Werkzeugzentrum der Nation

Vom Kleinschmiedehandwerk zur Werkzeugindustrie: Remscheid steht für bekannte Namen und innovative Technik.
Stillstehen zum Gruppenfoto: Hazet-Belegschaft
Stillstehen zum Gruppenfoto: Hazet-Belegschaft

Wasserreiche Flüsse und Bäche, ausgedehnte Wälder sowie Eisenerze aus dem Siegerland waren die Basis der gewerblichen Tätigkeiten im Bergischen Land. In der jahrhundertelangen Tradition bäuerlich-handwerklicher Werkzeugfertigung und überregionaler Handelsbeziehungen waren vom ausgehenden Mittelalter bis in das 17. Jahrhundert Sicheln und Sensen die Hauptprodukte. Weil im 17. Jahrhundert die Eisenerz-Verhüttung im Raum Remscheid immer unwirtschaftlicher wurde, weil der Verhüttungsprozess riesige Schneisen in die Wälder der Region geschlagen hatte, wurde Holz Mangelware. Nun entwickelte sich die „Veredelung“ von Roheisen; das Kleinschmiedehandwerk mit einem umfangreichen Werkzeugsortiment wurde wichtigster Erwerbszweig im Remscheider Raum. 1845 boten über 600 Schmiede zusammen mit rund 50 Handelshäusern mehr als 2.000 verschiedene Werkzeugtypen und Kleineisenartikel an: Beitel, Bohrer, Feilen, Hämmer, Sägen, Zangen, Schrauben, Schlittschuhe, Bügeleisen, Kaffeemühlen und andere Haushaltsartikel. Die Exporte gingen bis nach Amerika, Russland und Südostasien.

2.000 Werkzeugtypen


Remscheid und das Bergische Land entwickelten sich zum größten deutschen Werkzeugzentrum. Remscheid wurde nach Hamburg und Berlin drittgrößte Exportstadt Deutschlands. Schließlich ersetzten Bearbeitungszentren und Automaten die schwierige Handarbeit. Das Fertigungsprogramm blieb das Gleiche: Hämmer, Ausbeulwerkzeuge, Beitel und Installationswerkzeuge, Schraubendreher, Schraubenschlüssel, Zangen und Spezialwerkzeuge. Irgendwann hat der Maschinenbau in Remscheid den ersten Rang in der Industriestatistik übernommen. Aber immer noch sind in 300 Betrieben 7.000 Mitarbeiter in der Werkzeugindustrie beschäftigt, die sich ihren mittelständischen Charakter erhalten hat.

Wiege der Mannesmänner


Klangvolle Namen sind im Remscheider Unternehmensspektrum zu finden. Mindestens zwei berufen sich auf die gleichen Wurzeln des Jahres 1796: Die entstammen bei „AM“, der „A. Mannesmann Maschinenfabrik“ ebenso wie bei der „Brüder Mannesmann AG“ der familiären Nähe zur bekannten Mannesmann-Dynastie. Die Brüder Reinhard und Max Mannesmann erfanden 1885 in der Feilenhauerwerkstatt ihres Vaters das revolutionäre Walzverfahren zur nahtlosen Röhrenherstellung. Sie verließen schon 1890 die Stadt, als die kontinentalen Gesellschaften zur Deutsch-Österreichischen Mannesmannröhren-Werke AG, Düsseldorf/Berlin, einem der größten Unternehmen überhaupt, zusammengefasst wurden. Dem genialen Brüderpaar missfielen schnell die Einmischungen von Investoren: Sie schieden 1893 aus dem Vorstand aus und verließen nach einigen Jahren das Unternehmen ganz. Max Mannesmann werden allein 1.000 technische Erfindungen zugeschrieben, die Brüder waren weltweit aktiv, geniale Erfinder, aber wohl keine Unternehmer. Im Jahr 2000 wurde der damalige DAX-Konzern in der mit einem Kaufpreis von 190 Milliarden Euro bis heute teuersten Übernahme der Welt vom britischen Mobilfunkunternehmen Vodafone übernommen. Die Marke „Mannesmann“ und die älteste Wurzel des Mannesmann-Konzerns, die Röhrenproduktion der Mannesmannröhren-Werke, gehören seitdem zur Salzgitter AG.„AM“ produziert heute mit 180 Mitarbeitern hochpräzise Maschinenelemente, die in Maschinen und Anlagen für Windkraft- und Solartechnik, im Generatorenbau, in der Lasertechnik, Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik und Kernkrafttechnik eingesetzt werden. Alfred und Carl Mannesmann gründeten 1931 die „Brüder Mannesmann GmbH“. Das Unternehmen stellte Schellen für Wasserleitungen her, Handwerkszeuge und Elektrowerkzeuge komplettierten später das Programm. Als „Brüder Mannesmann AG“ bietet das Unternehmen heute 8.000 Werkzeugartikel an. Stahl ist auch das Ausgangsmaterial, dem sich die Firma Kuhler schon seit 1798 widmet. Damals begründete Hermann Kuhler in Remscheid-Haddenbach die Keimzelle des Unternehmens, einen Rohstahlhammer. 1938 erwarben der Kaufmann Oskar Jörres und der Schmiedefachmann Helmuth Hombrecher das Dampfhammerwerk, das auch heute noch im Familienbesitz ist und sich auf die Wärmebehandlung von Qualitätsstahl und Edelbaustahl spezialisiert hat und Stahlrohre und Schmiedestücke vergütet.

Profi-Handwerkszeuge


Um Schmiedestücke ging es auch bei Johann Christian Peter Müller, der sich 1827 als Kleinschmied für handgeschmiedete Zangen in Remscheid niederlässt. Sohn Carl Julius nennt das Unternehmen „Cimco“, das schnell zum führenden Hersteller von Werkzeugen für den Profi-Handwerker wird. Auch in sechster Generation werden heute Werkzeuge hergestellt; das Unternehmen mit einer Lagerhaltung von 8.000 Artikeln ist zum international gefragten Hersteller und Distributor hochwertiger Handwerkzeuge, insbesondere für Elektrowerkzeuge, geworden. Saubere und präzise Schnitte lassen bei der Firma August Blecher schon seit mehr als 150 Jahren die Sägeblätter rotieren. 1859 gründete Carl August Blecher zunächst ein Handelsgeschäft. Mit dem Eintritt von Sohn Hermann begann 1882 die Fertigung von Sägeblättern aller Art. Seit 1986 führt Henner Blecher das Unternehmen, das die verschiedensten Sägeblatt-Technologien umsetzt: Papierkreismesser wurden für einen besonders sauberen Schnitt von auf Rollen gewickelten Hygienepapieren wie Toilettenpapier, Küchenpapier, Papierhandtücher sowie Schutzpapier für Krankenliegen und gefaltete Papierhandtücher entwickelt.

Zum Sieg geschraubt


Auch die 1868 gegründete Werkzeugfabrik Hazet wurde nach den – als Buchstabe ausgesprochenen – Initialen des Firmengründers Hermann Zerver benannt und gehört zu den weltweit führenden Unternehmen in dieser Branche. Hobeleisen, Sägensetzer, Scharniere und Kugelschlösschen wurden im kleinen Wohnhaus mit Werkstatt am Vieringhauser Hof produziert. 1874 zieht die Familie in ein neues Wohnhaus mit Schmiede. Das Fabrikationsprogramm wird um Schleppen für Türen, Kugelschlösser für Nachtschränke und Kugelgelenke für Mähmaschinen erweitert. Schließlich entwickelt sich Hazet zu einem führenden Hersteller von Spezialwerkzeugen für die Automobilindustrie in Deutschland. Ein für das VW-Käfer-Ersatzrad passender Werkzeugkasten wird zum Verkaufsschlager, später zum Kultobjekt. Auch Porsche setzt bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf Hazet-Werkzeuge: „Mit Hazet zum Sieg geschraubt“, formuliert die Werbung. Das Hauptwerk ist heute eine der modernsten Werkzeugproduktionsstätten in Europa. 5.500 verschiedene Produkte gehören zum Sortiment für den automotiven und industriellen Bereich sowie für die Luftfahrttechnik. Mittlerweile ergänzen Bits, Steckschlüsselsätze, Drehmomentschlüssel sowie Pneumatik- und Abziehwerkzeug-Programme das traditionelle Programm.

Heißes Wasser ohne Ruß


Johann Vaillant lässt sich 1874 in Remscheid als „Kupferschmied und Pumpenmacher“ nieder und eröffnet eine Meisterwerkstatt für Installationsarbeiten. Mehrfach revolutioniert Johann Vaillant den Heiztechnikmarkt – zum ersten Mal mit der Erfindung des Gasbadeofens „geschlossenes System“, der 1894 unter der Nummer 18788 beim Deutschen Patentamt in Berlin patentiert wurde. Vaillant war es als Erstem gelungen, Wasser indirekt zu beheizen, ohne dass es mit dem Heizgas in Berührung kam und durch Ruß verunreinigt werden konnte. 1899 wählt Johann Vaillant das Bild eines Osterhasen in einem Ei als Markenzeichen, was ihn zu einem Marken-Pionier in der deutschen Konsumgüterindustrie macht. Heute ist der Vaillant-Hase eines der bekanntesten Markenzeichen in Europa. 1924 entwickelte das Unternehmen den ersten Zentralheizungskessel, 1961 das weltweit erste wandhängende Heizgerät. Zuletzt brachte Vaillant eine neue Gerätegeneration auf den Markt, die wieder Maßstäbe setzt. Nachhaltigkeit aus Rem­scheid.
Reinhold Häken | redaktion@rhein-wupper-manager.de

Ausgabe 08/2017