale Aktien oder Papiere von Unternehmen derselben Branche aber durchaus interessant sein. Ein Grund dafür, über solche Papiere nachzudenken, ist die Tatsache, dass es deutlich leichter ist, sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, wenn sich ein Unternehmen, in das investiert wurde, ganz in der Nähe befindet. Das fängt schon damit an, dass Aktionäre etwa die Hauptversammlung besuchen können. Wer sein Geld zum Beispiel in die Papiere eines US-Konzerns anlegt, hat es da deutlich schwieriger.

Informationen fließen leichter

Auch zwischen den Hauptversammlungen bieten sich bei Unternehmen der Region oder eigenen Branche meist viele Informationsquellen. So können Aktionäre leicht die Berichterstattung in der regionalen Tageszeitung, in Verbandszeitungen oder Branchenblättern verfolgen. Eine Mitarbeit in einem Verband oder Verein vor Ort, die Teilnahme an Stadtratssitzungen oder einfach Gespräche mit anderen Firmenlenkern liefern manchmal einen Informationsvorsprung. Dabei sollte allerdings niemand vergessen, dass noch nicht veröffentlichte interne Infos, die dazu geeignet sind, den Kurs einer Aktie zu beeinflussen, ein absolutes Tabu darstellen! Wer sie nutzt, um sich Vorteile zu verschaffen, kann sich wegen Insiderhandels strafbar machen. Gut geeignet für ein Investment in regionale Papiere oder Aktien aus der eigenen Branche sind oft Unternehmen, die eine ähnliche Größe haben wie die eigene Firma – Mittelständler eben. Die Situation solcher Betriebe können Firmenlenker leichter beurteilen, als es bei international aufgestellten Großkonzernen der Fall wäre. Nicht zu vergessen ist dabei auch, dass gerade im deutschen Mittelstand oft echte Innovationsperlen mit viel Potenzial anzutreffen sind. Allerdings sollten Aktionäre in spe sich ausreichend Zeit für die Suche nach geeigneten Investitionsobjekten nehmen. Zwar gibt es in Nordrhein-Westfalen mehr mittelständische Unternehmen in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft, als vielleicht anzunehmen wäre. Investitionsfreudige Firmenlenker sollten sich aber intensiv mit dem Geschäftsmodell, den Kennzahlen und der Ertragslage eines Unternehmens auseinandersetzen, bevor sie tatsächlich Titel kaufen.

Eigene Kenntnisse richtig einschätzen

Wer sich nicht in der Lage fühlt, eine Aktiengesellschaft selbst wirklich gründlich unter die Lupe zu nehmen, tut gut daran, etwa einen externen Berater bei der Bewertung hinzuzuziehen. Dieser kann auch immer wieder einen Blick auf das Investment werfen. Auch um zu erkennen, wann die Zeit gekommen ist, sich von den entsprechenden Papieren wieder zu verabschieden. Denn auch wenn Informationen über Unternehmen mit lokaler oder branchentechnischer Nähe zur eigenen Firma leichter fließen: Aktienbewertung ist ein komplexes Unterfangen, für das die eigenen Kenntnisse eventuell nicht immer ausreichen. Nicht zuletzt ist es wichtig, sich genau anzuschauen, wo rund um den Globus ein Mittelständler aus der Region seine Umsätze erzielt und wo er einkauft. Sollte ein Großteil der Produktion ins außereuropäische Ausland geliefert werden oder werden dort etwa zahlreiche Rohstoffe oder Materialien bezogen, sind Wechselkursschwankungen zu bedenken. Allerdings dürften diese in der Regel nicht so häufig ins Gewicht fallen – bei Mittelständlern aus der Nachbarschaft. Andrea Martens | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 05/2018