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Digitalisierung der Medizin

Am Anfang war die Fitness-App

Digitale Lösungen in der Medizin sollen die Gesundheitsversorgung verbessern und Kosten reduzieren. Es gibt aber noch offene Fragen – zum Beispiel wie smart Daten dort sind.



Die Anforderungen und Erwartungen an digitale Lösungen in der Medizin sind besonders hoch, denn hier geht es um unser aller höchstes Gut: unsere Gesundheit. Umso intensiver wird in dieser Disziplin diskutiert und probiert, wie die Digitalisierung die Gesundheitsversorgung verbessern sowie Kosten reduzieren kann und Risiken, allen voran der Schutz persönlicher Daten, dabei gleichzeitig gering gehalten werden. Fakt ist: Die Digitalisierung hat bereits in allen Bereichen des Gesundheitswesens Einzug gehalten und schreitet unaufhaltsam voran. Patientinnen und Patienten können mit ihrer elektronischen Gesundheitskarte vorsprechen, per E-Mail oder personalisierter App mit Arzt oder Krankenkasse kommunizieren und ihr eigenes Verhalten mithilfe von Apps und Wearables tracken und messen. In Kliniken führen Ärzte mithilfe von Laptops bzw. Tablets Visiten durch und Vitaldaten, Laboruntersuchungen, Röntgen- oder MRT-Aufnahmen werden digital verarbeitet. In modernen Kliniken wie zum Beispiel im Uniklinikum Essen erreichen die Daten eines Unfallopfers die Notaufnahme sogar, noch bevor der Patient selbst dort ist – lebensrettende Maßnahmen können somit noch besser vorbereitet werden. Roboter assistieren sowohl beim Operieren als auch in Modellprojekten bei der Pflege älterer und immobiler Menschen. Und alle großen Krankenkassen bieten umfassende digitale Tools für ihre Versicherten an: Das reicht vom Video-Chat mit Fachärzten über Online-Stress-Coaching und interaktive Depressionshilfe bis hin zur
virtuellen Stottertherapie.

Telemedizin: Therapie aus der Ferne zunehmend erlaubt

Besonders die Telemedizin wird in diesem Zusammenhang immer wichtiger in Deutschland. Denn die Behandlung und Beratung mithilfe digitaler Medien kann viele Vorteile mit sich bringen: Zum Beispiel können Wege und Wartezeiten vermieden, bewegungseingeschränkte Personen effektiver versorgt und allgemeine Beschwerden von Patienten schneller diagnostiziert werden. Da hier viel Geld eingespart werden kann, dürften sich vor allem die Krankenkassen über die kürzlich vollzogene Lockerung des sogenannten
Fernbehandlungsverbotes freuen.

Ärztinnen und Ärzte in Deutschland dürfen seit Mai 2018 in bestimmten Situationen ausschließlich via Video-, Online-Chat oder Telefon therapieren. Sogenannte Fernbehandlungen waren zuvor hierzulande nur erlaubt, wenn Patient und Arzt bereits persönlich miteinander zu tun hatten. Diese Regel haben die Delegierten beim Deutschen Ärztetag geändert und einige Landesärztekammern, zum Beispiel Schleswig-Holstein, Sachsen und Westfalen-Lippe, haben diese Änderung schon in ihre Berufsordnung übernommen. „Wir wollen und müssen diesen Prozess gestalten und dieses Feld mit unserer ärztlichen Kompetenz besetzen“, so Dr. Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der Bundesärztekammer. Er ergänzte aber auch: „Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt stellt weiterhin den ‚Goldstandard‘ ärztlichen Handelns dar.“ Deswegen gibt es bei der reinen Online-Behandlung auch Einschränkungen: Die Therapie muss „ärztlich vertretbar“ sein, die „erforderliche ärztliche Sorgfalt“ gewahrt bleiben und der Patient muss über die besondere Therapie informiert werden – eine reine Online-Therapie ist also nur im Einzelfall angebracht.

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Chancen und Risiken

Auch Entscheider in Unternehmen müssen sich zunehmend der Frage stellen, welche digitalen Lösungen sich wie in ihrem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) integrieren lassen. Dabei kann man drei Kategorien unterscheiden: Gesundheits-Apps, tragbare Sensoren (Wearables) und Gesundheitsportale. Idealerweise – das hängt natürlich von den individuellen Voraussetzungen im Betrieb ab – sind alle drei Systeme installiert und miteinander verbunden: Daten, die über mit Wearables (z. B. Armbändern oder Smartwatches) verbundenen Apps gewonnen werden, fließen in das interne Online-Gesundheitsportal ein, um auch ein genaues Gesundheitsmonitoring durchzuführen. Dadurch ergeben sich für Unternehmer potenziell viele Chancen: „Mit digitalen BGM-Angeboten kann man sehr gut Zielgruppen erreichen, die man vorher in der Form nicht erreicht hat, zum Beispiel junge Mitarbeiter, die digital sehr affin sind, oder Manager auf Reisen“, erklärt Dr. Utz Niklas Walter, Geschäftsführer des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) in Konstanz, einer Ausgründung von Wissenschaftlern der Universitäten Konstanz, München (TU) und Karlsruhe (KIT). „Challenges“, die man wunderbar mit digitalen Tools durchführen kann, wecken zudem das Lockere und Spielerische bei Mitarbeitern und motivieren so besser zur persönlichen Gesundheitsförderung. Noch steckt das digitale BGM aber in vielen Bereichen in den Kinderschuhen – vor allem die Gesundheits-Apps. „Viele Applikationen sind einfach noch nicht messgenau“, so Walter. Ob zum Beispiel ein bestimmtes Online-Gesundheitsportal qualitativ hochwertig ist, ließe sich an Prüfsiegeln ablesen, die Krankenkassen oder bestimmte Fachverbände vergeben. Die meiste Kritik im Zusammenhang mit gesundheitsbezogenen digitalen Tools bezieht sich indes auf das Thema Datenschutz und -umgang. Mit der neuen DSGVO im Mai 2018 konnte zumindest etwas Licht ins Dunkle gebracht werden. Welche Daten aber in welcher Aufbereitung wirklich sinnvoll sind – darüber wird in der Fachwelt durchaus kontrovers diskutiert. Denn: Besonders viele gesundheitsbezogene Daten über eine Person bedeuten noch lange nicht auch besonders gute Daten! Nicht nur Quantität, sondern auch Qualität in Form von intelligenter Verarbeitung und Nutzung sind wichtig.

So heißt es passend dazu im Fazit und Ausblick des Trendreport 2017 „Digitalisierung der Medizin“ des Clusters Innovative Medizin.NRW: „Die Digitalisierung der Medizin hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung entscheidend zu verbessern. Digitale Innovationen werden zunehmend leistungsfähiger und tragen dazu bei, dass Patientinnen und Patienten selbstbestimmter und aktiver am Gesundheitssystem teilnehmen und von individuellen Behandlungsverfahren profitieren können. Voraussetzung dafür ist eine breite Akzeptanz der Nutzerinnen und Nutzer, die vor allem dadurch erreicht wird, dass dem Wunsch nach Transparenz und Kontrolle über die eigenen Daten Rechnung getragen wird.“ Und über allem steht die alles entscheidende Frage: „Wie kann eine Transformation von 'Big Health Data' in 'Smart Health Data' gelingen?“

Thomas Corrinth I redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 07/2018