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Digitaler Maßanzug

Online-Marketing, E-Commerce, 24/7-Entertainment – jedes erfolgreiche Unternehmen optimiert seinen digitalen Auftritt ständig, damit er passt wie ein Maßanzug. Internetagenturen sind die Maßschneider 4.0.



Im kommenden Juni ist es fünf Jahre her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet für uns alle als „Neuland“ bezeichnete. Peinlich, peinlich, fühlte sich doch in diesem Neuland schon damals beinahe die ganze Welt zuhause – oft sogar mehr als in der eigenen geografischen Heimat. Denn dieses innovative Land ist ständig so präsent, dass man sogar von einer „Neuwelt“ sprechen kann. Selbst unsere Kinder sind täglich in ihrer eigenen Internet-Welt unterwegs, wobei sie es oftmals gar nicht bemerken, wie weit sie sich dabei von der heimatlich-realen Welt entfernen. Wenn da nicht ab und an ein Verzweiflungsschrei aus dem Kinderzimmer zu hören wäre, wenn der heimische Router mal wieder nicht funktioniert: „Wer hat denn jetzt schon wieder das Internet kaputt gemacht!?“

Aber die Politik gelobt ja seit Jahren eifrig Besserung und betreibt die Digitalisierung unseres Lebens so intensiv, dass sich in Deutschland nun gleich fünf Ministerien darum kümmern. Sind flächendeckend schnellere Netzverbindungen, auch in ländlichen Regionen, dabei mehr als eine Herkules-Herausforderung? Sind sie die nächste große Wachstumschance für den Mittelstand? Eine künftige Bundesregierung müsse das Geld dort ausgeben, wo sich Wachstumspotenziale heben, Arbeitsplätze sichern und neue schaffen ließen, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf zur Jahresauftakt-Pressekonferenz des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, und er forderte „ein Jahr der Taten“: „Der Ausbau der digitalen Infrastruktur muss endlich vorankommen“. Ein Viertel aller Firmen habe noch immer keinen Zugang zu schnellem Internet. „Dieser Zustand ist absolut inakzeptabel. Von der künftigen Bundesregierung erwarten wir, dass sie zügig den Dialog mit den Netzanbietern intensiviert und Investitionsanreize für einen beschleunigten Ausbau setzt.“

Digitaler Wachstumskurs

Business ohne oder mit langsamem Internet-Anschluss? Das ist heutzutage für uns Unternehmer eine fremde Welt, in der wir uns nicht mehr wohl fühlen. Business mit dem Internet, das ist hingegen ein boomendes Geschäftsmodell für die Zunft der zahlreichen Internetagenturen in der Republik. „Der Wachstumskurs der Full-Service-Digitalagenturen in Deutschland ist ungebrochen“, berichtet denn auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V. mit Blick auf sein jährliches Branchenbarometer. Im „Internetagentur-Ranking 2017“ wird die fortschreitende digitale Transformation als „einer der Haupttreiber dieser Entwicklung“ bezeichnet. Sie eröffne den Internetagenturen immer
wieder neue Geschäftsfelder.

„Im Geschäftsjahr 2016“, so das Ergebnis der 2017 veröffentlichten Studie, „erwirtschafteten die Full-Service-Digitalagenturen Honorarumsätze in Höhe von 1,69 Milliarden Euro. Das sind 262 Millionen mehr als im Vorjahr (1,43 Milliarden Euro). Damit wuchsen die Agenturen um 18,3 Prozent. Auch die Anzahl der Beschäftigten stieg um mehr als zehn Prozent von 14.315 auf 15.858 an. Allein die laut Internetagentur-Ranking nach Umsatz 50 größten Agenturen haben einen Umsatz von 1,36 Milliarden Euro erwirtschaftet und beschäftigen 11.697 Mitarbeiter.“ Auch wenn die aktuelle Studie mit den neuen Zahlen für das Jahr 2017 erst in diesem April veröffentlicht wird, ist der langjährige Aufwärtstrend weiterhin offensichtlich. Dazu Anke Herbener, Vorsitzende des Fachkreises Full-Service-Digitalagenturen im BVDW: „Mit einem Wachstum von mehr als 18 Prozent liegen die Full-Service-Digitalagenturen deutlich über dem Durchschnitt anderer Branchen. Auch die Zukunftsaussichten sind sehr positiv. Ein wichtiger Grund dafür ist die steigende Nachfrage nach Beratungsleistungen rund um die Digitale Transformation. Hier setzen die Full-Service-Agenturen mit ihrem Leistungsportfolio an. Das bietet ihnen auch in den nächsten Jahren beste Voraussetzungen
für weiteres Wachstum.“

EU-Datenschutz-
grundverordnung

Dabei unterscheidet die bundesweite Gesamtbranche zwischen sieben Schwerpunkt-Ausrichtungen, die je nach Agentur auch in Mischformen anzutreffen sind. Hat ein Teil der Anbieter seine Kernkompetenz im Bereich „Marketing/Branding“, konzentrieren sich andere Agenturen auf den „E-Commerce“. „Business Transformation“ oder der Bereich „Services/Information/Platforms“ sind ebenso Spezialisierungsrichtungen wie „Online-Plattformen“ oder Anbieter für die Kernaufgabe „Intranet“. Zunehmendes Wachstum ist schließlich auch bei den Internetagenturen zu sehen, die sich dem neuesten Trend „Mobile“ verschrieben haben. Bevor also die Entscheidung zur Zusammenarbeit mit einem relevanten Anbieter fällt, sollten sich Unternehmer klarmachen, welche Erwartungen sie an ihre Präsenz im Internet haben. Mit einem richtigen Agentur-Briefing lässt sich dann die Internetagentur suchen, die in möglichst vielen Kompetenzfeldern die richtige Schnittmenge zwischen Selbstdarstellung, Werbeplattform und Vertriebstool bedient.

Eines der Kernthemen in den Gesprächen zwischen Kunde und Agentur wird dabei in absehbarer Zeit sicherlich die neue EU-Datenschutzgrundverordnung sein. Ab dem 25. Mai 2018 gelten mit diesem Regelwerk erstmalig einheitliche Datenschutzregeln für alle europäischen Unternehmen. Und damit muss die digitale Privatheit (E-Privacy) in den Fokus jedes Unternehmers rücken, der sich auch künftig rechtssicher im digitalen Business bewegen will. Hingegen prophezeit Thomas Duhr, Vizepräsident im BVDW, dass mit der geplanten E-Privacy-Verordnung das Gegenteil von Datensparsamkeit erreicht wird. „Der aktuelle Entwurf der Verordnung zwingt Nutzer zur Preisgabe von mehr Daten als zuvor und führt zu mehr eindeutiger Identifizierung und weniger Anonymität im Netz“, so die Befürchtung des BVDW. Thomas Duhr: „Brüssel möchte mit dieser Verordnung den Verbraucherdatenschutz stärken – und wird genau das Gegenteil erreichen. Dass diese E-Privacy-Verordnung in irgendeiner Form den Datenschutz verbessern soll, ist eines der größten Missverständnisse in der Geschichte der EU-Gesetzgebung.“ Duhr sieht künftig für Unternehmer und Verbraucher zwei Probleme: „Einerseits würde eine solche Regelung die Finanzierungsmodelle der meisten durch Werbung finanzierten und kostenfrei zugänglichen journalistischen Inhalte und Services im Internet untergraben – mit nicht absehbaren Auswirkungen auf die Meinungsvielfalt“. Andererseits wird sich der Trend hin zu Log-in-basierten Modellen nicht vermeiden lassen, denn für praktisch jede Form der Datenverarbeitung wird eine Einwilligung des Users erfolgen müssen, so der Vizepräsident des BVDW.

Influencer-Marketing

Jenseits der großen, datenschutzrechtlichen Fragen bewegt die Branche aber auch das zunehmend relevante Internet-Phänomen des Influencer-Marketings. Anke Herbener vom BVDW: „Influencer-Marketing beschreibt Vereinbarungen zwischen werbungtreibenden Unternehmen und Influencern (also zum Beispiel Blogger, YouTuber oder Instagrammer mit hoher Reichweite). In der Regel geht es dabei um Produktplatzierungen, wobei der Influencer unter entsprechender Kennzeichnung Werbung für ein Produkt umsetzt, in der Regel durch Berichterstattung auf dem jeweiligen Social-Media-Kanal.“ Dabei kann die Glaubwürdigkeit dieser Art von Produkt-Publicity sehr unterschiedlich wahrgenommen werden und ist wohl auch eine Frage der Zielgruppen-Affinität zwischen Kosmetik-Girlie und Marmeladen-Oma. Unternehmen können dafür direkt an Influencer herantreten oder die Dienstleistungen auch hier über Agenturen und Plattformen nutzen, die entsprechend passende Influencer suchen und vermitteln. Emrich Welsing I redaktion@revier-manager.de

Ausgabe 03/2018