Vom (Müll-)Sammler zum Energieversorger

Deutschland gehört zu den Vorreitern in der Abfallverwertung. Doch der Weg von der Haldenwirtschaft hin zu einem vielseitigen und wertschöpfenden Industriezweig ist europaweit noch lange nicht abgeschlossen.
Abfälle als Rohstoff (Foto: © andrea lehmkuhl – stock.adobe.com)
Abfälle als Rohstoff (Foto: © andrea lehmkuhl – stock.adobe.com)

Altöl, Altpapier, Bioabfälle, Brennstoffe, Datenträger und Akten, Elektronik, Glas, Kunststoffe, Mineralien, Möbel, Schrott, Sonderabfälle, Textilien – vor wenigen Jahren war das alles nichts weiter als Abfall, der abgeholt und gelagert, bestenfalls verbrannt wurde. Die Unternehmen der dazugehörigen Branche waren in erster Linie Logistiker – im System der Abfallwirtschaft. Heute definiert sich der Industriezweig als „Kreislaufwirtschaft“, was deutlich mehr ist als einfach nur eine Begriffswandlung. Der Wert von Müll als Lieferant für Sekundärrohstoffe und Grundlage zur Energieerzeugung ist erkannt, außerdem ist der Umweltschutz stark ins Zentrum des Interesses gerückt.
Dass gerade der Umweltschutz mehr sein kann als die Verwertung von Haus- und Gewerbeabfällen zeigt z.B. Mitwirkung der Tönsmeier-Gruppe mit Sitz in Porta Westfalica am „Geisternetze“-Projekt des WWF (World Wide Fund For Nature) Deutschland. Die Umweltorganisation sammelt seit mehreren Jahren die sogenannten Geisternetze – herrenlos umhertreibende Fischernetze – in der Ostsee ein. Diese machen nach Angaben des WWF fast ein Zehntel des weltweiten Meeresmülls aus und gefährden alle Meereslebewesen, die sich darin verfangen können. Seit diesem Jahr ist die Tönsmeier-Gruppe als Vertreter der Kreislaufwirtschaft strategischer Partner im Projekt. Sie berät den WWF in der nachhaltigen Verwertung der Netze. Dazu werden zunächst die Informationen zu Größe, Zusammensetzung und Verschmutzungsgrad der gefundenen Netze gesammelt, auf der Basis die ideale Verwertung ermittelt und alles wissenschaftlich dokumentiert, um die Erfahrungen aus dem Ostseeprojekt später auch weltweit nutzen zu können.
Experten der Tönsmeier-Gruppe waren – in Partnerschaft mit der TU Braunschweig, TU Clausthal, RWTH Aachen, dem ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, Öko-Institut e.V., dem Umweltministerium NRW und der AML Abfallentsorgungsbetrieb des Kreises Minden-Lübbecke – im Übrigen auch an dem mehrjährigen Forschungsprojekt „Entwicklung innovativer Verfahren zur Rückgewinnung ausgewählter Ressourcen aus Siedlungsabfall- und Schlackendeponien“ beteiligt. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt kam zu dem Schluss, dass der Rückbau von Deponien nicht nur technisch möglich, sondern auch ökologisch sinnvoll ist. Im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen konnten bezogen auf die dreijährige Projektphase noch keine Vorteile erkannt werden – bei veränderten Rahmenbedingungen sei aber auch das möglich. (Anna Breitenstein, Karsten Kieckhäfer und Thomas S. Spengler: „TönsLM – Rückgewinnung von Wertstoffen aus Siedlungsabfall- und Schlackendeponien“).

Beitrag zur Energieversorgung 


Ökonomisch bedeutender ist da schon jetzt der Beitrag der Kreislaufwirtschaft zur Energieversorgung. Müllverbrennungsanlagen beispielsweise dienen nicht mehr nur zur Beseitigung von Abfallmengen, sondern liefern Wärme und Strom. Die Verbrennung von einer Tonne Müll entspricht in etwa der Wärmeenergie von 250 Litern Heizöl. Mit 19 Millionen Megawattstunden pro Jahr werden rund drei Prozent des Stroms in Deutschland aus Abfällen erzeugt. Gas aus Biogasanlagen wird als Brennstoff verwendet und kann mit entsprechender Nachbehandlung sogar Kraftfahrzeuge antreiben. Noch am Anfang stehen europaweit die Möglichkeiten zur sinnvollen Nutzung von Deponiegasen. So sind die Unternehmen der Abfallentsorgung heute schon Teil der Energiewirtschaft, was sich auch in politischen Konstellationen niederschlägt. Die Einbindung der Branche, insbesondere der Müllverbrennungsanlagen, in die „Energy Union Strategy“ der Europäischen Kommission ist ein guter Beleg für den EU-weiten Austausch zwischen Politik und Verbänden.
Deutschland nimmt in der Technologie der Energiegewinnung und Wiederverwertung eine Vorreiterrolle ein. Die zu verarbeitende Abfallmenge ist in Deutschland laut dem „Branchenbild der deutschen Kreislaufwirtschaft“, einer im Mai im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) veröffentlichten Prognos-Studio, auf 392 Millionen Tonnen pro Jahr angewachsen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2012 bereits 78,9 Prozent des Abfallaufkommens in Deutschland verwertet, der Durchschnittswert aller 28 EU-Staaten lag bei gerade mal der Hälfte der Abfallmenge. Schon deshalb sieht Peter Kurth, Präsident des BDE, die deutsche Kreislaufwirtschaft als Impuls- und Ideengeber für andere Staaten. Um aber wirklich effektiv zu Klimaschutzzielen beitragen zu können, müssten international noch stärkere Rahmenbedingungen formuliert werden. „Die Deponierung von unbehandelten Abfällen muss europaweit verboten werden“, fordert Kurth. Laut „Branchenbild“ könnten in Europa allein durch eine konsequente Kreislaufwirtschaftspolitik bis 2030 mehr als zehn Prozent der europäischen Kohlendioxid-Reduktionsziele erreicht werden.

70 Milliarden Euro Umsatz


Die Studie zeichnet auch erstmals ein kompletteres Bild der Branche in Deutschland. „Erstmals wurden alle Wertschöpfungsstufen der Kreislaufwirtschaft betrachtet“, sagt Kurth. „Bisher waren beispielsweise die für die Branche gebauten Maschinen sowie der Handel mit Sekundärrohstoffen außen vor geblieben.“ Insgesamt weist das „Branchenbild“ 250.000 Mitarbeiter in 11.000 Unternehmen aus. „Damit sind genauso viele Menschen in der Kreislaufwirtschaft beschäftigt wie in der Energieversorgung und fast viermal so viele wie in der Wasser- und Abwasserwirtschaft.“ Innerhalb des Industriezweiges werden jährlich rund 70 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Und die Recycling-Unternehmen innerhalb der Branche haben wachsenden Anteil daran: Lag ihr Umsatz 2012 noch bei 9,89 Millionen Euro, war er nach Angaben von statista.com zwei Jahre später bereits auf 11,5 Millionen Euro angewachsen.

Rechtliche Rahmenbedingungen


Die ersten gesetzlichen Maßnahmen rund um Abfallbeseitigung und Städtereinigung stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Damals entstand in Hamburg die erste Müllverbrennungsanlage (1896). Vordergründig waren Verbesserungen der hygienischen Verhältnisse, was im Laufe der Jahrzehnte zu weiteren Vorschriften führte, wie der „Allgemeine Anschluss- und Benutzungszwang für die Müllabfuhr und die Abwasserkanalisation“, die 1935 in der Gemeindeordnung festgeschrieben wurde. Erst ab den 1970er-Jahren aber begann ein bewussterer Umgang mit dem Thema Abfall, der schließlich auch in den ersten Strategien zur Abfallvermeidung als vorsorgendem Umweltschutz mündete. Die 1991 durch die Bundesregierung beschlossene Verpackungsverordnung führte zur Gründung der „Duale System Deutschland GmbH (DSD)“ und Einführung des „Grünen Punktes“ auf Verpackungen, die gesammelt und verwertet werden sollten. Das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz trat 1996 erstmals in Kraft und Gewerbe und öffentliche Einrichtungen trennen ihren Abfall seit 2003 nach den Vorgaben der Gewerbeabfallverordnung.
Permanente Novellierungen der bestehenden Gesetze und Verordnungen sorgen in der Branche weiter für Bewegung – immer vor dem Hintergrund der Verbesserung des Umwelt- und Klimaschutzes sowie der Ressourcenknappheit. „Veränderungen in der Kreislaufwirtschaft werden aber nicht nur durch den Gesetzgeber erzeugt, sondern auch durch die Art, wie unsere Gesellschaft lebt, wohnt, arbeitet, konsumiert und wie sie ihre Werte definiert“, heißt es im „Branchenbild der deutschen Kreislaufwirtschaft“. Und weiter: „Die Unternehmen der Kreislaufwirtschaft sind bereit, weitere Veränderungsprozesse mitzugestalten, zu organisieren und zu finanzieren. Die Qualität und der Umfang der stofflichen und energetischen Verwertung der Abfallmengen ist aber eng mit dem wirtschaftlichen Betrieb und damit der gesicherten Auslastung der Anlagen verbunden.“ Darum fordern die Branchenverbände deutschland- und europaweit eine noch verbindlichere Umsetzung geltender Regelungen, insbesondere in der Verwertung von Kunststoff- und Gewerbeabfällen. Nur so sei die Weiterentwicklung vom ehemaligen Sammeln, Transportieren und Deponieren hin zu einer sinnvollen und wirtschaftlichen Wertschöpfung dauerhaft zu gewähr-leisten.

Stefan Mülders | redaktion@rhein-wupper-manager.de

Ausgabe 06/2016