Weiterbildung: Rüstzeug im „War of Talents“

Lebenslanges und berufsbegleitendes Lernen ist die Grundvoraussetzung, um die Menschen in den Betrieben immer wieder für die Arbeitswelt der Zukunft fit zu halten. Und dabei haben viele HR-Verantwortliche nicht nur die Digitalisierung im Blick.
Foto: ©Tierney – stock.adobe.com
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„Nicht für die Schule sollst du lernen, sondern für das Leben!“ Mit dieser geflügelten Weisheit pflegte mich mein Vater dafür zu motivieren, mich konzentriert auf die Abiturklausuren vorzubereiten. Hatte unsere Generation dem in den 70ern vielleicht noch halbwegs Glauben geschenkt, wusste jedoch mein Sohn, einige Jahrzehnte später, auf meine wiederholten Motivationsversuche dieser Art immer nur eine Antwort: „Für das Leben lernt man in dieser Schule sowieso nichts!“ „Wie auch?“, möchte man sagen, denn in den wenigen, den Jahrtausendwechsel überlappenden Dekaden hat sich nicht nur das relevante Wissen derart exponentiell vervielfacht, sondern auch das Leben ist ungleich vielschichtiger, komplizierter und mit Blick auf die Karriereentwicklung unberechenbarer geworden. War Weiterbildung für uns früher noch eine mühsame Suche nach passenden Seminaren bei der Volkshochschule oder nach der entsprechenden Literatur in der Stadtbücherei, kann sich unsere heutige Jugend hingegen das Allgemeinwissen der ganzen Welt in kürzester Zeit online erschließen. Per Do-it-Yourself-Weiterbildung können Lernwillige im Internet auf eine unübersehbare Vielfalt an Schulungsvideos, Online-Tutorials, On-Demand-Webinaren oder E-Learning-Angeboten zugreifen. Vom Kochrezept bis zum Fernstudium spült die digitale Zauberwelt komprimiertes Wissen für jeden Ge- und Verbrauch auf die Monitore und Tonspuren in das mittlerweile sehr gut ausgebaute Homeoffice. Aber was ist davon zielführend?

Gütesiegel Zertifizierung

Zugegeben, das hat mal mehr, mal weniger mit der beruflichen Weiterbildung zu tun, die an vielen Arbeitsplätzen heute dringend erforderlich ist, um sich im Wettbewerb der Unternehmen oder auf den Sprossen der Karriereleiter zu positionieren. Hierfür sollte man sich eher der Dienste qualifizierter Weiterbildungsanbieter bedienen, die sich ihre hochwertige Leistung zumeist adäquat bezahlen lassen. Zu erkennen sind sie an etablierten Zertifizierungen der Branche wie zum Beispiel AZAV (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung), LQW (Lernorientierte Qualitätstestierung in der Weiterbildung) oder DIN ISO 29990 (siehe Infokasten). Öffentliche und private Hochschulen gehören ebenso zu diesem gleichermaßen qualifizierten wie vielfältigen Anbieterkreis wie Handwerks- und Handelskammern, private Bildungsinstitute oder auch, nach wie vor, die Volkshochschulen (zur Orientierung siehe www.weiterbildungsberatung.nrw). In vielen großen Unternehmen ist aber auch die betriebsinterne Weiterbildung ein fester Bestandteil der Firmenphilosophie geworden. „77 Prozent der deutschen Unternehmen nutzten im Jahr 2015 Weiterbildungsmaßnahmen zur Qualifizierung ihrer Beschäftigten“, berichtet das Statistische Bundesamt (Destatis) von einer Steigerung der Fortbildungsnachfrage um vier Prozent im Vergleich zu 2010. Die Zeiten, zu denen die Teilnahme an einem Seminar für Angestellte noch eine besondere Auszeichnung war und vielleicht als freundlicher Sonderurlaub verstanden wurde, sind schon lange vorbei. Heute profitieren Unternehmer nicht nur von kontinuierlich weitergebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern fördern auch den Fortbildungswillen ihrer Teams, um in der Firma jederzeit das aktuelle Branchen-Know-how oder die Expertise für die Bedienung der modernsten Maschinen parat zu haben.

Kundenorientierung und IT-Kenntnisse

Kein Wunder also, dass im Jahr 2015 fast zwei Drittel (64 Prozent) der absolvierten Fortbildungsstunden auf „technische, praktische oder arbeitsplatzspezifische Fertigkeiten“ entfielen. Zu 27 Prozent war die „Kundenorientierung“ Gegenstand der Schulungsstunden, gefolgt von „allgemeinen IT-Kenntnissen“ (20 Prozent), Führungskompetenzen (18 Prozent), der „Problemlösungskompetenz“ (17 Prozent) und dem Coaching der „Teamfähigkeit“ zu 16 Prozent. Überraschenderweise wurden nur zu sechs Prozent „Fremdsprachenkenntnisse“ geschult. Die Zahlen entstammen einer europäischen Erhebung, die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) alle fünf Jahre veröffentlicht wird. Befragt wurden hierbei 12.000 deutsche Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten. Die Unternehmer gaben 2015 auch eine Prognose ab und schätzen dabei, dass die „Kundenorientierung“ der Mitarbeiter neben ihren „allgemeinen IT-Kenntnissen“ das größte Fortbildungspotenzial für die zukünftige Unternehmensentwicklung haben würde. Berufliche Weiterbildung und kontinuierliche Neuorientierung sind nicht nur für Führungskräfte oder Gutverdiener wichtig. Um auch Menschen mit kleineren oder mittleren Einkommen Anreize zum lebensbegleitenden Lernen zu geben, hat die Landesregierung den „Bildungsscheck NRW“ im Jahr 2018 deutlich ausgebaut und die mit Fördermitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierten Angebote von fünf auf zunächst acht Millionen Euro erhöht. In der Perspektive sollten bis zum Jahr 2020 sogar jährlich 30 Millionen Euro abrufbar sein. Neben Beschäftigten und Berufsrückkehrern können seitdem auch Selbstständige eine finanzielle Unterstützung für Fortbildungskosten beantragen. „Mit dem Bildungsscheck leistet das Land einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Veränderungen am Arbeitsplatz – gerade mit Blick auf die Digitalisierung“, sagte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, damals noch nicht wissend, wie schnell und grundlegend sich die Veränderungen am Arbeitsplatz durch eine Pandemie entwickeln würden.

Innovationstreiber Weiterbildung

Wie die digitale Bildung von morgen aussieht, wird derweil vielfach erforscht, unter anderen in einem „kollaborativen Projekt zum Lernen mit digitalen Medien“ an der TU Dortmund. Ein wichtiger Impuls, denn „Führungskräfte in Deutschland sehen die Innovationsfähigkeit der Unternehmen hierzulande, etwa auf dem Gebiet der Digitalisierung, überwiegend skeptisch“, lautet eine Kernaussage der Studie „Führungskräfte-Radar“ aus dem April 2020, herausgegeben von der Bertelsmann-Stiftung. Das Problem: „Deutsche Unternehmen investieren zu wenig in Wissenskapital und nur wenige haben eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur“, so die Studie. Kaum eine Branche zeigt sich indes so innovationsoffen wie der Bildungsbereich, wo den Kunden für den „War of Talents“ das maßgeschneiderte Rüstzeug gegeben werden soll. Aus der realen Not, eine digital vernetzte Tugend zu schaffen, lautet das Ziel für viele Human-Resources-Verantwortliche: „In den letzten Jahren hat sich das Talentmanagement vieler Unternehmen stark auf den einzelnen Mitarbeiter konzentriert. Künftig steht stattdessen das Team an sich im Vordergrund und das zu Recht“, sagt Elton Schwerzel, der mit „Talentsoft“ eine cloudbasierte Software-Lösung für ein kontinuierliches Talentmanagement anbietet.
Emrich Welsing | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 03/2020