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(Foto: contrastwerkstatt – stock.adobe.com)

Vorstellungsgespräch

Echtes Kennenlernen

Ein Vorstellungsgespräch will gut vorbereitet sein: Wie Sie ein echtes Kennenlernen ermöglichen statt unnötig Stress zu simulieren.



Büroalltag in „Dallas“: Der große Patriarch der Ewing-Dynastie wusste sein Imperium zu führen. An den Hierarchien gab es nichts zu rütteln, was sich auch in der straffen Büroorganisation im firmeneigenen Wolkenkratzer widerspiegelte. Schon der Weg ins Chefbüro wirkte einschüchternd. Wer die rustikale Höhle des Löwen betreten wollte, musste erst das Vertrauen der kritischen Vorzimmerdamen gewinnen. Ein Vorstellungsgespräch beim Ölbaron wäre selbst für hartgesottene Bewerber kein leichtes Unterfangen. Der Seriencharme der 80er-Jahre regt heute eher zum Schmunzeln an. In der Ära des Fachkräftemangels macht ein Auftritt nach Gutsherrenart einsam. Ein zeitgemäßes Vorstellungsgespräch ist kein Verhör. Im „Kampf um die Talente“ sollten Arbeitgeber ihren Sympathie-Bonus nutzen und das Gespräch auf Augenhöhe führen. „Warum sollte ich gerade Sie einstellen?“ ist eine berechtigte, wenn auch beim Bewerber wenig beliebte Frage beim Interview. Gut ausgebildete Fachkräfte sind sich in der Regel ihres Marktwertes bewusst. Sie treten selbstbewusst auf und drehen den Spieß auch gerne einmal um. Mit Fragen wie „Was macht Sie denn zum idealen Arbeitgeber?“ oder „Warum genau sollte ich gerade in Ihrem Unternehmen arbeiten?“ ist also durchaus zu rechnen. Wie für den Bewerber gilt daher auch für den Personalentscheider: Bloß nichts dem Zufall überlassen, gute Vorbereitung ist alles!

Arbeitgeberattraktivität zahlt sich aus

Zum einen gilt es, möglichst viel über einen Menschen zu erfahren – ganz gleich, ob es um die Einstellung eines Azubis, eines Vertriebsprofis, eines Bilanzbuchhalters oder einer Führungskraft geht. Zum anderen sollte sich der Personalsuchende nicht die Chance entgehen lassen, sein Unternehmen vorzustellen und ins rechte Licht zu rücken. Die Mühe lohnt sich, ob sich der Bewerber nun als Traumkandidat erweist oder nicht. Die Bewertung des Bewerbungsprozesses bzw. des empfundenen Bewerbungserlebnisses findet sich im Nu auf dem Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu.com und in diversen Social-Media-Kanälen wieder. Das trägt wiederum dazu bei, künftig potenzielle Mitarbeiter anzulocken oder abzuschrecken. Interessenten informieren sich heute im Netz genau, wie es anderen Bewerbern ergangen ist. Das persönliche Verhalten des Gesprächspartners, der wertschätzende Umgang und die Transparenz des weiteren Prozesses sind dabei wichtige Faktoren. Employer Branding ist das Zauberwort – nicht nur für die großen, multinationalen Player, sondern durchaus auch für kleine und mittelständische Unternehmen, die gute Mitarbeiter gewinnen und halten möchten.

Ort und Ablauf – von konventionell bis virtuell

Bei der Organisation, dem Ablauf und der Location des Bewerbungsgesprächs sind einstellende Unternehmen in den letzten Jahren experimentierfreudiger geworden. Beispielsweise bevorzugen manche ein Treffen im öffentlichen Café oder sogar beim Italiener – ein psychologischer Kniff, der beim Bewerber mitunter große Wirkung zeigt. Dieser fühlt sich auf neutralem Terrain und damit eher in der Komfortzone. Das nimmt eine Prise Stress aus der Situation und das Gespräch kommt auf natürlichere Weise in Schwung. Was für viele auf den ersten Blick unseriös wirken mag, wird immer häufiger praktiziert, und das nicht nur in der Agentur- und Kreativszene oder in Zweimannbetrieben. Den Bewerber in einer eher lockeren Atmosphäre abzuchecken liefert wertvolle Informationen über seine Soft Skills. Körperhaltung, Tischmanieren und die hohe Kunst des gepflegten Small Talks sagen in der Regel mehr über die Persönlichkeit aus als eine auf Hochglanz getrimmte Bewerbungsmappe. Lässt der Kandidat sein Smartphone währenddessen ausgeschaltet in der Tasche, ist das ein Plus, denn es zeugt von Etikette. Andererseits ist der digitale Lifestyle bereits im Recruiting angekommen.

Virtual Reality

Einige Unternehmen setzen die VR-Brille (Virtual Reality) ein, damit der Bewerber schon mit seinem potenziellen Arbeitsplatz auf Tuchfühlung gehen kann. Das Bewegtbild erlaubt den 360°-Rundgang durch Büros und Produktionshallen – und das ist beeindruckender, als in Broschüren zu blättern oder sich durch die Homepage zu klicken. Die Deutsche Bahn nutzt bereits seit Jahren die Hightech-Brille, um Interessenten ein realistisches Szenario des DB-Werks zu zeigen. Sogar das Vorstellungsgespräch selbst kann theoretisch in virtueller Umgebung stattfinden. Mithilfe der Datenbrille könnten Bewerber und Personaler von verschiedenen Orten aus ein Vorstellungsgespräch führen und dabei das Gefühl haben, sich gegenüberzusitzen. Zukunftsforscher halten das Szenario zumindest für realistisch. Was für Digital Natives eine willkommene Alternative sein kann, könnte für die Generation X allerdings schon abschreckend wirken. Die meisten Unternehmen bevorzugen noch immer das klassische Vorstellungsgespräch – im Chefzimmer oder zusammen mit dem Personalverantwortlichen und dem Kollegen aus der Fachabteilung im Besprechungsraum. Dass für eine ungestörte Atmosphäre, frische Getränke und Kaffee vorab gesorgt sein sollte, versteht sich von selbst.

Gesprächsvorbereitung: Information ist alles

Ein gutes oder ungutes Bauchgefühl hat durchaus seine Berechtigung – darf aber keinesfalls zum Maßstab werden. Seine Individualität macht einen Menschen unverwechselbar. Grund genug, sich für das Vorstellungsgespräch genügend Zeit zu nehmen, um den Bewerber näher kennenzulernen. So ausgiebig, wie sich ein ernsthaft interessierter Bewerber vorab über seinen Wunscharbeitgeber informiert, so sollte sich auch der Einstellende über den potenziellen Mitarbeiter informieren. Es kann nicht schaden, zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch so viel über sein Gegenüber in Erfahrung zu bringen wie möglich. Sein Motivationsschreiben noch mal aufmerksam durchzulesen, den Lebenslauf zu analysieren und daraus erste Fragen abzuleiten ist selbstverständlich.

Social Media aktiv nutzen

Darüber hinaus ist das Internet mit seinen Business-Plattformen und Social-Media-Kanälen eine willkommene Informationsquelle, um dem Bewerber auf den Zahn zu fühlen. Die Art seiner Präsentation im Internet von den eingestellten Fotos über gepostete Beiträge zu fachlichen, wirtschaftlichen oder politischen Themen bis hin zu Kommentaren sind ein wahrer Datenschatz, aus dem sich einiges ableiten lässt und der auch Fragen aufwerfen kann. Ein Unternehmen sucht nicht nur einen neuen Mitarbeiter – es ist auf der Suche nach der perfekten Besetzung, die dem Stellenprofil in hohem Maße entspricht. Ob in fachlicher oder persönlicher Hinsicht – bleiben in bestimmten Bereichen Zweifel an der Eignung, so sind diese Punkte abzuklären. Ein Vorstellungsgespräch darf nicht zum trivialen Frage-und-Antwort-Spiel werden. Viele interessante Fragen ergeben sich spontan aus der Gesprächssituation.

Fragen in petto

Dennoch sollte der Einstellende ein paar Fragen in petto haben, die den Bewerber aus der sprichwörtlichen Reserve locken. „Wo liegen Ihre Schwächen?“ gilt bereits als Klassiker unter den Stressfragen und kommt wenig überraschend. Wer sich nicht mit Standardantworten wie „Perfektion“ abspeisen lassen möchte, gräbt tiefer. „Wer ist Ihr Vorbild, und warum?“, „Erzählen Sie mir von Themen, an denen Sie gescheitert sind!“ oder „Was war das Verrückteste, was Sie je in Ihrem Leben getan haben?“ sind beispielsweise clevere Fragen, die es ermöglichen, die Persönlichkeit und den Charakter des Bewerbers besser kennenzulernen. Weitere vorbereitete – und im Idealfall vorab notierte – Fragen sollten so strukturiert sein, dass sie die Motivation und Leistungsbereitschaft des Bewerbers abklopfen, wie etwa „Was bedeutet für Sie Erfolg? oder „Auf welche Verdienste sind Sie weshalb besonders stolz?“, aber auch seine Soft Skills wie Belastbarkeit, Teamfähigkeit und Kundenorientierung in Erfahrung bringen.

Ausgabe 09/2018