Produktion: Textilien können fliegen

Produktion in Deutschland: erfolgreich in der Kombination von Technologien und mit neuen Verfahren, Materialien und Werkstoffen.
Laser in der Produktion (Foto: ©Andrey Armyagov – stock.adobe.com)
Laser in der Produktion (Foto: ©Andrey Armyagov – stock.adobe.com)
Deutsche Unternehmen stehen zwar selten an der Spitze der technologischen Entwicklung, kombinieren aber sehr erfolgreich verschiedene Spitzentechnologien. Sie entwickeln und fertigen individuell angepasste und qualitativ hochwertige Produkte für einen starken nationalen Markt bei einer gleichzeitig traditionell hohen Weltmarktorientierung. Die deutsche Netzwerkökonomie mit ihren Clustern aus Zulieferern, Wissenschaft, Bildung und Infrastruktur kann dadurch komplexe Aufgaben besonders gut bewältigen, ist der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) überzeugt. Er analysiert bei einigen aktuellen „Dellen“ für das vergangene Jahr einen Anstieg der Produktion um 2,5 Prozent und eine Steigerung der weltweiten Industrieproduktion. Deutschland ist danach weltweit zweitgrößter Exporteur von Industriegütern und konnte seine Position in den vergangenen Jahren besser behaupten als viele Wettbewerber. Es gibt nur acht Länder mit überdurchschnittlichem und wachsendem Industrieanteil: Dazu gehören auch Thailand, Korea, Vietnam und Tschechien. Das verarbeitende Gewerbe dominiert hier den Außenhandel, der Anteil in Deutschland ist mit 72 Prozent allerdings um 21 Prozentpunkte höher als der weltweite Durchschnitt.

Entwicklung und Wandel

Am Anfang war die Dampfmaschine. Dann kamen die Fließbänder, später die Computer. Inzwischen ist unter dem Schlagwort Industrie 4.0 die vierte industrielle Revolution eingeläutet: Damit wird nicht nur die industrielle Entwicklung weiterer Technologien beschrieben, sondern auch die geänderte Produktions- und Arbeitswelt im globalen Zeitalter. Mit Industrie 4.0 lässt sich die Produktion intelligenter, flexibler, individueller, effizienter und nachhaltiger gestalten, sind konsequente Vernetzung, Datenanalyse, Robotik und 3D-Druck nur einige der neuen Trends, die den Fertigungsbereich neu definieren. Längst wird in vielen Unternehmen nicht mehr auf Lager produziert, sondern nach dem tatsächlichen Bedarf. Just-in-Time-Strategien konnten dank der stetigen Weiterentwicklung in der Informationsverarbeitung und -technik umgesetzt werden.

Revolution Industrie 4.0

„Industrie 4.0 ist eine Revolution, die die 2020er Jahre bestimmen wird. Sie wird ganze Geschäftsmodelle und die Industrie weltweit verändern“, ist Siemens Chef Joe Kaeser von der zunehmenden Digitalisierung überzeugt. Es gehe in den kommenden Jahren darum, die technologische Führerschaft und Vordenkerrolle in der industriellen Produktion zu verteidigen. Er sieht Beispiele für digitalisierte Produkte in allen Branchen: So wurden in der Automobilindustrie herkömmliche Bremsanlagen mit elektronischen Steuereinheiten zu modernen Antiblockiersystemen, der Einsatz und die Vernetzung von Sensoren gewährleisten im Maschinenbau effizientere Produktionsabläufe und sogar die präventive Wartung von Maschinen und Anlagen. Neue Verfahren, Materialien und Werkstoffe spielten schon immer eine bedeutende Rolle, sind in der Entwicklungsgeschichte der Menschen immer wichtig gewesen. Sie haben sogar große Zeiträume wie zum Beispiel die Steinzeit, die Bronzezeit und die Eisenzeit so weit beeinflusst, dass sie ihnen sogar den Namen gaben. In jedem dieser Zeitalter gab es durch die Entwicklung neuer Materialien, Technologien und Anwendungsmöglichkeiten einen großen Entwicklungsschub.

Veränderung in die Zukunft

Veränderung kann beispielhaft für erfolgreiche Produktionen an einer Branche beschrieben werden, die nach der Holz- und Steinbearbeitung zu den ältesten Handwerken der Menschheit zählt. Historische Funde sind 30.000 Jahre alt, gewebt wurden Flachs- und Brennnesselfasern als Grundlage von Stoffen und Gewebe. Seitdem ist viel passiert: Der erste Nachweis für das Vorhandensein eines Webgerätes fand sich bei Ausgrabungen von Pfahlbausiedlungen aus der Jungsteinzeit (ca. 3000 v. Chr.). Das Handwerk zeigte sich auch in Folge innovativ, die Mechanisierung der Webstühle verdeutlichte, dass mit weniger Arbeitsaufwand mehr und billiger produziert werden konnte, Mechanik löste Menschenkraft ab, „Industrie 1.0“ machte sich auf den Weg. Der Mechanisierung folgten die Industrialisierung und die Automatisierung und damit grundsätzlicher Wandel: Seit Beginn der 1960er Jahre litt die Branche aufgrund zunehmender Konkurrenz aus Fernost. In der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie gingen rund 450.000 Arbeitsplätze verloren. Heute werden nur noch fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien im Lande hergestellt.

„Alte“ Branchen modern aufgestellt

Dennoch sind viele Unternehmen der „alten“ Branche mit Produkten erfolgreich unterwegs, die auf dem alten Handwerk fußen, mit innovativen Veränderungen aber auch in ganz neue Möglichkeiten aufbrechen. Die Unternehmen der Textilindustrie haben die Weltmarktführerschaft im Segment der technischen Textilien ausbauen können. Systematisch und sehr erfolgreich werden neue Forschungsergebnisse und kreative Ideen in innovative Produkte überführt. So wird beispielsweise Carbon-Beton das Bauen revolutionieren, denn das textile Material verbindet viele positive Eigenschaften miteinander: Textilbeton rostet nicht und ist länger haltbar, ist leichter und ressourcensparender. Technische Textilen finden sich im Flugzeugbau (Kohlfaserverbundtechnik), werden für den Boots- und Schiffbau (Polyesterverbundstoff) und die Bauindustrie (dauerhafte Textildächer wie die Allianz-Arena in München oder der Musicalbau Hamburg-König der Löwen) eingesetzt. Textilien haben in Autos, Bahnen, Flugzeugen und Schiffen wichtige Funktionen in puncto Komfort, Sicherheit, Akustik und Kraftstoffeinsparung, sind aber auch in Bereichen zu finden, in denen sie der Laie nicht vermutet. So werden im Münsterland besonders leichte und stabile Stoffe hergestellt, die maßgeschneidert in Form gebracht werden können – zum Beispiel für Brückenbauteile, Schiffe und Flugzeuge, aber auch für Windkraftanlagen und Sportgeräte.

Mit gutem Produkt auf Höhe der Zeit

Vliesstoffe filtern aber auch Flüssigkeiten, reinigen die Luft von Schadstoffen, fangen Feststoffe auf oder tragen zu optimalen Produktionsabläufen bei. Deshalb finden Vliesstoffe heute in zahlreichen Produkten Verwendung – oft auch im Verborgenen. Typische Einsatzorte sind: Bau, Hygiene, Pflege, Möbelbranche, Fahrzeuge. Gewebte Bauverbundfolien werden für Dach, Fassade und Keller eingesetzt, sorgen aber auch für Sicherheit: Auch bei Eschbach in Marsberg wird gewebt, es entstehen Schläuche insbesondere für Einsatzzwecke der Feuerwehr. Mehr als fünf Millionen Meter Schlauch stößt das Marsberger Unternehmen pro Jahr aus und macht deutlich, dass ein gutes Produkt in Verbindung mit guten Materialien auf der Höhe der Zeit bleiben und sogar immer besser werden kann.

„Strümpfe stricken können viele“

„Strümpfe stricken können viele Menschen und Unternehmen auf der Welt“, ist Franz-Peter Falke überzeugt, der im sauerländischen Schmallenberg deutlich macht, dass in Deutschland immer noch auch Textilien in ihrer „Grundform“ hergestellt werden können. Falke fertigt Socken, Wäsche und Sportbekleidung und betreibt mit 3.000 Mitarbeitern vom Sauerland aus Werke in Thüringen und Sachsen, aber auch im Ausland. „Wir sind Qualitätsfanatiker, Innovation wird bei uns großgeschrieben“, ist der Unternehmer überzeugt, der die Socken von Prinz Charles schneidert und sich längst im Hochqualitätsbereich der Textilbranche etabliert und damit ein uraltes Gewerbe durch innovative Veränderung in eine gute Zukunft geführt hat.

Hohe Lebensqualität

Auch woanders müssen Produkte und Konzepte ständig den sich ändernden Wünschen des Marktes angepasst werden. Es sind die guten Ideen, aus denen in Deutschland neue Produkte entwickelt werden. Die sind weltweit gefragt, genießen mit dem Qualitätssiegel „Made in Germany“ exzellenten Ruf. Handwerk, Gewerbe und Industrie forschen und experimentieren, suchen nach innovativen Lösungen. Viele Akteure sehen in der „Urbanen Produktion“ die Zukunft: flexible Produktionsform, die so schonend und verträglich angelegt sein sollen, dass sie an bestimmten Standorten im städtischen Umfeld bei gleichzeitig hoher Lebensqualität der Bevölkerung stattfinden können. Flexible Produktionsstätten ermöglichen individualisierte Produkte und kleine Stückzahlen, eine branchenübergreifende, interdisziplinäre und standortvernetzende Arbeitsweise. Lohn des Ganzen: ein hoher Freizeitwert und unter dem Strich eine hohe Lebensqualität. Reinhold Häken redaktion@suedwestfalen-manager.de
Ausgabe 02/2019